Nach den vielversprechenden Nominierungen wirkte die Oscar-Verleihung wie eine Enttäuschung. Zum ersten Mal hatte die Academy internationale Filme wie „Sentimental Value“ aus Norwegen und „Secret Agent“ aus Brasilien in der Kategorie als beste Filme nominiert. Doch am Ende waren es amerikanische Produktionen, die sämtliche Preise abräumten. Die großen Gewinner, „One Battle After Another“ und „Sinners“, waren auch mit den meisten Nominierungen ins Rennen gegangen. Beide sind aufwändig gemachte Filme, die mit Genre Elementen spielen und eine Botschaft verkünden.
Acht Mal war Paul Thomas Anderson seit „Boogie Nights“ für einen Oscar nominiert, jetzt hat er ihn endlich gewonnen, und zwar gleich mehrfach, für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch. „One Battle After Another“ ist sein kommerziellster und unterhaltsamster Film. Seine früheren Werke wie „Magnolia“, „There Will Be Blood“, „The Master“ oder „Thantom Thread” waren eher subtile Charakterstudien, jetzt schickt er seine Figuren auf eine wilde Zeitreise, unterlegt mit spektakulären Action- und Slapstick-Sequenzen.
„One Battle After Another“ ist erschreckend nah an der politischen Realität, ein unmissverständliches Statement gegen die brutale Abschiebepraxis der Einwanderungsbehörde ICE und ihre Schauspieler auf der Bühne gesagt hätten. Wenigstens Javier Bardem äußerte als Präsentator der Auszeichnung für den besten ausländischen Film seine Solidarität mit Palästina.
Dass als bester Dokumentarfilm ausgerechnet die dänisch-englisch-deutsche Produktion „Mr. Nobody Against Putin“ von David Borenstein und Pavel Talankin ausgezeichnet wurde, war kein Glanzlicht des Abends. Talankin ‚spielt‘ einen Lehrer in der russischen Provinz, der mit einer zunehmenden ideologischen Indoktrination im Klassenzimmer konfrontiert wird. Was als Dokumentarfilm präsentiert wird, wirkt hochgradig inszeniert; man fragt sich, wie es möglich ist, dass der widerständige Held ständig in der Schule gefilmt wird, und von wem.
„The documentary tries to heighten the stakes of Talankin’s story by casting his efforts under a pall of danger, dread or distress“ (Der Dokumentarfilm versucht, Talankins Geschichte noch dramatischer wirken zu lassen, indem er seine Bemühungen in ein Licht der Gefahr, der Angst oder der Not rückt), schreibt die New York Times in ihrer Kritik. Das Gefühl der Bedrohung, das der Film suggeriert, wirkt ebenso inszeniert wie der Film insgesamt. Fast könnte man vermuten, dass man es mit einem Mockumentary zu tun hat.
Zurück zum zweiten großen Gewinner des Abends, dem Vampirdrama „Sinners“, das auf rekordverdächtige 16 Nominierungen kam. Ryan Coogler inszeniert eine Geschichte aus dem deep south der 30er Jahre als schwarzes self empowerment. Weiße Vampire bedrohen einen schwarzen juke joint, wo ausgelassen getanzt und gesungen wird. Coogler bekam für die etwas wirre Geschichte, die er mit viel Blut und einem apokalyptischen Feuer in Szene setzt, den Preis für das beste Originaldrehbuch.
Michael B. Jordan wurde nicht ganz überraschend als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet, nachdem er wenige Tage zuvor schon den Preis der Schauspieler-Gewerkschaft SAG gewonnen hatte. Jordan spielt in einer Doppelrolle die Zwillinge Smoke und Stack, zwei schwarze Gangster aus Chicago, die sich von weißen Rassisten in Mississippi nicht einschüchtern lassen. Coogler zeigt Jordan gerne mit muskulösem Oberkörper, um dessen black power auch physisch zu unterstreichen. Allerdings verfügt Michael B. Jordan nur über eine geringe emotionale Bandbreite. „Jordan often seems like he’s playing blood pressure as an emotion” (Jordan wirkt oft so, als würde er Blutdruck als Emotion einsetzen), wie Wesley Morris in einem Portrait des Schauspielers in der New York Times bemerkt. Das funktioniert gut in den Action-Sequenzen, weniger überzeugend in stilleren Momenten. Der ebenfalls nominierte Wagner Moura, der die Hauptrolle in „Secret Agent“ spielt, wäre ohne Zweifel die bessere Wahl gewesen.
Angesichts des amerikanischen Angriffskriegs gegen den Iran fiel die ganze Veranstaltung politisch ziemlich zahm aus. Bis auf Jimmy Kimmels bissige Bemerkungen zu Trump und Melania waren mit Ausnahme von Javier Bardem wenig kritische Töne zu hören. Wehmütig erinnert man sich an Michael Moores zornige Tirade gegen George W. Bush wenige Tage nach dem Beginn des Irakkriegs im März 2003: „We’re against this war Mr Bush! Shame on you!“ ‚Oscars so white‘ wurde die Verleihung früher kritisiert. Jetzt könnte kann man sagen ‚Oscars so American‘. Mit „One Battle After Another“ gab es einen verdienten Gewinner. Im Übrigen feiert Hollywood sich selbst und möchte politische Kontroversen vermeiden.