Etwas ganz Besonderes (© Adrian Campean / Trimafilm)


Das Berlinale Label „Komplizierte Familienverhältnisse“ passt perfekt auf den deutschen Beitrag „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch, der zu den Höhepunkten des Wettbewerbs zählte. Die 16jährige Lea (Frida Hornemann) hat sich bei einer Casting Show beworben und darf als Kandidatin im Fernsehen auftreten. Als sie bei einem persönlichen Portrait gefragt wird, was das Besondere an ihr sei, weiß sie nicht, was sie antworten soll. Aber wer weiß das schon mit 16 Jahren? Ihre Eltern haben sich gerade getrennt, ihr Vater Matze (Max Riemelt) hängt immer noch an seiner Frau Rieke (Gina Henkel), die von ihrem neuen Freund (Florian Lukas) schwanger ist. Frida fetzt sich mit ihrer Mutter und zieht zu ihrem Vater. 

Doch am besten versteht sie sich mit ihrer Tante Kati (Eva Löbau), die im örtlichen Museum eine innovative Ausstellung vorbereitet. Schauplatz ist der deutsche Osten, aber „Etwas ganz Besonderes“ ist kein typischer Ost-Film. Als Lea beim Casting in einem Münchener TV-Studio gefragt wird, wo sie herkommt, entwickelt sich ein aufschlussreicher Dialog. Antwort: „Aus Greiz“, „Wo ist Greiz?“, „Bei Gera“, „Wo ist das?“ „In Thüringen“. 

Nach und nach fächert Eva Trobisch, die auch das Drehbuch geschrieben hat, das familiäre und soziale Netz der Figuren auf, die Eltern, die sich trotz Trennung immer noch nahe sind, die Großeltern, die eine Waldpension betreiben, die kurz vor der Insolvenz steht, die Museumsleiterin, die eine preußische Residenz mit EU-Geldern restaurieren lässt und an die industrielle Vergangenheit der Stadt erinnert. Das ist kunstvoll, mit leichter Hand aufgebaut und voller überraschender Wendungen. „Etwas ganz Besonderes“ ist erstklassig besetzt, mit hochkarätigen Schauspielern wie Florian Lukas und Thomas Schubert sogar in den Nebenrollen. Max Riemelt ist brillant als Vater, der versucht, die Familie zusammenzuhalten. Wenn es in Deutschland eine ausgeprägte Filmkultur wie in Frankreich gäbe, wäre Max Riemelt ein großer Star.

Einen ähnlich zwiespältigen Vater spielt Channing Tatum in dem amerikanischen Beitrag „Josephine“. Er nutzt jede Gelegenheit, um seine Tochter Josephine (Mason Reeves) sportlich zu trainieren. Als die beiden am frühen Morgen durch einen Park joggen, beobachtet das 8jährige Mädchen, wie eine Frau vergewaltigt wird. Das Geschehen bleibt unbearbeitet, weil die Eltern nicht in der Lage sind, mit ihrer Tochter darüber zu reden. Sie wollen sie schützen und sind sich nicht einig, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Während die Mutter ein Gespräch mit einer Psychologin vorschlägt, meldet der Vater sie in einem Kurs für Selbstverteidigung an. 

Josephine selbst entwickelt aggressive Tendenzen, reagiert widerborstig und rabiat auf ihre Eltern. In ihrer Vorstellung sieht sie den Vergewaltiger ständig neben sich, in ihrem Zimmer, beim Essen, auf dem Fußballplatz. Als der Täter vor Gericht alles abstreitet, hängt alles von Josephines Zeugenaussage ab.

„I decided to make Josephine an extreme version of what it feels like to have female fear and keep it through the eyes of an eight-year-old girl” (Ich beschloss, Josephine zu einer extremen Version dessen zu machen, wie es sich anfühlt, weibliche Angst zu haben, und dies durch die Augen eines achtjährigen Mädchens zu zeigen), sagt die Regisseurin Beth de Araújo. Im Alter von 8 Jahren hat sie selbst eine ähnliche Situation im Golden Gate Park von San Francisco beobachtet, ohne dass ihre Eltern mit ihr darüber sprechen konnten. 

Diese traumatische Erfahrung hatte sie jahrelang verfolgt. Mit Anfang 20 spürte sie plötzlich die Notwendigkeit, darüber zu schreiben. Einen ersten Entwurf für das Drehbuch reichte sie 2014 beim Sundance Institute ein, durch ihren ersten Spielfilm „Soft & Quiet“ (2022) wurde Channing Tatum auf sie aufmerksam, außerdem konnte sie Gemma Chan für die Rolle der Mutter gewinnen. An der San Francisco Hall of Justice hatte Araújo Gelegenheit den Fall einer Vergewaltigung von Anfang bis Ende mitzuverfolgen. Weitere Erfahrungen sammelte sie bei der Los Angeles Rape and Battering Hotline. 

Dank der selbstbewussten Hauptdarstellerin Mason Reeves gelingt Beth de Araújo in „Josephine“ das authentische Portrait einer kindlichen Traumatisierung, der nie larmoyant oder sentimental wird. „Josephine“ hatte seine Premiere in Sundance, wo der Film vom Publikum und der amerikanischen Kritik gefeiert wurde.

Information

Festivals