Epilog
Lebewohl, meine Konkubine (Chen Kaige)


Auch ohne große amerikanische Präsenz war das 79. Festival de Cannes ein spektakuläres Ereignis. Wenn man das Festival als Seismographen für eine internationale Entwicklung nimmt, fällt auf, dass die globale Kinolandschaft sich offensichtlich nach Asien verschiebt. Mit „Soudain“ von Rysuke Hamguchi war eine hybride japanisch-französische Produktion unter den Preisträgern, der Regisseur kam aus Japan, Schauplatz war Paris. Ohnehin waren drei japanische Regisseure und eine Produktion aus Korea („Hope“ von Na Hong-jin) im Wettbewerb vertreten. Aber auch der europäische Süden war stark vertreten. Drei Filme kamen aus Spanien, der Gewinner der Goldenen Palme, Christian Mungiu, aus Rumänien.

Bemerkenswert war in diesem Jahr die Erweiterung der Reihe Cannes Classics mit deutlich mehr Vorführungen als im Vorjahr. Den Auftakt machte Guillermo del Toro, der nach Cannes gekommen war, um die restaurierte Fassung seines Klassikers „Pans Labyrinth“ (El laberinto del fauno, 2006) zu präsentieren. Der verstorbene amerikanische Großkritiker Roger Ebert nannte ihn "one of the greatest of all fantasy films, even though it is anchored so firmly in the reality of war". Angesiedelt in der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg, taucht del Toro in die Phantasiewelt eines elfjährigen Mädchens ein, in der ein Fabelwesen Träume und Ängste verkörpert. Sergi Lopez, der im vergangenen Jahr im spanischen Beitrag „Sirāt“ (Regie: Óliver Laxe) als verzweifelter Vater beeindruckte, spielt in „Pans Labyrinth“ den brutalen Stiefvater, einen Franco Offizier.

 Spektakulär war auch die Wiederaufführung von „Farewell, My Concubine“ (Lebewohl, meine Konkubine, OT: Bawang bieji) von Chen Kaige, der 1993 zusammen mit Jane Campions „The Piano“ die Goldene Palme gewann. Gong Li, der weibliche Star des Films, die später eine internationale Karriere machte und zur Werbe-Ikone für L'Oréal wurde, war nach Cannes gekommen, um die restaurierte Fassung vorzustellen. Am Abend vorher hatte sie schon das Festival offiziell eröffnet. Ich erinnere mich, wie stark mich der Film Anfang der 90er Jahre beeindruckt hat. Es war die Zeit, als die chinesischen Filme der sogenannten 5. Generation begannen, die internationalen Festivals zu erobern.

Am Beispiel von zwei Darstellern der Peking Oper erzählt Chen Kaige von den Umbrüchen der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert. Die Handlung beginnt im Jahr 1977, kurz nach dem Ende der Kulturrevolution. Die beiden Schauspielstars Dieyi (Leslie Cheung) und Xialou (Zhang Fengyi) dürfen wieder mit ihrem Stück „Lebewohl, meine Konkubine“ auftreten. Sprung zurück in die 20er Jahre, die Waisenkinder Douzi und Shitou werden in der Operntruppe des sadistischen Meister Guan ausgebildet, Douzi für Frauen-, Shitou für Männerrollen. 

Zwischen den beiden entwickelt sich eine homoerotische Anziehung, die aber nie ausgelebt wird. Stattdessen heiratet Shitou die schöne Juxian (Gong Li). Wir folgen ihnen auf ihrem Weg zu Opernstars, wie sie vor den japanischen Besatzern in den 40er Jahren auftreten und den Sieg der Kommunisten unter Mao erleben. Die Bilder der Kulturrevolution in den Jahren seit 1966 sind am schwersten mitanzusehen. Die Aufführungen der Peking Oper werden als bürgerliches Relikt verboten, Dieyi und Xialou öffentlich gedemütigt und durch die Straßen getrieben. Sie haben Glück, mit dem Leben davonzukommen. Die Bilder sind auch deshalb so verstörend, weil Chen Kaige verarbeitet, was er selbst erlebt hat, als er während der Kulturrevolution seinen Vater denunzierte. 

Als 14jähriger Schüler geriet er wie viele Jugendliche unter den Einfluss der Kulturrevolution, die vor allem von Schülern und Studenten getragen wurde. Sie wurden aufgefordert, ihre Eltern als „Konterrevolutionäre“ zu denunzieren. Chens Vater arbeitete als Regisseur für Opernfilme im Pekinger Filmstudio, seine Mutter schrieb Drehbücher. 1968 wurde Chen zwangsweise zum Arbeitseinsatz aufs Land geschickt. Als 1978 die Pekinger Filmakademie wieder geöffnet wurde, gehörte er zusammen mit Zhang Yimou (der bei „Lebewohl, meine Konkubine“ die Kamera führte) zur sogenannten 5. Generation von chinesischen Regisseuren. Wenn man die Bedeutung der Peking Oper und die traumatischen Erfahrungen der Kulturrevolution zusammendenkt, versteht man die enorme persönliche Bedeutung des Films für Chen Kaige.

 In der Cannes Classics Reihe kam es zu einem Zusammentreffen von zwei legendären polnischen Regisseuren, Jerzy Skolimowski und Andrzej Wajda. Der heute 88jährige Skolimowski besuchte die berühmte Filmschule in Łódź, schrieb Drehbücher für Andrzej Wajda und Roman Polanski, bevor er 1965 mit „Rysopis“ (Besondere Kennzeichen: keine) seinen ersten Spielfilm realisierte. In den 70er Jahren verließ er Polen, um in Frankreich und England zu arbeiten. „Moonlighting“ (Schwarzarbeit, 1982) ist ein zu Unrecht vergessenes Meisterwerk aus dieser Zeit. Eine Gruppe polnischer Arbeit wird nach London geschickt, um die Wohnung eines Parteifunktionärs zu renovieren. In Warschau schmuggeln sie ihr Werkzeug durch den Zoll und fliegen mit einem Touristenvisum nach London.

Jeremy Irons spielt den Vorarbeiter Nowak, der als Einziger Englisch spricht und dafür sorgt, dass die anderen Arbeiter sich nur im Haus aufhalten, um keinen Verdacht zu erregen. Während die Männer Wände einreißen, neue Leitungen und neue Fußböden legen, kauft Nowak Lebensmittel und Arbeitsmaterial ein. Seine Versuche, sich mit den Nachbarn zu verständigen, bieten Skolimowski Gelegenheit zu sarkastischen Portraits englischer Spießigkeit.

Als es zu Unfällen und einem Wasserrohrbruch kommt, wird die Stimmung immer schlechter. Nowak geht das Geld aus, er muss zu kleinen Diebstählen greifen und reagiert zunehmend autoritär auf den Unmut der Arbeiter. Atemlos verfolgt man seine Tricksereien an der Supermarktkasse, immer in der Hoffnung, dass er nicht auffliegt. Währenddessen wird in Polen, wie Nowak aus der Zeitung erfährt, die Solidarność-Bewegung niedergeschlagen und das Kriegsrecht verhängt. Als sie kein Geld mehr für die U-Bahn haben, müssen die Männer mitten in der Nacht zu Fuß sechs Stunden zum Flughafen laufen.

Skolimowski schrieb das Drehbuch, als er von der Verhängung des Kriegsrechts in Polen erfuhr, und drehte den Film in wenigen Wochen mit einem kleinen Budget. „Moonlighting“ kann man als Parabel auf die Ausbeutung im polnischen Staatssozialismus verstehen und sich zugleich über die Konfrontation der polnischen Arbeiter mit den englischen Locals amüsieren.

Etwas früher realisierte Andrzej Wajda seinen Film „Der Mann aus Eisen“ (1981) über die Streiks in Danzig und die Entstehung der Solidarność Bewegung. Wajda fürchtete, dass es zu staatlichen Repressionen kommen würde, und schaffte es noch, den Film vor Verhängung des Kriegsrechts fertigzustellen. Allerdings musste er im Winter drehen, wie Krystyna Janda, die weibliche Hauptdarstellerin, bei der Präsentation in Cannes erzählte, während die Streiks im Sommer 1980 stattfanden. 

Der Radiojournalist Winkel (Marian Opania) wird zur Lenin-Werft nach Danzig geschickt, um die Streiks als „verantwortungslose konterrevolutionäre Aktionen“ in Misskredit zu bringen. Doch der Alkoholiker Winkel wird allmählich zum Sympathisanten, als er den rebellierenden Arbeitern und ihrem Anführer Lech Wałęsa (der sich im Film selbst spielt) begegnet. Andrzej Wajda hat neben Krystyna Janda ein Starensemble versammelt, Jerzy Radziwiłowicz spielt den Aktivisten Maciek Tomczyk, Bogusław Linda den Radiotechniker Dzidek, Janusz Gajos den Chef des staatlichen Radios. Zusätzliche Authentizität gewinnt der Film durch die Verwendung von dokumentarischen Aufnahmen von den Verhandlungen zwischen den staatlichen Vertretern und den Streikenden. „Der Mann aus Eisen“ gewann 1981 die Goldene Palme in Cannes.

Die Reihe der Cannes Classics unterstreicht die Bedeutung, die das Festival der Filmgeschichte beimisst, und sorgt für eine spannende Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart des Kinos. Querverbindungen und Bezüge tun sich auf, die nicht nur ein Wiedersehen mit Klassikern ermöglichen, sondern auch die Wahrnehmung der neuen Filme bereichern.

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