Frauen
La vie d'une femme


Als der Festivalleiter Thierry Frémaux bei der Pressekonferenz dafür kritisiert wurde, dass nur vier Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten seien, verwies er zu Recht auf die zahlreichen Filme mit weiblichen Protagonistinnen.

Einen ersten Höhepunkt setzte „La vie d’une femme“ (Das Leben einer Frau) von Charline Bourgeois-Tocquet. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich das dramatische Portrait einer erfolgreichen Chirurgin, Professorin an einem öffentlichen Krankenhaus in Lyon. Gabrielle (Léa Drucker) ist Spezialistin in facial reconstruction und erklärt auf einer Konferenz das Credo ihres Berufs. Es geht darum, Menschen mit schweren Verletzungen ein neues Gesicht zu geben, das zwar nicht wie ihr früheres sein wird, aber dafür sorgt, dass sie unauffällig über die Straße gehen können, ohne dass man sich nach ihnen umdreht. 

Wir begleiten Gabrielle durch ihren atemlosen Alltag, es fehlt an Personal, die Studenten im Praktischen Jahr kommen nach Lust und Laune, ihr persönlicher Assistent will drei Wochen Babyurlaub nehmen, was die kinderlose Chefin für maßlos übertrieben hält. Beim Umzug in ein neues Gebäude muss ihre Abteilung die Hälfte in Pappkartons selbst transportieren, während sich die Zahnmediziner ihr Equipment unter den Nagel reißen. 

Gabrielle ist ständig am Handy, und wenn sie abends nach Hause kommt, muss sie erst einmal einen Stapel Sneaker hinter der Tür beiseiteschieben, weil der Sohn ihres Mannes (Charles Berling) mit seinen Freunden bei lauter Musik Geburtstag feiert. Eines Tages taucht die Autorin Frida (Mélanie Thierry) bei ihr in der Klinik auf, um Material für ihren neuen Roman zu sammeln. Etwas widerwillig lässt Gabrielle sich auf ihre Begleitung ein, doch dann entwickelt sich aus dieser Begegnung eine unerwartete Dynamik.

Die 40jährige Regisseurin Charline Bourgeois-Tacquet hat als Schauspielerin angefangen. „La vie d’une femme“ ist ihr zweiter Spielfilm, der zu den Höhepunkten im Wettbewerb von Cannes gehörte. Nicht zuletzt dank der exzellenten Hauptdarstellerin Léa Drucker, für mich eine starke Kandidatin für den Preis als beste weibliche Schauspielerin. Schon im vergangenen Jahr beeindruckte sie als Kriminalpolizistin in Dominik Molls „Dossier 137“.

In „Soudain“ (Plötzlich) von Ryusuke Hamaguchi ist es Virginie Efira, die als Leiterin eines Altersheims das Geschehen dominiert. Hamaguchi hatte mit „Drive My Car“, der Verfilmung einer Geschichte von Haruki Murakami, vor 5 Jahren den Preis der Ökumenischen Jury in Cannes und später einen Oscar gewonnen. Er wird in cineastischen Kreisen sehr geschätzt, und sein neuer Film dürfte auf begeisterte Kritiken stoßen. 

Hamaguchi schafft es meisterhaft, sämtliche westlichen Japan-Klischees zu bedienen. Marie-Lou (Virginie Efira) möchte das neue Konzept der ‚humanitude‘ in den Alltag der Pflege einführen, was angesichts des Mangels an Personal nicht bei allen auf Begeisterung stößt. Eines Tages begegnet sie der japanischen Theaterregisseurin Mari, gespielt von dem japanischen Top-Model Tao Okamoto. Von ihr lernt Marie-Lou allerlei fernöstliche Körpertechniken. Zusammen analysieren sie die destruktiven Auswirkungen des Kapitalismus, der nach ihrer Einschätzung nicht nur für die fallende Geburtenrate, sondern auch für alle möglichen anderen Übel in der Welt verantwortlich ist. Zum besseren Verständnis für die Zuschauer malen sie ein Schaubild auf eine Schautafel. 

In Japan kommt die Macht des Patriarchats hinzu, wie Marie-Lou bei ihrem Anthropologie-Studium an der Waseda-Universität herausfand. Deshalb können sich die beiden Frauen abwechselnd auf Französisch und Japanisch unterhalten. Im Subtext entwickelt sich eine erotische Anziehung, die sich allerdings dank der diskreten Regie von Hamaguchi nie realisiert. Umarmungen und Fuß-Massagen sind das Äußerste an körperlicher Annäherung.

„Soudain“ funktioniert ganz über Dialoge, die manchmal zu Ansprachen werden. Entsprechend wird den Zuschauern alles möglichst ausführlich erklärt. Dank der Körperübungen, die Mari im Altersheim einführt, können die Insassen wie auch die Pfleger ihren Alltag besser bewältigen. Doch wie es das Schicksal will, ist Mari eine Krebspatientin im Endstadium, deren Krankheit „plötzlich“ (daher der Titel) wieder ausbrechen kann. Das sorgt für eine entsprechende emotionale Dramatik; hingebungsvoll kümmert sich Marie-Lou um ihre todkranke Freundin. „Soudain“ wirkt wie eine dreistündige Achtsamkeitsübung und spart nicht mit Kalenderweisheiten. Japanophile Kritiker werden begeistert sein.

Das waren sie auch bei dem ersten von drei japanischen Film im Wettbewerb, „Nagi Notes“ (Tage in Nagi) von Fukuda Koji, der vor 10 Jahren mit „Harmonium“ in Cannes den Preis in der Reihe „Un certain regard“ gewann. Auch hier geht es um zwei Frauen, die sich allmählich nahekommen. Die Architektin Yori (Shizuka Ishibashi) besucht nach der Trennung von ihrem Mann ihre Ex-Schwägerin Yoriko in der Kleinstadt Nagi knapp 700 km südlich von Tokio. Yoriko (Takako Matsu) arbeitet als Bildhauerin und macht Holzskulpturen. Nebenbei hält sie eine Handvoll Kühe, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Sie bittet Yori, für sie Modell zu stehen. Außerdem gibt es zwei jugendliche Schüler, die beschlossen haben, als schwules Paar auszureißen und sich von Yoriko Geld zu leihen. Im strömenden Regen werden sie von ihren Vätern wieder eingesammelt, und Yoriko muss sich mit tiefen Verbeugungen entschuldigen.

Im Hintergrund hört man die Schießübungen einer Militärbasis der japanischen ‚Selbstverteidungskräfte‘, die nach Aufrüstungen durch die letzten japanischen Regierungen gar nicht mehr so defensiv aufgestellt sind. Bilder vom Krieg in der Ukraine sollen vermutlich ein Bedrohungsszenario andeuten. Das alles ist so banal und zurückhaltend inszeniert, dass sich bald Müdigkeit breit macht und man das weitere Familiengeschehen desinteressiert an sich vorüberziehen lässt. Am Ende lehnt die Architektin ein Jobangebot in Taiwan ab, um noch länger das ruhige Landleben in Nagi zu genießen. Japanisches Origami-Kino.

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Festivals

79. Festival de Cannes

Das 79. Festival de Cannes wurde am 12. Mai mit der französisch-belgischen Koproduktion "La Vénus électrique" (The Electric Kiss) von Pierre Salvadori eröffnet. Die in Cannes seit 1974 existierende Jury œcuménique verleiht ihren Preis an einen Film des Internationalen Wettbewerbs.