Erste Wettbewerbsfilme der Berlinale 2026
Gelbe Briefe (Tansu Biçer, Özgü Namal; © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film)


„Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak markiert einen frühen Höhepunkt dieser Berlinale. Nach dem unerwarteten Erfolg seines vorigen Films „Das Lehrerzimmer“, der mehr als ein halbes Dutzend deutsche Filmpreise gewonnen hatte und schließlich sogar für einen Oscar nominiert wurde, waren die Erwartungen an den neuen Film des Hamburger Regisseurs entsprechend hoch. Ilker Çatak, der wie schon bei seinen Vorgängerfilmen wieder mit Ingo Fließ als Produzent zusammengearbeitet hat, ist voll ins Risiko gegangen und hat „Gelbe Briefe“ ausschließlich auf türkisch gedreht. 

Die Geschichte spielt in Ankara und in Istanbul, aber weil es schwierig war, dort zu drehen, entschied sich Çatak zu einem radikalen Schritt. Über einem Panorama von Berlin liest man die Einblendung „Berlin als Ankara“, über Hamburg steht „Hamburg als Istanbul“. Was für nachhaltige Irritationen sorgen könnte, funktioniert erstaunlich gut. Derya (Özgü Namal) ist eine erfolgreiche Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara, ihr Mann Aziz (Tansu Biçer) Bühnenautor und Hochschullehrer. Eines Tages geraten sie ins Visier politischer Repression, man wirft ihm und mehreren Kollegen staatsfeindliche Propaganda und Unterstützung terroristischer Organisationen vor, in der Türkei eine Umschreibung für Sympathie mit der militant kurdischen PKK. 

Deryas erfolgreiches Theaterstück verschwindet vom Spielplan, der Pförtner händigt ihr einen gelben Brief mit ihrer Entlassung aus. Als die Polizei zu einer Hausdurchsuchung auftaucht, möchte ihr Vermieter sie loswerden. Sie ziehen mit ihrer 14jährigen Tochter zu Azizs Mutter nach Istanbul, wo der politische Druck geringer ist. Aziz nimmt einen Job als Taxifahrer an, Derya bekommt ein Angebot für eine TV-Serie. Die soziale und finanzielle Degradierung ist so einschneidend, dass daran die Familie zu zerbrechen droht.

„Wie gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?“, so formuliert Ilker Çatak die zentrale Frage seines Films. „Gelbe Briefe“ ist nach meinem Empfinden ein perfekter Film, mit einem ausgefeilten Drehbuch, das den beiden Hauptdarsteller Gelegenheit gibt, sich in messerscharfen Dialogen aufs Heftigste zu attackieren. Die Szenen des Streits, als ihre gesicherte Existenz zerbricht, gehört zum Besten, was in letzter Zeit im Kino zu sehen war. 

Hinzu kommt die Kameraarbeit von Judith Kaufmann, die, wie es heißt, sich oft auf ihre Intuition verlassen musste, weil am Set ausschließlich türkisch gesprochen wurde. Nach „Das Lehrerzimmer“ und „Heldin“, der im vergangenen Jahr in der Nebenreihe Panorama gezeigt wurde und es auf die Shortlist für den Oscar geschafft hat, sind es ihre Bilder, die eine durchgängige Spannung erzeugen, ohne dass sich die Kamera in den Vordergrund drängt. Zwischendurch blitzen Momente von überraschendem Humor auf, die dafür sorgen, dass „Gelbe Briefe“ nicht zu einem Drama der Verzweiflung gerät.

Politischer Hintergrund des Films ist die Säuberungswelle in den Bereichen Wissenschaft und Kultur zwischen 2016 und 2019, bei der ungefähr zweitausend Künstler und Akademiker in der Türkei suspendiert und vor Gericht gestellt wurden. Grund dafür war die Unterzeichnung einer Friedenspetition. 

Eindrucksvoll inszeniert Ilker Çatak, der auch Co-Autor das Drehbuch geschrieben hat, wie ein schleichender Prozess politischer Einschüchterung existenzbedrohende Formen annimmt. So weit wird es bei uns doch nicht kommen, möchte man sagen. Aber wie schon Horaz in seinen Satiren wusste: „De te fabula narratur“ (Die Geschichte handelt von dir). „Gelbe Briefe“ dürfte jetzt schon ein Favorit für den Goldenen Bären sein, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der Film nicht den einen oder anderen Hauptpreis gewinnt.

Der dritte Spielfilm der tunesisch-französischen Regisseurin Leyla Bouzid, „La voix basse“ (In a Whisper), ein Drama um mehrere Generationen von Frauen in einer bürgerlichen Familie in Tunesien, hinterließ in Berlin einen starken Eindruck. Die 32jährige Lilia (Eva Bouteraa) kommt zur Beerdigung ihres Onkels zurück nach Sousse, südlich von Tunis. Bald merkt sie, dass ihr Onkel, obwohl verheiratet, schwul war und unter ungewöhnlichen Umständen zu Tode gekommen ist. Etwas, das ihre Großmutter auch nach seinem Tod nicht wahrhaben will. 

Hiam Abbas, internationaler Star mit palästinensischen Wurzeln (u.a. in der Serie „Succession“), spielt Lilias geschiedene Mutter, eine selbstbewusste Ärztin. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist nicht frei von Konflikten, die offen zu Tage treten, als Lilias heimliches Leben in Frankreich in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Denn, was niemand in ihrer Familie weiß, sie lebt in einer lesbischen Beziehung und hat ihre Freundin mit nach Tunesien gebracht. Kein Wunder, dass es für sie besonders peinlich wird, wenn die Frage auftaucht, wann sie denn endlich heiraten und Kinder bekommen wolle.

Ohne didaktisch zu werden, beleuchtet die Regisseurin und Drehbuchautorin Leyla Bouzid ein komplexes Geflecht innerfamiliärer Dynamik und beeindruckt mit einer präzisen Figurenzeichnung. Lilias Nachforschungen zum Tod ihres Onkels führen sie in die klandestine Welt männlicher Homosexualität, die in Tunesien unter Strafe steht. Wohingegen „l‘homosexualité feminine est considerée inoffensive“ (weibliche Homosexualität als harmlos betrachtet wird), wie ein Anwalt lapidar erklärt. Eva Bouteraa in ihrem ersten Spielfilm, ist hinreißend in der Rolle von Lilia, wie auch das Ensemble der Frauen aus mehreren Generationen beeindruckt.