Mythologische und selbstreflexive Spiegel
Minotaur (© Palace Films)


Vor 12 Jahren beeindruckte der Russe Andrej Svjagincev mit seinem Film „Leviathan“ (2014) auf dem Festival von Cannes. Damals war er ein Favorit auf die Goldene Palme, aber unmittelbar nach der russischen Annexion der Krim war das offensichtlich nicht vorstellbar. Als Trostpreis erhielt er den Preis für das beste Drehbuch. 2017 wiederholte sich eine ähnliche Situation mit seinem Film „Loveless“, für den Svjagincev mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Anhand einer Scheidungsgeschichte erzählt er stellvertretend von der traumatischen Trennung zwischen Russland und der Ukraine. In seinem neuen Film geht der Regisseur einen Schritt weiter, der Krieg bzw. die „full scale invasion“, wie es im ukrainischen Sprachgebrauch heißt, steht im Mittelpunkt der Geschichte.

Gleb (Dmitriy Mazurov), ein erfolgreicher Unternehmer, kommt dahinter, dass seine Frau Galina (Iris Lebedeva) einen Liebhaber hat. Gleichzeitig ist er mit den Folgen der „speziellen Militäroperation", wie es auf russischer Seite heißt, konfrontiert. Die Militärverwaltung verlangt von jeder Stadt eine bestimmte Quote von Männern, die eingezogen werden. Gleb gerät in ein ethisches Dilemma, als er für seinen Betrieb 14 Namen nennen muss. 

Wie oft in seinen Filmen steht bei Svjagincev wieder eine Familie im Mittelpunkt. Er nimmt sich viel Zeit, ihren Zerfall zu sezieren. Immerhin hat „Minotaure“ eine Länge von 2 Stunden und 15 Minuten, die trotzdem nie lang werden, weil die filmische Erzählung eine enorme Spannung aufbaut. Wir beobachten, wie Gleb, der zu Anfang durchaus sympathisch wirkt, sich allmählich der Figur des antiken Minotaurus annähert und Züge eines Monsters annimmt. In der griechischen Mythologie ist Minotaurus ein Wesen mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Stiers. Er haust in einem Labyrinth auf Kreta, wohin die Athener alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen senden müssen, die Opfer des Zwitterwesens werden.

Als Vorlage bezieht sich Svjagincev auf einen Klassiker von Claude Chabrol, „La femme infidèle“ (Die untreue Frau, 1969), dem er in vielen Details folgt. Doch hier ist es nicht die französische Bourgeoisie, sondern ein Nutznießer des russischen Kapitalismus, der durch den Krieg plötzlich unter Druck gerät und alle moralischen Hemmungen verliert. 

Svjagincev selbst erkrankte 2021 nach einer Corona-Impfung auf dramatische Weise, er wurde von Moskau in ein Wiesbadener Krankenhaus überführt und in ein künstliches Koma versetzt, bis er nach 11monatiger Behandlung entlassen wurde. Seit 2023 lebt er in Frankreich, „Minotaure“ konnte er in Lettland drehen, in Russland wäre die Realisierung unmöglich gewesen. Neben Rodrigo Sorogoyens „El ser querido“ ist „Minotaure“ nach meiner Einschätzung ein absoluter Favorit für die Goldene Palme.  

Das ist mehr als man über „Amarga navidad“ (Bitteres Fest) von Pedro Almodóvar sagen kann. Nach „The Room Next Door“ (2024) ist Almodóvar wieder nach Madrid zurückgekehrt. Wir sehen die Regisseurin Elsa (Barbara Lennie), die mit einem heftigen Migräneanfall von ihrem Liebhaber Bonifacio (Patrick Criado), einem Feuerwehrmann und Stripper, in die Notaufnahme gebracht wird. Doch dann entdecken wir, dass ihre Geschichte der Phantasie des Regisseurs Raùl (Leonardo Sbaraglia) entspringt, der dabei ist, das Drehbuch für seinen neuen Film zu schreiben. 

Nach einer Panikattacke fährt Elsa mit ihrer Freundin Patricia (Victoria Luengo) nach Lanzarote und nimmt, nachdem sie jahrelang nur Werbung gemacht hat, das Manuskript für einen Spielfilm wieder auf. Währenddessen verkündet Raùls langjährige Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón), dass sie die Zusammenarbeit beenden will. Raùl ist schockiert und erkennt, dass sie das Vorbild der Figur von Elsa ist. 

So weit, so verwirrend. Almodóvar entwirft ein Gewirr von Handlungssträngen, die nicht immer leicht auseinanderzuhalten sind. Man könnte auch von einem narzisstischen Spiegelkabinett sprechen, in das Almodóvar die Zuschauer mitnimmt. Vorbei sind die wilden Zeiten der 80er Jahre, als der Autodidakt aus La Mancha die Madrider Filmszene aufmischte. Davon ist nur noch ein Hang zum Melodrama geblieben. Die dramatischen Wendungen haben etwas von einer hochkarätigen Vorabendserie, Mütter und Kinder sterben, Suizidversuche häufen sich. Es wird viel gelitten und geweint. 

Die Reaktionen in Spanien, wo der Film schon im März in die Kinos kam, fielen sehr gemischt aus. Neben Begeisterung gab es ausgesprochen kritische Kommentare. „Almodóvar scheint die Fähigkeit verloren zu haben, ein Werk zu schaffen, das interessant, frisch, bewegend und unterhaltsam ist“, schreibt Alfonso Rivera in „Cineuropa“. In „El Pais“ beklagt Carlos Boyero, dass Almodóvar nur noch perfektes interior design präsentiere. Teuer angezogen, bewegen sich die Figuren in einem Milieu, in dem Geld keine Rolle spielt. 

Die Tendenz zu selbstverliebter Larmoyanz hatte Almodóvar schon in „Dolor y gloria“ (Leid und Herrlichkeit, 2019) ausgiebig zelebriert. Dabei ist ihm der subversive Humor, der seine früheren Filme auszeichnete, völlig verloren gegangen. Wenn außerdem Dialoge mit Musik überzogen werden, wie schon in „The Room Next Door“, gewinnt man den Eindruck, dass sich Almodóvar in seinen eigenen Brand Name verwandelt hat. 

 

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79. Festival de Cannes

Das 79. Festival de Cannes wurde am 12. Mai mit der französisch-belgischen Koproduktion "La Vénus électrique" (The Electric Kiss) von Pierre Salvadori eröffnet. Die in Cannes seit 1974 existierende Jury œcuménique verleiht ihren Preis an einen Film des Internationalen Wettbewerbs.