Kein „America First“ bei den Oscars
Mit den meisten Nominierungen: Sinners (Ryan Coogler; © Warner Bros.)


Die Oscars sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Früher feierte Hollywood vor allem sich selbst. Alles andere galt als Skandal. So z.B. als Laurence Oliviers „Hamlet“ 1949 als bester Film ausgezeichnet wurde. „Hollywood freaked out because a British movie won. The horror!”, so Michael Schulman im New Yorker in Erinnerung an damals. Doch in den letzten Jahren hat sich manches geändert. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass 2012 der französische Film „The Artist“ auf Anhieb fünf Oscars gewinnen würde, darunter die Preise als bester Film, beste Regie für Michel Hazanavicius und bester Hauptdarsteller für Jean Dujardin. 2020 war „Parasite“ von Bong Joon-ho der erste asiatische Kandidat, der als bester Film ausgezeichnet wurde und außerdem den Oscar für die beste Regie, das beste Drehbuch und den besten ausländischen Film gewann.

Eine ähnliche Häufung an Preisen für einen nicht-amerikanischen Film ist in diesem Jahr nicht zu erwarten, aber es fällt auf, dass ausländische Filme in den zentralen Kategorien stärker vertreten sind. Mein persönlicher Favorit ist die brasilianische Produktion „O agente secreto“ (The Secret Agent) von Kleber Mendonça Filho, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Er ist zwar nicht für die beste Regie nominiert, doch hat der Film seit der Premiere in Cannes schon etwa 50 Preise gewonnen, darunter einen Golden Globe als bester ausländischer Film. Mit einem Golden Globe wurde auch Wagner Moura ausgezeichnet, der jetzt als bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert ist. Seit „Tropa de elite“ von José Padilho (2006) ist Moura zu einem internationalen Star avanciert. In der Netflix-Serie „Narcos“ spielte er den bauchigen Pablo Escobar ebenso überzeugend wie den zynischen Fotografen Joel in „Civil War“ von Alex Garland (2024).

Einen Rekord von neun Nominierungen gibt es für den norwegischen Beitrag „Sentimental Value“, der schon in Cannes fast die Goldene Palme und am Ende den Großen Preis der Jury gewann. Joachim Trier ist nicht nur als bester Regisseur, sondern auch für das beste Drehbuch nominiert, Renate Reinsve als beste Hauptdarstellerin und, neben Elle Fanning, überraschend die im Ausland völlig unbekannte Norwegerin Inga Ibsdotter Lilleaas, die im Film als Reinsves Schwester beeindruckt. Weniger überraschend ist dagegen die Nominierung von Stellan Skarsgård als bester Nebendarsteller, der schon in zahlreichen amerikanischen Produktionen zu sehen war. Vervollständigt wird die Liste durch Nominierungen für den besten Schnitt und für den besten ausländischen Film. Verglichen mit „O agente secreto“ gerät „Sentimental Value“ streckenweise etwas zu ‚sentimental‘, ihm fehlt der Humor von Joachim Triers vorigem Film „Der schlimmste Mensch der Welt“. Die emotionale Intensität dürfte seine Chancen aber eher erhöhen.

Sentimentalität wurde auch Chloé Zhaos Shakespeare Drama „Hamnet“ von der deutschen Kritik vorgeworfen. Zu Unrecht, wie ich meine. Als Vorlage diente Maggie O’Farrells gleichnamiger Roman (2020), der ein handfesteres Shakespeare Bild vermittelt, als man es bisher gewohnt war. Die Autorin bezieht sich ihrerseits auf einen Aufsatz von Stephen Greenblatt („Hamnet and Hamlet“, New York Review of Books, 2004) wo der renommierte Shakespeare Forscher auf die Namensgleichheit von Hamnet und Hamlet im späten 16. Jahrhundert verweist und den Tod von Shakespeares Sohn Hamnet mit der Entstehung des berühmten Dramas in Verbindung bringt. Jessie Buckley, die als Tochter einer „forest witch“ und Shakespeares Frau im Zentrum des Films steht, ist zu Recht als beste Darstellerin nominiert, was genauso gut Paul Mescal für seine Interpretation als Shakespeare himself und Łukasz Żal für seine exzellente Kameraarbeit verdient hätten.

Natürlich sind es nach wie vor amerikanische Produktionen, die die Liste der Nominierungen dominieren. Allen voran „Sinners“ von Ryan Coogler mit 16 Nennungen, ein historischer Rekord. Coogler, der nach seiner Marvel Verfilmung „Black Panther“ (2018) zum erfolgreichsten afro-amerikanischen Regisseur aufgestiegen ist, konstruiert eine wilde Mischung aus realistischem Südstaaten-Drama, angesiedelt im Mississippi der 30er Jahre, Vampir-und Horror Thriller. Zwei schwarze Gangster, die in Chicago zu Geld gekommen sind (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle), kehren zurück in den Süden, um einen juke joint aufzumachen, eine Blues-Kneipe für ein schwarzes Publikum. Draußen lauern rassistische Weiße, die sich als Vampire entpuppen und die Nacht in ein blutiges Spektakel verwandeln. Ich muss gestehen, mir fällt es schwer, die Begeisterung der amerikanischen Kritiker für diese überbordende Genremischung, die als schwarzes Self-Empowerment gefeiert wird, nachzuvollziehen.

Zu Recht gefeiert wird Paul Thomas Andersons „One Battle After Another“ mit 13 Nominierungen, darunter als bester Film, beste Regie, bestes adaptiertes Drehbuch und Leonardo Di Caprio als bester Hauptdarsteller. In der ersten Hälfte spielt er einen Revolutionär, der Bomben baut und Migranten aus einem Internierungslager befreit. In der zweiten Hälfte sehen wir ihn dauerbekifft im Bademantel auf der Flucht vor seinen Verfolgern. Angeführt werden sie von Sean Penn (ebenfalls nominiert) als grimmigem Border Patrol-Offizier Captain Lockjaw. Sein militärischer Kurzhaarschnitt und sein Auftreten besitzen eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem berüchtigten Grenzschutzkommandanten Greg Bovino, dessen Einsatz in Minneapolis eine Welle der Empörung ausgelöst hat. Wenn man die jahrelange Vorbereitungszeit für einen Film bedenkt, besitzt Andersons Illustration des brutalen Vorgehens der Border Patrol eine geradezu prophetische Qualität. Als beste Nebendarstellerin ist die Sängerin Teyana Taylor nominiert, die unter dem extravaganten Namen Perfidia Beverly Hills als leidenschaftliche Revolutionärin an Di Caprios Seite wie eine Naturgewalt durch den Film fegt. 

Ein möglicher Überraschungskandidat könnte „Marty Supreme“ sein, der es auf neun Nominierungen bringt und seinen Regisseur Josh Safdie in die erste Reihe der Oscar-Anwärter katapultiert. Für Timothée Chalamet ist es schon die dritte Nominierung als bester Hauptdarsteller. Er spielt einen Tischtennis Champion namens Marty Mauser, der sich in den 50er Jahren mit allen möglichen Tricks nach oben kämpft. Wie man hört, hat er sich wieder akribisch auf die Rolle vorbereitet und sich von Tischtennis-Profis coachen lassen. Während der Oscar-Kampagne organisierte er einen selbstironischen Zoom-Call, in dem er sich mit abstrusen Marketingideen als egomanischer Hollywood-Star inszeniert. „Marty Supreme“ ist kurz vor Jahresende in den USA gestartet, um sich rechtzeitig für die Oscars zu qualifizieren. Die amerikanischen Kritiker sind begeistert, Ende Februar soll der Film in Deutschland ins Kino kommen.

In der Kategorie bester ausländischer Film hatte es der deutsche Kandidat „In die Sonne schauen“ bis auf die Shortlist geschafft, wurde aber dann doch nicht nominiert. Mascha Schilinskis weibliches Generationen-Epos, das in Cannes viel Beifall fand und den Jury-Preis gewann, war schon beim Europäischen Filmpreis leer ausgegangen. Mehr Glück hatte „Sirāt“ von Óliver Laxe aus Spanien, in Cannes ebenfalls mit dem Jury-Preis ausgezeichnet, der sich jetzt in Los Angeles auf der Liste der Nominierten wiederfindet. Ebenso der Gewinner der Goldenen Palme aus Cannes, „It Was Just an Accident“ (Un simple accident) von Jafar Panahi, eine iranische Produktion, die als französischer Beitrag eingereicht wurde und angesichts der aktuellen Auseinandersetzungen im Iran gute Chancen haben dürfte. Nominiert ist auch die Dokufiktion “The Voice of Hind Rajab” über ein Mädchen in Gaza, das eingesperrt in einem Auto Hilferufe an den Roten Halbmond schickt, bis sie schließlich durch das israelische Militär umgebracht wird. Der tunesische Film hatte schon in Venedig für Furore gesorgt, wo die Regisseurin Kaouther Ben Hania den Großen Preis der Jury gewann. Angesichts des nominellen ‚Waffenstillstands‘ in Gaza ist das brisante Thema im Augenblick aus dem Zentrum der medialen Öffentlichkeit gerückt.

Insgesamt fällt die Bilanz der Nominierungen in diesem Jahr recht positiv aus. Wie es scheint, zeigen sich die Oscars besser als ihr Ruf. Die Mehrheit der Nominierungen geht an unabhängige Produktionen, kommerzielle Blockbuster sind nicht darunter. Positiv wirkt sich auch die Öffnung der Oscars gegenüber dem internationalen Kino aus. Donald Trumps Slogan „America First“ wird von Hollywood durch das stärkere Gewicht ausländischer Produktionen konterkariert. Sicher spielt auch der Umstand eine Rolle, dass es in der Academy, die die Verleihung veranstaltet, inzwischen mehr stimmberechtigte Mitglieder aus dem Ausland gibt als noch vor Jahren. 

“Why do we care about the Oscars so much?” fragt Erin Neil im Gespräch des New Yorker, worauf ihr Kollege Michael Schulman treffend antwortet: „Look, there are plenty of reasons to be cynical about the Oscars, but the best thing about them is that they spark a culture-wide conversation about movies, including ones that aren’t huge blockbusters and need word-of-mouth oxygen to survive.” (Es gibt viele Gründe, den Oscars gegenüber zynisch zu sein, aber das Beste an ihnen ist, dass sie in der gesamten Kultur Diskussionen über Filme anregen, darunter auch solche, die keine großen Blockbuster sind und auf Mundpropaganda angewiesen sind, um zu überleben.)

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