Die Preisverleihung - Kommentar

Die Preisverleihung in Cannes endete mit einer Überraschung. Paweł Pawlikowski mit „Fatherland“ und Ryusuke Hamaguchi mit „Soudain“ waren die Favoriten, die beim Ranking der Kritiker in Führung lagen, dicht gefolgt von Andrej Svjagincev mit „Minotaur“. Christian Mungius „Fjord“ lag im Mittelfeld der Kritikergunst. Ein gut gemachter Film mit einem intensiven moralischen Dilemma, aber kein Kandidat für die Goldene Palme, so die allgemeine Einschätzung. Am Nachmittag hatte „Fjord“ schon den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen, was angesichts des religiös kontroversen Stoffs absolut angemessen war.

Dass Christian Mungiu am Abend die Goldene Palme gewinnen würde, damit hatte kaum jemand gerechnet. Wie man später hörte, war es wohl eine knappe Entscheidung zwischen „Fjord“ und „Minotaur“, bei der Svjagincev sich mit dem Großen Preis der Jury zufrieden geben musste. Das ist bedauerlich, hatte der russische Regisseur doch schon zweimal, mit „Leviathan“ (2014) und „Loveless“ (2017), knapp die Goldene Palme verpasst. Für mich war „Minotaur“ ohne Zweifel der überragende Film des Wettbewerbs. Man hätte sich angesichts seiner brillanten Performance auch den männlichen Darstellerpreis für Dmitriy Mazurov vorstellen können. Aber es scheint noch immer einen Vorbehalt gegenüber russischen Regisseuren und Schauspielern zu geben, solange sie sich nicht demonstrativ von Putin und dem Krieg in der Ukraine distanzieren.

Der Preis für den männlichen Schauspieler ging an die beiden Belgier Emmanuel Macchia und Valentin Campagne, Hauptdarsteller in Lukas Dhonts schwulem 1. Weltkriegdrama „Coward“. Es erscheint mir immer unglücklich und unfair gegenüber der Kunst professioneller Schauspieler, wenn Laien wie Macchia oder im vergangenen Jahr Nadia Melliti („Die jüngste Tochter“) als beste Darsteller ausgezeichnet werden. Der Akzent auf queerem Kino zeigte sich auch beim Preis für die beste Regie, der zu gleichen Teilen an Paweł Pawlikowski für „Fatherland“ und die beiden Javis, Javier Calvo und Javier Ambrossi für „La bola negra“ ging. Ihr Rückblick auf 80 Jahre queere Geschichte in Spanien wird sehr bemüht zusammengehalten durch die Figur des großen Dichters Federico García Lorca. Rodrigo Sorogoyens „El ser querido“ (Der geliebte Mensch) wäre ein angemessenerer Preisträger gewesen. Doch der exzellente Film ging am Ende leer aus.

Auch „Soudain“, die erste französische Produktion des Japaners Ryusuke Hamaguchi, spielt mit einem latent lesbischen Subtext bei der Geschichte einer intensiven Frauenfreundschaft. Virginie Efira als Leiterin eines Altersheims und das Model Tao Okamoto als japanische Regisseurin in Paris gewannen gemeinsam die Silberne Palme als beste Darstellerinnen. Sie reden stundenlang miteinander, aber der melodramatische Krebstod der Japanerin verhindert, dass die beiden ein Paar werden. Mit Léa Drucker (La vie d’une femme), Adèle Exarchopoulos (Garance) und der Russin Iris Lebedeva (Minotaur) gab es plausiblere Anwärterinnen auf den Preis.

 Für das beste Drehbuch wurde der französische Autor und Regisseur Emmanuel Marre ausgezeichnet, der in „Notre salut“ die Kollaboration des Vichy-Regimes unter Maréchal Petain eindringlich, aber nie plakativ zum Thema macht. Dass Valeska Grisebach fast dreistündige Doku-Fiktion „Das geträumte Abenteuer“ den Preis der Jury gewann, bleibt für mich ein Rätsel, wie auch schon im letzten Jahr der Jury-Preis für Mascha Schillinskis „In die Sonne schauen“. In Cannes scheint man eine Vorliebe für deutsche Filme zu haben, die möglichst kryptisch und verworren die Zuschauer vor eine harte Probe stellen.

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