Bericht aus der Ökumenischen Jury. Von Jurymitglied Jakob Hoffmann
Die Ökumenische Jury in der Diskussion (© INTERFILM)


Es gehört zum guten Ton, die Arbeit einer Filmjury zu loben, vor allem, wenn man Teil von ihr ist. Was damit rasch zur Floskel wird, verdient eine Spezifizierung. 

Das Urteil einer offen diskutierenden Jury ist nicht objektiv, aber mehr als eine Meinung. Der eigenen Perspektive werden andere hinzugefügt, Informationen, Bezüge und Beobachtungen, die der Komplexität des Mediums gerechter werden als ein einzelner Blick, sei er noch so präzise und informiert. Die internationale Zusammensetzung der Jury tut ihr Übriges. Und man erlebt, wie viel Spaß es macht, über Filme zu sprechen. 

Ein Festival wiederum hat zusätzlich den Effekt, Filme gleichsam ins Gespräch miteinander zu bringen. Ob Filme in der Beurteilung dabei gewinnen ist schwer zu sagen. Einer der herausragenden Arbeiten des Wettbewerbs, „Notre Salut“ (Emmanuel Marre, Belgien, Frankreich 2026), profitierte womöglich auch ein wenig von der allzu konventionellen Machart des thematisch verwandten „Moulin“ (László Nemes, Frankreich 2026). Darin wird Verhaftung und Martyrium des französischen Widerstandskämpfers Jean Moulin geschildert. Lars Eidinger chargiert hier als Klaus Barbie, Licht und Kamera sind ganz auf Effekt ausgerichtet. „Moulin“ erklärt, wo „Notre Salut“ fragt. Es geht um Henri Marre, einen schwer zu fassenden Karrieristen, der im Vichy-Regime den perfekten Ort für die Umsetzungen seiner Ideen zur Optimierung von Abläufen sieht. Mit Mitteln der Verfremdung macht die Regie ihre Perspektive deutlich, ist der Film doch eine Mutmaßung anhand eines Briefwechsels zwischen Marre und seiner Frau. So verbindet sich Erinnerung mit uns als Zuschauer, als Frage, die uns nicht nur bewegt, sondern auch in Bewegung bringt. Die Tanzszenen in „Notre Salut“ gehören zu den eindringlichsten Momenten des Festivals.

Lieder und Songs spielten bei erstaunlich vielen Filmen eine bemerkenswert eigenständige Rolle. Im stimmigen „The Man I Love“ (Ira Sachs, USA 2025) singen sich die Freunde bei einer Party Folksongs vor, ruhig und mit Inbrunst. Im eleganten „Amarga Navidad“ (Spanien 2026) von Cannes-Faktotum Pedro Almodóvar wird das Lied „Las simplas cosas“ (ursprünglich von Mercedes Sosa) in einem entscheidenden Moment gesungen – und später von Almodóvar beim Fototermin. Der viel gelobte „Fatherland“ (Pawel Pawlikowski, Polen, Deutschland, Italien, Frankreich 2026) endet in einer Kirchenruine. Thomas und Erika Mann sitzen auf dem Boden, der Organist spielt Bachs „Jesus bleibet meine Freude“, Mann weint, erstmal gelingt es ihm, zu trauern über den Tod seines Sohnes Klaus. Die beiden mit Palmen belohnten Hauptdarsteller des Kriegs- und Liebesdramas „Coward“ (Lukas Dhont, Belgien, Frankreich, Niederlande 2026) lernen sich kennen und lieben in einer Theatergruppe an der Front. „Plaisir d´amour“, ein klassisches französisches Chanson, wird ihr sprechendes Lied, Emmanuel Macchia und Valentin Campagne gewannen den Preis für die besten Hauptdarsteller und bei der Verleihung das Herz des Publikums.

Krieg und Queerness – beides Themen, die in „Coward“ behandelt werden – prägten auch zahlreiche andere Wettbewerbsbeiträge. „La bola negra“ von Javier Calvo und Javier Ambrossi (Spanien, Frankreich 2025) galt etlichen als preiswürdig. Die homosexuelle Liebesgeschichte ist darin verwoben mit dem spanischen Bürgerkrieg und einem verloren geglaubten Drama von Lorca, virtuos in seinen Mitteln, aber darin vielleicht auch etwas zu sehr auf visuelle Überwältigung angelegt. In ruhigen Filmen wie „Nagi Notes“ von Fukada Koji (Japan, Frankreich, Singapur, Philippinen 2026) blieben die aktuellen Kriege als Tonspur im Hintergrund, überzeugend als beunruhigender Sound einer Geschichte inszeniert, in der die Protagonist:innen nach ihrer persönlichen Zukunft fragen.

Mit „Soudain“ (All of a Sudden, Frankreich, Japan, Deutschland, Belgien 2026) gab Hamaguchi Ryusuke dem Festival das Kino des Diskurses zurück. Filmisch mit einfachen, klaren Mitteln in Szene gesetzt, verfolgt man den Beginn einer Freundschaft zwischen zwei Frauen als ein langes Gespräch über Aufmerksamkeit und Pflege im Spätkapitalismus. Das ausgerechnet der längste Film des Wettbewerbs so sehr auf das gesprochene Wort vertraut und die Aufmerksamkeit des Betrachters bis zuletzt fesselt ist faszinierend und wesentlich auch den beiden Hauptdarstellerinnen zu verdanken. Virginie Efira und Tao Okamoto gewannen die Palme für die besten Schauspielerinnen.

Die Auswahl der Wettbewerbsfilme orientierte sich vermutlich vor allem an renommierten Namen, also Regisseur:innen, die mit anderen Filmen in Cannes reüssierten. Kein abwegiges Kriterium, die Ergebnisse waren aber nicht durchweg überzeugend. Altmeister Almodovar bot sehr solides Niveau, die neuen Filme von Arthur Harari (L’Inconnu, Frankreich, Italien 2026) und Asghar Farhadi (Histoires parallèles, Frankreich, Belgien, Italien 2026) enttäuschten.

Das Urteil gilt nicht für den Siegerfilm der 79. Ausgabe des Festivals in Cannes. Man darf „Fjord“ getrost so nennen, heimste er doch die (Haupt-)Preise von gleich drei Jurys ein (Ökumenische Jury, FIPRESCI und Hauptjury des Festivals). Der Regisseur, Cristian Mungiu, gewann zum zweiten Mal nach 2007 die Goldene Palme. 

Die Entscheidung für diesen Film durch unsere Jury mag naheliegend erscheinen – eine fundamental christliche Familie steht im Mittelpunkt. Das konkrete Thema war aber weniger ausschlaggebend für die Wahl als vielmehr die kluge Konstruktion des Werkes. Der Film fordert eine Haltung, weil er über einfache Zuschreibungen hinausgeht und die Übergänge von nachvollziehbaren Positionen zu ideologischen Erstarrungen markiert.

In den Nebenreihen war Aufregendes zu entdecken – wenn es das Pensum zuließ. Dort war Raum für neue Stimmen und gute Bekannte. Hinreißend der Animationsfilm “Le corset” (Iron Boy, Frankreich, Belgien 2026) von Louis Clichy in der Sektion Un certain régard, der seine Mittel klug und souverän zu einer Feier der Bewegung als Freiheit einsetzt, eindrücklich gezeichnet und mit beeindruckendem Timing erzählt.

Cannes – das ist Luxus und Kino. Wer sehen kann, wird sich für letzteres entscheiden.

Information

Erstellt

Festivals