In wechselnder Gestalt

Seit mehr als hundert Jahren: Jesus auf der Kinoleinwand

Im Titel eines frühen Stummfilms ist das Erzähl- und Bildprogramm der Jesus-Filme in kürzester Form umrissen. „Von der Krippe zum Kreuz“ (im Original: From the Manger to the Cross) von 1912, ein Film von Sydney Olcott, reiht die durch eine lange literarische und visuelle Tradition vertrauten Szenen des Leben Jesu von der Verkündigung bis zur Auferstehung aneinander und stützt sich dabei in den Zwischentiteln ausdrücklich auf die Evangelien, mit Kapitel- und Versangabe. Es war, nach einer bereits beträchtlichen Anzahl vorausgehender Produktionen – u.a. der Brüder Lumière, von George Meliès und der Regisseurin Alice Guy – der erste Jesus-Film, der in Palästina gedreht wurde. Das gestische Repertoire der Schauspieler stammt jedoch aus den stickigsten Konventionen des westlichen, ob europäischen oder amerikanischen Theaters des 19. Jahrhunderts. Fortan wird es auch immer darum gehen, ob den Figuren eine filmischere, natürlichere, freiere Ausdrucksform erlaubt sein darf– oder ob sie im Repertoire des Erhabenen, Andächtigen und Unirdischen bleiben müssen.

Der Bann der Tradition hielt sich lange, über die Stummfilmzeit hinweg, in der sie vor allem mit Cecil B. DeMilles „König der Könige“ von 1927 episch in die Breite und szenisch ins Monumentale wuchs. 800 Millionen Zuschauer, so DeMille selbst, sollen den Film gesehen haben, der nicht nur in den Kinos, sondern auch in den Kirchen zum Einsatz kam. Selbst wenn die Zahl übertrieben war, so gingen doch Bibelfrömmigkeit und Kino nie wieder eine vergleichbar erfolgreiche Geschäftsverbindung ein.

Nicholas Rays „König der Könige“ von 1960 trägt zwar den gleichen Titel, löst sich jedoch vom vorgegebenen Rahmen und erzählt die Geschichte eines auf Befreiung hoffenden jüdischen Volkes, das von den Römern versklavt wurde: mit Jesus als einem radikal pazifistischen religiösen Rebellen auf der einen und einem zum politischen Aufstand entschlossenen, zum Anführer einer antirömischen Revolte umgedeuteten Barrabas auf der anderen Seite, zwischen denen ein innerlich zerrissener Judas steht. Mit dieser interessanten Abweichung ist es drei Jahre später in Hollywood wieder vorbei. 1963 zeigen die Kinos „Die größte Geschichte aller Zeiten“ von George Stevens, länger als drei Stunden, in denen ein von Max von Sydow verkörperter Jesus noch einmal ganz entrückt und übermenschlich sein muss. Es wurde einer der größten finanziellen Misserfolge der Filmindustrie.

Neu gedacht wird der Jesusfilm ein Jahr später, von einem italienischen Schriftsteller, Intellektuellem und Regisseur. 1964 erscheint Pier Paolo Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (Il Vangelo secondo Matteo), eine ästhetische und politische Befreiung. Gedreht in einer vormodern gebliebenen Region des damaligen Italiens, im Süden, mit Laiendarstellern besetzt und strikt orientiert am Wortlaut des Matthäus-Evangeliums, verleiht er der Erzählung eine Präsenz und Dringlichkeit, die Maßstäbe gesetzt hat. Der aus religiöser Erleuchtung die Menschen und die Welt seiner Zeit zur Umkehr aufrufende, alle sozialen Konventionen ignorierende, provozierende Wanderprediger Jesus, auch der Erniedrigte und Gekreuzigte stehen ihm näher als der Erlöser und auferstandene Gottessohn. Dennoch unterschlägt er nichts, auch nicht den Wunderheiler, der das Volk zu staunender Verehrung bringt.

Nach Pasolini wandert der Traditionalismus in Fernsehproduktionen, das Kino erlaubt sich Abweichungen, Umdeutungen und Erfindungen. Wie Monty Pythons „Das Leben des Brian“ (1979), eine fröhliche Parodie auf Kitsch und Pathos all seiner Vorgänger. Oder Martin Scorsese in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988), nach einem Roman von Nikos Kazantzakis, in dem Jesus vom Kreuz herabsteigt und ein Familienleben mit Maria Magdalena beginnt – was sich zuletzt als eine Vision des Gekreuzigten erweist. In den Abgründen von Gewalt- und Schreckensfantasien verliert sich schließlich „Die Passion Christi“ von Mel Gibson (2004), der die Qualen Jesu unter Folter und Kreuzigung in blutiger Breite ausmalt.

Die neusten Jesusfilme versuchen überraschende Perspektivwechsel. „40 Tage in der Wüste“ von Rodrigo Garcia (2015) verzichtet auf Krippe und Kreuz und konzentriert sich allein auf die titelgebende existentielle Einsamkeitserfahrung, in der Jesus nicht dem Satan, sondern sich selbst als Versucher begegnet. „Maria Magdalena“ von Garth Davis (2018) zeigt die Welt der Evangelien aus weiblicher Sicht und wertet die jahrhundertelang als Hure gezeichnete Titelfigur um zu einer Jesus besser als die Männer verstehenden, ihm besonders nahen Apostolin. Die radikalste Neudeutung stammt jedoch von einem französischen Regisseur aus muslimischen Milieu: „Die Geschichte von Judas“ (L’histoire de Judas) von Rabah Ameur-Zaïmeche (2015). Darin zerstört Judas auf Jesu Geheiß die schriftlichen Aufzeichnungen, die eine misstrauische Obrigkeit über den verdächtigen Prediger anfertigen ließ. Und kommt dabei selbst fast um. Misstraut der Schrift, sagt dieser Film, wenn ihr eine andere Welt wollt. Folgt nicht den Dogmen, die ihre Hüter auf ihr errichtet haben. Oder den Bildern, die sich auf sie berufen.

Erstmals in epd ZA, 11.04.2019 (© epd/Karsten Visarius); Link: Evangelischer Pressedienst