Mit den Eröffnungsfilmen hat sich die Berlinale schon immer schwergetan. Mit Schrecken erinnert man sich an „Das Licht“ von Tom Tykwer im vergangenen Jahr, wo eine syrische Psychologin, die in Deutschland nur als Putzfrau arbeiten darf, eine dysfunktionale Berliner Familie therapiert. In diesem Jahr ist es die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat, die in Deutschland lebt und mit ihrem Film „No Good Men“ das Festival eröffnet. Im Mittelpunkt steht eine Kamerafrau in Kabul, die für einen Nachrichtensender arbeitet und sich gegen die herablassenden Kommentare ihrer männlichen Kollegen behaupten muss.
Ihr feministisches Selbstbewusstsein hat die Festivalleiterin Tricia Tuttle so begeistert, dass sie Shahrbanoo Sadat als “one of the most exciting voices in world cinema” bezeichnet. Ihr Film überzeuge durch seine “message” und zeige „real people”. Was will man mehr auf der Berlinale, die gerne ihren Anspruch als ‚politisches‘ Festival unterstreicht.
„No Good Men“ ist ein sympathischer Film, aber einfach zu klein, um als Eröffnungsfilm zu funktionieren. Die Akteure sind keine professionellen Schauspieler, weshalb manches wie ein Laienspiel wirkt. Dass die Regisseurin selbst die Hauptrolle übernimmt, ist auch keine glückliche Entscheidung. Viele Dialoge transportieren ihre Botschaft derart didaktisch, dass sie keine Überraschungen bieten. Humoreinlagen wie eine Szene, in der eine Freundin der Protagonistin einen Dildo schenkt, weil sie nun von ihrem Mann getrennt lebt, wurden vom Publikum dankbar goutiert. Zwei frühere Filme von Shahrbanoo Sadat liefen in Cannes in der Nebenreihe ‚Quinzaine‘, in Berlin wird „No Good Men“ in der Reihe ‚Berlinale Spezial‘ gezeigt und kann als Eröffnungsfilm nicht wirklich überzeugen.
Spannender wäre ein Dokumentarfilm über die afghanischen Hilfskräfte, die trotz bindender Zusagen in Pakistan festsitzen oder zum Teil schon nach Afghanistan abgeschoben wurde, weil die Bundesregierung entsprechende Abmachungen und Versprechen nicht einhält. Innenminister Dobrindt spricht von notwendigen „Einzelfallprüfungen“, obwohl diese längst stattgefunden haben. Das wäre ein politisch relevanter Film gewesen, der allerdings der Prominenz aus Politik und Kulturverwaltung vielleicht die Feierlaune verdorben hätte.
Das Thema Afghanistan und das deutsche Engagement im 20jährigen Krieg gegen die Taliban hatte Feo Aladag vor 12 Jahren in „Zwischen Welten“ auf komplexere Weise behandelt. Der Film, der bei der Preisverleihung auf der Berlinale 2014 leer ausging, traf damals bei der deutschen Kritik auf wenig Begeisterung. Die prekäre Situation der einheimischen Hilfskräfte wird bei Feo Aladag schon hellsichtig thematisiert, überhaupt zeichnete sich „Zwischen Welten“ durch ein hohes Maß an Authentizität und Realismus aus, nicht zuletzt, weil die Dreharbeiten in Afghanistan selbst stattfanden.
Wim Wenders, der den Schnitt seines Dokumentarfilms über den Schweizer Architekten Peter Zumthor für zwei Wochen unterbrochen hat, um als Jury Präsident zu fungieren, kann dem Anspruch der Berlinale, ein ‚politisches‘ Festival zu sein, wenig abgewinnen. In der Jury-Pressekonferenz zum Auftakt des Festivals, bezeichnete er Kino und Politik als getrennte Sphären. „Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker. Die Politik ist nicht empathisch, aber Filme sind es,“ wie er sagte. Eine Unterscheidung, der man für Spielfilme cum grano salis zustimmen kann, während gerade Dokumentarfilme ein ideales Medium sein können, um politische Konflikte zu thematisieren.
Was den Wettbewerb betrifft, so findet man dort wenige bekannte Namen. Gespannt darf man auf den deutsch-türkischen Beitrag „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak sein, auf die amerikanische Produktion „At the Sea“ des Ungarn Kornél Mondruzcó mit Amy Adams in der Hauptrolle und die kurdische Geschichte „Kurtulus“ von Emin Alper. Hardcore-Fans der Berliner Schule dürfen sich über den neuen Film von Angela Schanelec „Meine Frau weint“ freuen, während Sandra Hüller die Hauptrolle in dem österreichischen Beitrag „Rose“ von Markus Schleinzer spielt. Wenige Stars, kaum bekannte Regisseure, so sieht eine vorläufige Bilanz des Wettbewerbs aus. Der Münchener Verleiher Tobias Lehmann (Alamode) sieht in den Filmen wenig Potential für eine Kinoauswertung. „Vielleicht gibt es einige Überraschungen, aber auf dem Papier sieht der Wettbewerb ziemlich dünn aus.“