Never Rarely Sometimes Always

Gedanken zum Internationalen Frauentag im Nachklang der Berlinale. Von Melanie Pollmeier
Never Rarely Sometimes Always (Eliza Hittman)

© 2019 Courtesy of Focus Features

8. März 2020. Internationaler Frauentag. In Berlin wäre heute Feiertag, leider fällt der diesjährige 8. März auf einen Sonntag, sodass das nicht weiter ins Gewicht fällt. Ich verbringe am Vorabend ein paar Stunden im Netz, um einen Gottesdienst ausfindig zu machen, in dem angekündigt auf den Anlass eingegangen wird. Fehlanzeige.

Klar, Reminiszere, der zweite Sonntag in der Passionszeit, ist auch wichtig. Zweifelsohne auch die Woche der Brüderlichkeit im christlich-jüdischen Dialog, erst recht die Erinnerung an verfolgte Christinnen und Christen in der Welt. Und doch wundert es mich, dass ich keinen einzigen Gottesdienst in ganz Berlin finde, der den Frauentag zum Thema macht.

Immerhin sind auffallend viele männliche Pfarrer im Dienst. Möglicherweise wollen sie ihren Amtskolleginnen einen freien Tag verschaffen, gemäß den seltsam anmutenden Wünschen mancher Männer auf Facebook: ‚Allen Frauen einen schönen Frauentag’. Das erinnert mich irgendwie an den Muttertag in den 50-ern, an dem Mütter einmal im Jahr Blumen bekamen und die Kinder den Abwasch übernahmen, damit die Mütter den Rest des Jahres wieder stillhalten und im Haushalt rundlaufen. Die Absicht der Pfarrkollegen ist insofern vielleicht gut gemeint. Dennoch ist es irgendwie widersinnig, dass im kirchlichen Amt, welches Jahrhunderte keine Frauen zuließ, am Internationalen Frauentag vor allem Männer sichtbar sind.

Ich entschließe mich, eine junge Pfarrkollegin im Südwesten Berlins zu besuchen und dort den Gottesdienst mitzufeiern. Meine Hoffnung, dass der Frauentag dort unangekündigt zur Sprache kommt, wird enttäuscht. Ich frage mich, was da los ist. War das einfach Unbedachtheit? Oder gar aus Überzeugung, in der Annahme, die Einrichtung des Frauentags sei gewissermaßen unnötig, weil Frauen ja bereits die gleichen Rechte hätten, wie Männer?

Es wäre fatal, den Internationalen Frauentag als verdienten Wellnesstag für schicke Berlinerinnen zu verstehen, die sich dadurch einmal mehr mit ihren Freundinnen auf eine Latte im Café treffen können. Vor allem international gesehen, aber auch hier bei uns, in der westlichen Welt, bleibt er ein Kampftag. Leider müssen wir immer noch für viele Millionen Frauen weltweit kämpfen. Kämpfen für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf freie Wahl des Lebenspartners oder der Lebenspartnerin, auf Scheidung, auf Geburtenkontrolle und Abtreibung. Kämpfen auch für ein Leben in der Öffentlichkeit, also die freie Wahl des Arbeitsplatzes, oder das Recht, den Führerschein zu machen oder einen Pass zu besitzen.

Einige Filme der 70. Berlinale Ende Februar 2020 haben die schmerzhaft eingeschränkten Rechte von Frauen thematisiert, bspw. der sehr sehenswerte Dokumentarfilm "Saudi Runaway". Auch der Film "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman. Er spielt in den USA in einem weder besonders religiösen, noch besonders rückständigen Umfeld. Es geht um die 17-jährige Autumn, die ein ganz normales Teenagerdasein führt, bis sie merkt, dass sie ungewollt schwanger ist. Angesichts mangelnder Unterstützung durch ihr Umfeld beschließt sie, aus dem ländlichen Pennsylvania nach New York City aufzubrechen, um sich Hilfe zu holen. Begleitet von ihrer Cousine Skylar setzt sie sich in den Bus in die große Stadt. Schon dieser Aufbruch ist ein feministischer Akt.


Autumn entflieht einer in mehrfacher Hinsicht bedrückenden Situation: von ihrer Mutter weitgehend ignoriert, von ihrem Vater beleidigt und klein gemacht, vom mutmaßlichen Kindsvater öffentlich sexuell belästigt, stößt ihre Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit auf taube Ohren. In der ersten Filmszene singt Autumn einen - möglicherweise selbst geschriebenen - Song in der Dorfkneipe. Er handelt von großen Gefühlen, die alles möglich machen. Doch die Dorfjugend, genauso wie ihr Vater, geben sie der Lächerlichkeit preis.

Autumn sucht angesichts der Schwangerschaft zuerst Rat in der örtlichen gynäkologischen Praxis. Dort wird ihr vor allem Druck gemacht, sollte sie einen Abbruch in Erwägung ziehen. Die ärztliche Fachkraft kündigt den Klang der Herztöne des Ungeborenen als das schönste Geräusch an, welches Autumn jemals hören wird. Doch der Blick in Autumns Gesicht lässt einem das Herz schwer werden. Sie trägt in dem Moment die Last der ganzen Welt. Und das ganz alleine. Ihr bleibt nichts Anderes übrig, als aus diesem emotionalen Gefängnis auszubrechen.

In New York kommen neue Probleme hinzu. Ohne einen Penny in der Tasche müssen die zwei jungen Frauen irgendwo draußen übernachten. Ihr Argwohn der gesamten Männerwelt gegenüber lässt sie selbst beim bestgemeinten Hilfsangebot zurückschrecken. Die Sorge um die beiden Frauen, besonders um Autumn, nimmt während des Films zu. Sie werden zwar stark und selbstbewusst, keineswegs naiv oder planlos dargestellt, aber doch ungeschützt im Neonlicht von U-Bahn-Stationen oder im Chaos heruntergekommener Viertel New Yorks. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist es schwer erträglich, dass Autumn mit dieser körperlichen und seelischen Last alleine fertigwerden muss. Ihre Cousine Skylar begleitet sie zwar, begreift aber nicht das Ausmaß von Autumns schwieriger Situation. Außerdem bandelt sie dann doch mit einem jungen Mann an, der sie in einen wenig frequentierten U-Bahn-Zugang zum Knutschen lockt, sodass Autumn auch noch auf sie aufpassen muss.



Bei der gynäkologischen Untersuchung in einer Beratungsstelle für minderjährige Schwangere stellt sich heraus, dass Autumn bereits in der 18. Woche ist. Dies hat zur Folge, dass die beiden Teenager eine weitere Nacht überbrücken müssen, weil Autumn zuerst für 24 Stunden ein muttermunderweiterndes Zäpfchen einführen muss, damit die vergleichsweise weit fortgeschrittene Schwangerschaft abgebrochen werden kann.

Vor dem Eingriff wird sie umfassend aufgeklärt und sorgfältig von einer Sozialarbeiterin beraten. Diese fragt nach ihrem familiären Umfeld und ihren bisherigen sexuellen Erfahrungen. Mehrere Fragen hintereinander soll sie selbst qualifizieren mit den möglichen Antworten ‚Never Rarely Sometimes Always’, also ‚Nie Selten Manchmal Immer’. Es ist die dichteste Szene in dem Film, in der dem Publikum der Atem stockt und das Schlucken schwerfällt. ‚Hast du jemals gegen deinen Willen Sexualkontakt gehabt?’. ‚Wurde dein Sexualpartner jemals gewalttätig?’. ‚Wurdest du jemals zu sexuellen Praktiken gezwungen?’. ‚Wurdest du jemals vergewaltigt?’.

Autumn beantwortet nicht alle dieser Fragen, aber sie schaut irgendwann weg, ihr Blick gleitet ins Leere und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Es wird deutlich, dass die Schwangerschaft vielleicht mit einer Gewalterfahrung zusammenhängt und Autumn sowohl darin, als auch in deren Folgen vollständig allein war und ist. Eine grössere Einsamkeit ist kaum vorstellbar. Wo sind die Eltern? Wo ist der Kindsvater? Wo sind die Lehrpersonen? Wo die Trainerin? Wo die Schulsozialarbeiter?


Eliza Hittman stellt Autumn nicht nur als Opfer dar. Gefragt nach ihrer sexuellen Aktivität, also welche sexuellen Praktiken sie bereits kenne, ‚vaginal, oral, anal?’, ist ihre leicht genervte Antwort: ‚all of them?’. Leicht irritiert wird den Zuschauerinnen und Zuschauern später klar, dass diese Antwort nichts mit der ungewollten Schwangerschaft oder einer Gewalterfahrung zu tun hat. Hittman macht in diesem Moment deutlich, dass weder ein zu kurzer Rock oder ein zu tiefer Ausschnitt, noch ein lustvolles und aktives Sexualleben die schwierige Situation von Autumn irgendwie rechtfertigen können, ja ihre absolute Privatsache sind. Sie selbst trägt an ihrem Zustand keine Schuld, sondern einzig und allein die Tatsache des Missbrauchs und ihre Einsamkeit. Wären ihre Eltern jetzt liebevoll begleitend an ihrer Seite oder wäre das Kind ein Kind der Liebe und der Kindsvater dazu bereit, Verantwortung zu übernehmen, säße sie jetzt wahrscheinlich nicht völlig verzweifelt und überfordert dieser Sozialarbeiterin gegenüber, um sich über einen Schwangerschaftsabbruch zu informieren.

Begleitet von der Sozialarbeiterin schafft Autumn es dann, sich zu entscheiden. Nicht eigentlich gegen die Schwangerschaft, aber für die Wiederherstellung des Zustands vor dem sexuellen Übergriff. Obwohl Autumns Mine unbewegt, ja verhärtet ist während der drei Tage, die die Kamera sie begleitet, merkt man ihr an, wie schwer ihr die Entscheidung fällt. Und man freut sich mit ihr, als sie am Tag nach dem Eingriff das erste Mal wieder befreit lachen kann. So wie eine 17-jährige es sollte.

Der Film hat zu Recht den Großen Preis der Jury (Silberner Bär) bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin gewonnen. Ich finde, er sollte von jetzt an an jedem Internationalen Frauentag gezeigt werden. Nicht nur ist er fast ausschließliches ein Frauenprojekt, denn neben der Regisseurin wirkten eine Kamerafrau, eine Musik-Komponistin und weitgehend weibliche Produzentinnen mit; auch macht er deutlich, in welcher verzwickten Situation junge Frauen sind, auch oder gerade in der westlichen Welt: Sie sollen bis zur Ehe möglichst unberührt sein und unschuldig. Am besten sollen sie aussehen wie Kinder, dünn und frisch, ohne jede Falte und ohne ein graues Haar. Dann werden sie belästigt und eingeschüchtert, beleidigt und klein gemacht, ungewollt angefasst und vergewaltigt. Gleichzeitig sollen sie selbstbewusst sein, stark und emanzipiert, Spaß haben in ihrer möglichst freizügigen sexuellen Aktivität. Denn nur dann sind sie attraktiv für Männer, die sie schon vor der Ehe für sich haben wollen, wenn nötig mit Gewalt, und zwar ohne die Konsequenzen für jedwede Folge überhaupt nur in Erwägung zu ziehen.


Was die jungen Frauen selbst wollen, was sie sich wünschen für ihre Partnerschaft, wovon sie träumen oder sich ersehnen, ob sie vaginalen, oralen oder analen Sex gut finden, wie oft und mit wem sie schlafen oder ob sie gar keine Lust auf Sex haben, spielt bei all dem keine Rolle. Und kommt es dann zur Katastrophe einer vorpartnerschaftlichen Schwangerschaft im Teenageralter muss die junge Frau sich im Schwangerschaftsabbruch einem brutalen emotionalen und körperlichen Eingriff unterziehen, um wieder gesellschaftsfähig zu werden, natürlich ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren, denn das wäre ein unverzeihlicher Tabubruch. Aber eigentlich sollte sie das Kind natürlich austragen, denn es ist ja ein Geschenk und zwar von Gott selbst. Natürlich wird der Abort psychische Folgen haben, möglicherweise wird Autumn sich mit Schuldgefühlen quälen. Und auch diese Last nimmt sie auf sich.

Autumn wird in dem Film zu einer stillen Heldin, die in der absoluten Bedrängnis ihrer Situation, im totalen Versagen der sie umgebenen Gesellschaft und ihrem einsamen Kampf stark bleibt bis zuletzt. Die Fragen, die sie beantworten muss, stellt sich jede einzelne Frau, die diesen Film sieht: ‚Hast du jemals gegen deinen Willen Sexualkontakt gehabt?’. ‚Wurde dein Sexualpartner jemals gewalttätig?’. ‚Wurdest du jemals zu sexuellen Praktiken gezwungen?’. ‚Wurdest du jemals vergewaltigt?’. Die möglichen Antworten: ‚Never Rarely Sometimes Always’.

Mein Internationale Frauentag 2020 wird nach anfänglicher Enttäuschung halbwegs gerettet durch die Sendung ‚titel, thesen, temperamente’. ttt gestaltet am späten Sonntagabend fast die komplette Sendung im Zeichen des Frauentags. Neben dem unausweichlichen Corona-Virus macht den Anfang ein Bericht über das von der 89-jährigen irischen Schriftstellerin Edna O’Brian sorgfältig recherchierte Buch „Das Mädchen“. Es beschreibt die Verschleppung und systematische Vergewaltigung von über 250 Mädchen durch die Terrormiliz Boko Haram im Jahr 2014. O’Brian ist in ihrem hohen Alter nach Nigeria gereist, um dort die Mädchen zu suchen und kennen zu lernen, die der Miliz entkommen sind. Es folgt ein Bericht über den Film ‚Die perfekte Kandidatin’ der saudischen Filmemacherin Haifaa Al Mansour über eine junge Ärztin in Saudi-Arabien, die für den Gemeinderat kandidiert und dabei mit Vorbehalten und Hindernissen konfrontiert wird. Den Abschluss macht eine Reportage über den Zusammenhang von Antisemitismus, bzw. Rechtsextremismus und Antifeminismus. Die Feministin und Rabbinerin einer liberalen jüdischen Gemeinde in Paris Delphine Horvilleur geht in ihrem neu erschienenen Buch dieser Frage nach.

Den Internationaler Frauentag mit dem lapidaren Wunsch ‚Allen Frauen einen schönen Frauentag’ abzuhandeln ist nicht nur ignorant, sondern völlig daneben. Ich hoffe, dass das ein peinlicher Ausrutscher bleibt.