Queer Cinema
La bola negra (© FDC)


Wenn man gegen Ende des Festivals Bilanz zieht, ist man erstaunt über die Fülle an queeren Affären und Beziehungen, die man auf der Leinwand sieht. Am Anfang waren es mehr lesbische Konstellationen, in den letzten Tagen standen männliche Protagonisten im Fokus. Man könnte meinen, dass die Tage des heterosexuellen Kinos gezählt sind.  In „La bola negra“ (Die schwarze Kugel), dem Film des Duos Javier Calvo und Javier Ambrossi, scheint die Welt nur noch von schwulen Männern bevölkert zu sein. In ihrem zweiten Spielfilm entwerfen die Regisseure ein breites Panorama spanischer Geschichte, angesiedelt auf drei Zeitebenen, wobei sämtliche Protagonisten schwule Männer sind.

Sebastián (Singer und Songwriter Guitarricadelafuente) ist einer der wenigen, der 1937 einen italienischen Luftangriff überlebt, bei dem sein Dorf ‚versehentlich‘ angegriffen wird. Er wird von den Franco-Truppen für die ‚nationale‘ Seite rekrutiert und soll einen verwundeten republikanischen Gefangenen bewachen. Wie sich herausstellt, war Rafael (Miguel Bernardeau) der letzte Liebhaber Lorcas, der ihm ein unveröffentlichtes Manuskript anvertraut hat. Die zweite Zeitebene, angesiedelt im Jahr 1932, illustriert Lorcas Geschichte. Vergeblich bemüht sich Carlos, Mitglied im feudalen Casino von Granada zu werden, weil man vermutet, dass er homosexuell sei. Die dritte Zeitebene spielt 2017, Alberto (Carlos González) erhält die Nachricht, dass sein verstorbener Großvater, den er nie kennengelernt hat, ihn als Erben eingesetzt hat. Hier schließt sich der Kreis zum Manuskript von Lorca.

Die Konstruktion beginnt verheißungsvoll, verliert sich aber zunehmend im Labyrinth melodramatischer Verwicklungen und narrativer Nebenstränge. So z.B., wenn Penelope Cruz bei einer Cabaret-Show zur Truppenbetreuung für Francos Soldaten auftritt. Bei der abendlichen Premiere hatte sie noch einen Auftritt, diesmal als Star auf dem Roten Teppich. Man könnte von einer historischen Erweiterung von Pedro Almodóvars spanischem Queer Cinema sprechen, allerdings ohne edles Interior Design. So überrascht es nicht, dass Almodóvar als Coproduzent genannt wird.

Vor vier Jahren gewann der Belgier Lukas Dhont den Großen Preis der Jury mit „Close“, es ist die Geschichte von zwei Jungen, die in Verdacht geraten, eventuell homosexuell zu sein. „Close“ beeindruckte durch die jungen Laiendarsteller und die zurückhaltende Inszenierung. Auch in seinem neuen Film, „Coward“, hat Dhont die Figur des Pierre mit einem Laien besetzt. Schauplatz ist der 1. Weltkrieg, der zum Setting für eine schwule Liebesgeschichte zwischen zwei belgischen Soldaten wird. Pierre (Emmanuel Macchia) ist ein schüchterner Rekrut vom Land, Francis (Valentin Campagne) der extrovertierte Sohn eines edlen Herrenschneiders aus der Stadt. Zwischen den beiden baut sich eine erotische Spannung auf, die sich zu einer leidenschaftlichen Affäre ausweitet, als beide in einer Travestieshow auftreten, die Francis hinter der Front organisiert hat. “Ich wollte einen Film über Singen in dunklen Zeiten machen. Ich wollte Kameradschaft zeigen, wie wir füreinander da sein können", sagt der Autor und Regisseur in einem Interview. Pierre lässt sich nur zögerlich auf die Affäre mit Francis ein, doch am Ende ist er es, der vorschlägt, nach dem Krieg gemeinsam zu fliehen, um die Zwänge des bürgerlichen Lebens hinter sich zu lassen. 

Je ausgiebiger die Szenerie der Revue ins Bild gesetzt wird, desto mehr gerät die Realität des Kriegs aus dem Blickfeld. Man gewinnt den Eindruck, dass er vor allem als Katalysator dient, um von der schwulen Beziehung der beiden Soldaten zu erzählen. Das ist dann nicht viel anders als bei heterosexuellen Liebesgeschichten vor dem Hintergrund des Krieges, wie man sie schon oft im Kino gesehen hat. 

Beide Melodramen dürften auf jeden Fall gute Chancen auf die sogenannte Queer Palme haben.

Das gilt auch für „The Man I Love“ (der Titel zitiert einen Song von George Gershwin), Ira Sachs‘ Portrait der gay community im New York der 80er Jahre. Rami Malek, der mit der Rolle von Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ bekannt wurde, spielt wild grimassierend Jimmy Scott, einen schwulen Schauspieler und Sänger. Rebecca Hall agiert als seine Schwester, es gibt den obligatorischen Besuch bei den Eltern und eine Gesangseinlage zu ihren Ehren. Seinen Auftritt bei einem Off Broadway-Stück kann Jimmy angesichts seiner fortgeschrittenen AIDS-Erkrankung nicht mehr durchstehen. Damit findet der Film sein tragisches Ende. 

Das alles hat man schon mehr als einmal gesehen, zuerst in René Scotts „Longtime Companion“ (Freundschaft fürs Leben, 1987), bei dem Ira Sachs als Regieassistent fungierte. Das Theaterstück wirkt ausgesprochen banal, die Gesangsauftritte von Rami Malek haben nichts Mitreißendes, auch seine schwule Affäre mit seinem englischen Nachbarn (Luther Ford) ist einigermaßen vorhersehbar. Trotzdem wurde „The Man I Love“ nicht nur von der amerikanischen Kritik durchaus positiv aufgenommen. 

Früher gab es spezielle Festivals für Queer Cinema, jetzt sind die entsprechenden Filme im Mainstream angekommen.

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