Genreelemente in Wettbewerbsfilmen der Berlinale
Noightborn (© Pietari Peltola)


Es war einmal ein einsames Haus in den finnischen Wäldern… So beginnt „Nightborn“ (finnischer Titel: Yön Lapsi, deutsch: „Kind der Nacht“, Finnland, Litauen, Frankreich, Vereinigtes Königreich 2026), ein Horror-Märchen, dass die Regisseurin Hanna Bergholm effektvoll in Szene setzt. Saga (Heidi Haarla) und ihr englischer Mann Jon (Rupert Grint, der in seiner Jugend die Figur des Ron Weasley in den Harry Potter-Filmen spielte) fahren durch einen dunklen Wald, bis sie zu dem heruntergekommenen Haus kommen, in dem Saga früher die Sommer bei ihrer Großmutter verbracht hat. Voller Überschwang zeugen sie ein Wunschkind im weichen Moos. 

Die Schwangerschaft ist schon nicht einfach, die Geburt eine ziemlich blutige Angelegenheit. Spätestens jetzt ahnen wir, dass dies keine Geschichte einer glücklichen Kleinfamilie sein wird. Denn das Baby sieht aus wie ein behaartes Monster und benimmt sich auch so. Es reißt der Großmutter den Ohrring ab, beißt der Mutter beim Stillen die Brust blutig und tritt auch sonst ziemlich rabiat auf. Der Vater beschließt, dass es an der Zeit ist, „to give the baby a proper education“. Doch der kleine Kuura (finnisch für ‚Rauhreif‘) haut dem Vater beim ersten Erziehungsversuch das Glas mit der Babynahrung auf den Kopf. Am liebsten mag es nämlich rohes, blutiges Fleisch.

Die finnische Regisseurin spielt in ihrem zweiten Spielfilm konsequent mit Elementen von Body- und Psychohorror. Die scheinbar glückliche Kleinfamilie wird zur Ehe-Hölle, in der der Mann am Ende auf der Strecke bleiben wird. Doch vorher schlägt die Natur zurück und weist alle zivilisatorischen Bemühungen in die Schranken. Selten hat man postnatalen Stress und Traumatisierungen so drastisch auf der Leinwand gesehen.

Etwas Horror findet sich auch in „Rosebush Pruning“ (Italien, Deutschland, Spanien, Großbritannien 2026), der unter den Labels „Queer“ und „Familie ist kompliziert“ kategorisiert ist. Der Film von Karim Aïnouz beginnt mit einem Off-Kommentar von Ed (Callum Turner), der seine merkwürdige Familie vorstellt. Das stimmt sofort misstrauisch, denn offensichtlich funktioniert der Film nicht über seine Bilder. Ed erzählt eine haarsträubende Geschichte: wie die Familie auf Drängen der Mutter von New York an die katalanische Küste gezogen ist, wo nur noch eine Statue am Hauseingang an sie erinnert, da sie angeblich von Wölfen zerrissen wurde. Zu ihrem Andenken deponiert der Rest der Familie am Ort ihres Todes jeden Dienstag ein halbes Lamm, und wie auf Kommando tauchen die Wölfe auf und machen sich über ihre Beute her. 

Wem das alles seltsam vorkommt, soll recht behalten, denn später finden wir die totgesagte Mutter (Pamela Anderson) in einer noblen Villa, wo sie jetzt in lesbischer Eintracht mit ihrer ehemaligen Gärtnerin (Elena Anaya) lebt. Vorher hat sie noch ihren Mann (Tracy Letts) mit ihren blitzenden Zähnen so geblendet, dass er erblindet und seitdem ein sehr ausgefallenes Zahnreinigungsritual pflegt, bei dem ihm sein Sohn Jack (Jamie Bell) zur Hand gehen muss.

Jack will aus dem Familiengeflecht ausbrechen (Berlinale-Kategorie „Familien sind kompliziert“) und mit seiner Geliebten Martha (Elle Fanning) ein neues Leben anfangen. Vorher soll sein schwuler Bruder Robert, der inzestuös auf ihn fixiert ist, den blinden Vater und seine Schwester Emma (Riley Keogh) aus dem Weg räumen. Das hätte beinahe funktioniert, wenn ihn nicht ein epileptischer Anfall dahingerafft und Emma ihn für alle Fälle ein Küchenmesser in die Brust gerammt hätte.

Die ganze Konstruktion ist ein ziemlicher Blödsinn und endet in einem ausgedehnten Splatter-Finale. Von wohlmeinenden Kritikern wird der Film als große Metapher auf die Perversionen der Superreichen (Epstein lässt grüßen) und den kannibalischen Kapitalismus gefeiert. Tatsächlich dürfte es sich eher um eine Form von High End-Trash mit Starbesetzung handeln, die so aussieht, als wolle man das „Queer“-Label der Berlinale parodistisch auf die Spitze treiben.

Beide Filme kann man als Metaphern für universelle Themen verstehen. Während „Nightborn“ von postnatalen Traumata mit einem gewissen Humor erzählt, unterlegt „Rosebush Pruning“ den Blick mit Schockeffekten, die beliebig eingestreut werden. Das wirkt genauso prätentiös wie die angeberische Besetzung, ohne dass es gelingt, die einzelnen Figuren wirklich zu charakterisieren.

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