Die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach ist für ihren neuen Film ins Ausland gegangen. Nach Swilenberg, in das Grenzgebiet zwischen Bulgarien und der Türkei. In Bulgarien hatte sie schon ihren früheren Film „Western“ (2017) gedreht, eine Geschichte von ostdeutschen Arbeitern auf einer bulgarischen Baustelle, und war damit in der Nebenreihe Un Certain Regard vertreten. Jetzt ist sie mit „Das geträumte Abenteuer“ im Wettbewerb angekommen.
Wieder arbeitet sie mit Laiendarstellern, einer davon ist Süleyman Letifow, der Said spielt, einen muslimischen Bulgaren. Er taucht auf, out of nowhere, wir sehen ihn im Auto telefonieren, es geht um einen Deal mit geschmuggeltem Benzin. Am nächsten Morgen ist sein Auto verschwunden, auf der Straße trifft er die Archäologin Veska (Jana Radewa), eine alte Bekannte, die er zu ihrer Ausgrabung an einem mittelalterlichen Turm begleitet. In der Grenzregion ist viel von Schmuggel und Mafia die Rede, schließlich taucht auch der lokale Mafia Boss Iliya (Stoicho Kostadinov) auf.
Grisebach verfährt nach dem Prinzip „Tell, don’t show“. Ständig wird über illegale Geschäfte mit Zigaretten und Flüchtlingen geredet, aber wir sehen nichts davon. Allenfalls gibt es mal eine kleine Schlägerei, angezettelt von den Bodyguards des Mafia-Paten. Ansonsten sitzen Männer an Tischen, rauchen, trinken und lachen über schlechte Witze. Das Ganze in epischer Länge, denn der Film kommt auf eine Laufzeit von fast drei Stunden und könnte in seiner Beliebigkeit auch noch ein paar Stunden weitergehen. Selbst die gutwillige Kritikerin Lee Marshall schreibt in „Screen International“: „'Das geträumte Abenteuer' fesselt uns trotz seiner langen Laufzeit vor allem deshalb, weil wir ständig versuchen, den Anschluss zu finden und die Teile einer fragmentierten Geschichte zusammenzusetzen, die sich gesetzlos, provokativ und gefährlich anfühlt“.
Schließlich wird es doch noch dramatisch, als Veska eine Pistole an sich nimmt, die unter einem Dachbalken versteckt ist. Woher sie das weiß, erfahren wir nicht. Aber wie wir von Tschechow wissen, muss die Pistole irgendwann zum Einsatz kommen, und zwar, um ein junges Mädchen vor einer potentiellen Vergewaltigung zu retten. So weit so feministisch korrekt.
Valeska Grisebach ist eine treue Absolventin der sogenannten ‚Berliner Schule‘, so gilt es jede Emotion und jede Dramatik zu vermeiden. Die Motive der Figuren bleiben im Dunkeln, die Dialoge sind banal und wenig aufschlussreich. Warum Veska ausgerechnet mit einem kahlgeschorenen Typen mit Ohrring ins Bett geht, werden wir nie erfahren. Am Ende gönnt sich Grisebach ein emotionales Finale, als Said zu Veska sagt, Geld interessiert ihn nicht und lakonisch anmerkt: „Ich habe dich vermisst.“ Schwarzbild, Abspann.
Vor 19 Jahren tauchte der rumänische Regisseur Cristian Mungiu quasi aus dem Nichts auf und gewann mit seinem Abtreibungsdrama „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage“ (2007) auf Anhieb die Goldene Palme. Seitdem hat Mungiu eine Reihe von Filmen gemacht, mit denen er immer wieder in Cannes vertreten war. In seinem neuen Werk „Fjord“, das er in Ålesund, in Norden von Norwegen, gedreht hat, zeigt sich Mungiu einmal mehr als Meister des psychologischen Dramas.
Wie ein Keil trennt ein Fjord zwei Bergketten, ein Keil geht auch durch die Bewohner des Orts und die fundamentalistisch-religiöse Familie, die aus Rumänien hierhin gezogen ist. Mihai Gheorghiu[ (Sebastian Stan), der rumänische Vater hat als IT-Spezialist einen Job bei der Stadtverwaltung gefunden, seine norwegische Frau Lisbet (Renate Reinsve) arbeitet in einem Krankenhaus. Die Kinder werden streng erzogen, Handy, moderne Musik und Tanzen gelten als Teufelszeug. Trotzdem freundet sich ihre Tochter Elia (Vanessa Ceban) mit Noora, der Tochter des Schuldirektors, an.
Alles sieht nach einer freundschaftlichen Integration der neuen Nachbarn aus, bis die Sportlehrerin bei Elia Spuren bemerkt, die auf körperliche Gewalt schließen lassen. Die Schule wendet sich an die staatliche Institution Child Protection, vergleichbar dem Jugendamt in Deutschland. Bis zur Klärung des Falls werden die Kinder, einschließlich des Säuglings, bei Pflegefamilien untergebracht. Bei der Verhandlung vor dem Zivilgericht kommt es zu einer dramatischen Konfrontation zwischen den Vertretern der Kinderschutzbehörde und der evangelikalen Familie, für die „Schläge vom Himmel kommen“, und die betont, die Kinder nur mit einem „Klaps“ zu bestrafen.
Eine ähnliche Konfrontation zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, zwischen Rumänen und Ungarn in Transsylvanien, hatte Christian Mungiu in seinem letzten Film „R.M.N.“ in Szene gesetzt. Auf happy endings darf man bei ihm nicht hoffen. Sebastian Stan, Star zahlreicher Marvel Filme, der selbst aus Rumänien stammt, beeindruckt als freundlich autoritärer Verfechter „traditioneller“ Erziehungsmethoden. Zuletzt war er in Cannes vor zwei Jahren als junger Donald Trump in „The Apprentice“ zu sehen. Renate Reinsve, die 2021 auf dem Festival den Darstellerpreis gewann, spielte zuletzt die Tochter von Stellan Skarsgård in „Sentimental Value“. Eine Rolle, die ihr eine Oscar Nominierung einbrachte. In „Fjord“ bleibt sie neben Sebastian Stan etwas blass, allerdings gibt ihr das Drehbuch wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Insgesamt wirkt Mungius Film trotz seines intelligenten Spannungsaufbau in letzter Konsequenz etwas zögerlich.