Fremde Heimat / In einem fremden Land: Was ist besser?
Fatherland (© AgataGrzybowska)


Zwei prominente Regisseure haben sich mit ihren neuen Filmen in eine fremde Kultur begeben, der eine Versuch ist schief gegangen, der andere war erfolgreich.

Spätestens seit seinem Oscargewinn mit „Ida“ vor 10 Jahren ist Paweł Pawlikowski, ein großer Name im europäischen Autorenfilm. Pawlikowski, der in Polen geboren und in England aufgewachsen ist, wo er seine ersten Filme realisiert hat, lebt inzwischen wieder in Warschau. Mit „Cold War“ (Der Breitengrad der Liebe, 2018), einer Geschichte über ein polnisches Paar, das sich in den Wirren des Kalten Kriegs der Nachkriegszeit findet und wieder verliert, gewann er vor acht Jahren den Regiepreis in Cannes. 

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen neuen Film „Fatherland“. Thema ist die Deutschlandreise von Thomas Mann (Hanns Zischler) nach dem 2. Weltkrieg. Die erste Station ist Frankfurt in der sogenannten Trizone, wo ihm in der Paulskirche der Goethepreis verliehen wird. Begleitet wird er von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller), die auch als seine Fahrerin fungiert. Zweite Station ist Weimar in der sowjetischen Zone, wie es damals hieß, wo er ebenfalls mit einem Goethepreis ausgezeichnet wird. 

In Frankfurt erhält er Hassbriefe und wird als „Verräter“ beschimpft, der Deutschland in schweren Zeiten im Stich gelassen habe. Ähnlich ist es auch Marlene Dietrich ergangen, als sie zum ersten Mal nach Berlin zurückkehrte. Ganz anders fällt die Aufnahme im Osten aus, wo ihm der Kulturminister Johannes R. Becher (Devid Striesow) anbietet, Präsident der Akademie der Künste in Ost-Berlin zu werden. Thomas Mann lehnt dankend ab, er will sich weder für das eine noch das andere Deutschland entscheiden und wird sich später in Küsnacht am Zürcher See niederlassen.

Überschattet wird der Besuch in Deutschland von der Tragödie des Suizids von Klaus Mann (August Diehl), der ein enges Verhältnis zu seiner Schwester Erika hatte. Wir sehen ihn in der Eröffnungsszene nackt auf dem Boden vor dem Bett, während die Frau, mit der er die Nachtverbracht hat, sich lautlos anzieht und verschwindet. In dieser Szene deutet sich schon das Dilemma des Films an: Ein pausenloses name dropping, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Film zieht. Klaus Mann zitiert andere Autoren, die sich das Leben genommen haben, Joseph Roth, Walter Benjamin, Stefan Zweig und Ernst Toller. Auch er hat keine Lust mehr zu leben.

Später trifft Thomas Mann auf Wieland und Wolfgang Wagner, die ihn um Unterstützung zur Wiedereröffnung des Festspielhauses in Bayreuth bitten. In Arnstadt wird pflichtschuldig an Johann Sebastian Bach erinnert, beiläufig an Nietzsche und Beethoven. Hanns Eisler und Heinrich Mann dürfen auch nicht fehlen. Und natürlich Gustav Gründgens (Joachim Meyerhoff), Ex-Mann von Erika, der von ihr als Opportunist und Nazi-Schauspieler geohrfeigt wird, nachdem den Zuschauern erklärt hat, wie es zu seiner Verbindung mit Hermann Göring kam.

„Fatherland“ wirkt wie ein didaktisch ambitioniertes Projekt mit dem Ziel, ein europäisches Publikum darüber aufzuklären, wie ambivalent Thomas Mann im Nachkriegsdeutschland empfangen wurde. Passenderweise werden im Vorspann ein Dutzend Förderinstitutionen und ebenso viele ausführende Produzenten aufgeführt. Sandra Hüller, ganz in schwarz mit unglücklicher Perücke und ernstem Ausdruck, hat bei dieser Deutschlandreise im wörtlichen Sinn die Hosen an. Von Humor oder Ironie keine Spur. Wehmütig denkt man, was Billy Wilder wohl aus dem Stoff gemacht hätte.

Pawlikowskis Regie zeugt von sicherer Präzision, die Kameraarbeit von Łukasz Żal ist exzellent und eines Oscar würdig. „Fatherland“ scheitert an seinem Drehbuch; viele Dialoge klingen, als würden sie zur Information für die Zuschauer gesprochen. Dass Henk Handloegten (Co-Regisseur von „Berlin Babylon“) als Co-Autor fungiert, macht die Sache nicht besser. Historische Fakten werden fröhlich durcheinandergeworfen. Klaus Manns Suizid lag mehrere Wochen vor dem Goethepreis in Frankfurt. Thomas Manns Ehefrau Katja war nicht in den USA geblieben, sondern mit nach Europa gekommen und begleitete ihren Mann auf der Reise. Nicht Erika chauffierte ihren Vater, sondern der Schweizer Freund Georges Motschan. 

Das kann man sicher so machen und als künstlerische Freiheit deklarieren. Man könnte aber auch von einem cineastischem Deep Fake sprechen. Viele Kritiker waren begeistert, weil „Fatherland“ alle kulturellen Klischees bedient, die einem zu Thomas Mann im Nachkriegsdeutschland einfallen. „Das hoch literarische, thematisch dichte Drehbuch voller kulturelle Referenzen (Kunst, Poesie und Musik) … gibt uns das Gefühl, die beiden Deutschland im Jahr 1949 zu besuchen“, wie Screen International schreibt. Variety lobt die „objective authenticity“ von Pawlikowskis Inszenierung. So klingt es, wenn man alles, was der Film zeigt, für bare Münze nimmt. 

Auch der Iraner Asghar Farhadi, einer der wichtigsten Regisseure des internationalen Kinos, hat seinen neuen Film in einem fremden Land gemacht, im Frankreich der Gegenwart. Bei ihm fällt die Bilanz sehr viel positiver aus. Vor 13 Jahren hatte er schon einmal in Frankreich gedreht, das Familiendrama „Le passé“ (Das Vergangene, 2013). In „Histoires parallèles“ (Parallele Geschichten) spielt Isabella Huppert eine ältere Schriftstellerin, einen ziemlichen Giftzahn, die von ihrem zugemüllten Apartment im 10. Pariser Arrondissement mit Hilfe eines Teleskops eine Nachbarwohnung auf der anderen Straßenseite ausspioniert und daraus die Inspiration für ihren neuen Romans zieht. 

Sie beobachtet Nita (Virginie Efira), Nico (Vincent Cassel) und Theo (Pierre Niney), die in einem Tonstudio Geräusche für Filme produzieren, und denkt sich dazu eine wilde Geschichte von Sex und Eifersucht aus. Adam (Adam Bessa), ein mysteriöser junger Mann, hilft ihr nicht nur die Wohnung aufzuräumen, sondern verfolgt undurchsichtige eigene Pläne. Man muss vorsichtig sein und darf nicht zu viel über den Inhalt verraten, denn die parallelen Geschichten, die Farhadi erzählt, gehen verschlungene Wege. Die Zuschauer werden immer wieder mit unerwarteten Wendungen konfrontiert. Ein Film im Film entwickelt sich, der mit Zeitsprüngen und unterschiedlichen Erzählperspektiven spielt. 

Wie immer in den Filmen von Farhadi sind die Figuren psychologisch präzise ausgeleuchtet, es bedarf keiner dramatischen Ereignisse, um Spannung zu entwickeln, sie entsteht aus ihren Beziehungen zueinander. Farhadi nennt als Vorlage die sechste Episode aus Krzysztof Kiéslowskis „Dekalog“ (in der erweiterten Kinofassung „Ein kurzer Film über die Liebe“), bezieht sich aber auch auf Elemente aus den anderen Episoden des Werks wie z.B. die Ermordung des Taxifahrers in „Ein kurzer Film über das Töten“ (also Dekalog, Fünf). Es passt dazu, dass Kiéslowskis langjähriger Komponist Zbigniew Preisner die Filmmusik geschrieben hat. 

Die Art und Weise, wie Asghar Farhadi Kiéslowski interpretiert, verschiedene Motive aus dem „Dekalog“ zitiert, das ist beiläufig angerissen und spannend zu beobachten. Von Farhadi hatten viele einen filmischen Kommentar zum Iran erwartet, ähnlich wie bei Jafar Panahi, der mit „It Was Just an Accident“ (Ein einfacher Unfall) im vergangenen Jahr die Goldene Palme gewann. Entsprechend enttäuscht fiel die Reaktion zahlreicher Kritiker aus. Aber mit dem Vorwurf mangelnder politischer Relevanz tut man dem raffiniert gebauten und elegant inszenierten Film Unrecht. Filme müssen keine Botschaften transportieren. Es genügt, wenn sie ein 

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79. Festival de Cannes

Das 79. Festival de Cannes wurde am 12. Mai mit der französisch-belgischen Koproduktion "La Vénus électrique" (The Electric Kiss) von Pierre Salvadori eröffnet. Die in Cannes seit 1974 existierende Jury œcuménique verleiht ihren Preis an einen Film des Internationalen Wettbewerbs.