Musk (© HBO)


Held des Kapitalismus

Mit Spannung wurde auf dem Lido Alex Gibneys 4-stündiger Dokumentarfilm über Elon Musk erwartet. Der 72jährige Gibney ist ein legendärer Dokumentarist, vielfach ausgezeichnet, u.a. mit einem Oscar für seinen Film „Taxi to the Dark Side“ (Taxi zur Hölle, 2007), der die Folter und Ermordung eines Taxifahrers auf der US-Militärbasis Bagram in Afghanistan rekonstruiert.

Es verwundert nicht, dass Elon Musk zu keinem Interview mit ihm bereit war. Stattdessen breitet Gibney alles Material aus, das über denjenigen verfügbar ist, den der englische Kritiker Peter Bradshaw als „reichsten und langweiligsten Mann der Welt“ bezeichnet hat, „einen aufgeblähten, kindischen, in Südafrika geborenen Trillionär, Plutokraten, Pseudo-Visionär, eine Hofschranze von Trump“.

Gibney hat frühere Geschäftspartner von Musk interviewt, doch die enthüllendsten Informationen kommen von seiner ersten Frau Justine Musk und der früheren MAGA-Influencerin Ashley St. Clair, mit der Musk ein Kind hat. Das Bild, das daraus entsteht, ist erwartungsgemäß wenig schmeichelhaft für den Mann, der mit Tesla-Autos, Space X-Raketen und Starlink-Satelliten ein riesiges Vermögen gemacht und für eine Milliardensumme die Nachrichtenplattform Twitter gekauft hat.

Der Film widerlegt auf überzeugende Weise das gerne evozierte Image von „the world’s most successful capitalist“, wie Donald Trump ihn bei einer Wahlveranstaltung nennt. Erfolgreich ist Musk vor allem auf dem Feld medialer Selbstvermarktung. Mehrfach setzt man ihn bei seinen Unternehmen wie Zip2 oder PayPal vor die Tür, jedes Mal mit millionenschweren Abfindungen. 

Wie Musk zu seinem enormen Vermögen gekommen ist, ist eine Frage, die auch der Film nicht ganz beantworten kann. Lange Zeit galt er mit seinen elektrischen Tesla-Autos und wiederverwendbaren Space X-Raketen als Öko-Visionär. Von der Obama-Administration und dem kalifornischen Staat wurden seine Unternehmen großzügig subventioniert. So auch in Deutschland beim Bau der sogenannten Giga-Factory im brandenburgischen Grünheide. Man erinnert sich an die Begeisterung von Bundeskanzler Olaf Scholz und des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck bei der Auslieferung des ersten Tesla Y-Modells im März 2022. Dass Gewerkschaften wie überall in Musks Unternehmen nicht zugelassen sind, nahm man bei so viel technologischer Innovation in Kauf.

2024 wurde das Klima für Musk rauer, als Dutzende von staatlichen Verfahren anhängig waren, die das ökonomische Aus des kapitalistischen Wunderkinds bedeutet hätten. Gibney illustriert das sehr schön an einer Sequenz, in der Musk anpreist, wie leicht sich Batterien in Tesla-Autos wechseln ließen. Eine Show-Veranstaltung ohne jeden Realitätsgehalt. Ähnlich bei angeblich sicheren automatischen Fahrsystemen, die Dutzende von tödlichen Unfällen verursacht haben.

Um seine Haut zu retten, wurde Musk 2024 zum bedingungslosen Trump-Anhänger, dessen Wahlkampf er mit mehr als 300 Millionen Dollar unterstützte. Nach dessen Wiederwahl versprach er als Leiter von Doge (Department of Government Efficiency), staatliche Ausgaben in Millionenhöhe zu senken. Das Gegenteil war der Fall. Die Steuereinnahmen gingen zurück, weil bei Musks Kahlschlag auch massenhaft Angestellte der Steuerbehörden entlassen wurden. 

Gibneys Dokumentarfilm räumt gründlich mit den Mythen und Selbstinszenierungen auf, mit denen Musk sich gerne als Selfmademan und Geschäftsgenie präsentiert. Wir erleben eine pathologisch narzisstische Persönlichkeit, die in einer Welt von Videospielen lebt und infantilen Träumen nachjagt. Es überrascht nicht, dass Elon Musk Alex Gibney als einen „verbitterten alten Mann“ bezeichnet, der einen Film von „4 Stunden Langeweile“ gemacht habe, und damit droht, dessen Produktionsfirma zu verklagen.

Opfer des Stalinismus

„DAU“ ist ein monumentales Projekt des ukrainischen Regisseurs Il'ja Chržanovskij, das 2005 konzipiert und seit 2008 auf einem riesigen Gelände in Charkiw gedreht wurde. Es war das größte Filmset in Europa, ein immersives Gesamtkunstwerk mit dem Ziel, das Leben in der stalinistischen Sowjetunion mit maximaler Authentizität darzustellen. Mehr als ein Dutzend Filme sind daraus entstanden, drei davon waren bisher öffentlich zu sehen. Chržanovskij erklärte, es gehe ihm darum, die Zeitspanne zwischen 1928 und 1968 zu evozieren. Mit enormem Aufwand wurden historische Details, Autos, Kleidung, Architektur oder Essen originalgetreu rekonstruiert. Vor sechs Jahren wurde im Rahmen der Berlinale „DAU. Natasha“ gezeigt und gewann einen Preis als besondere künstlerische Leistung.

Im Mittelpunkt des neuen „DAU“-Films, der mit einer Länge von 195 Minuten den Zuschauern einige Geduld abverlangt, steht der geniale Physiker Dau, dessen Figur von dem international renommierten russischen Physiker Lew Landau inspiriert ist, der allgemein Dau genannt und 1962 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

„Über vier Jahrzehnte des Umbruchs hinweg ist DAU zugleich das intime Porträt eines Mannes und das monumentale Fresko einer von Gewalt und Ideologie geprägten Gesellschaft“, so die Beschreibung des Regisseurs und Autors Il'ja Chržanovskij,

Die theoretischen Physiker leben in einem hermetisch abgeschlossenen Institut und werden von staatlicher Seite unter Druck gesetzt, sich auf militärische Forschung zu konzentrieren. Wer sich weigert, muss mit brutalen Konsequenzen rechnen. So auch Dau, der in den Zeiten der stalinistischen Säuberungen im Gefängnis landet. Später werden er und seine Kollegen gezwungen, am Bau der sowjetischen Atombombe mitzuarbeiten. Davon sehen wir nicht viel, umso mehr von Daus erotischen Eskapaden, die er als Anhänger der Idee von freier Liebe exzessiv auslebt. 

In präzisen Details und langen Einstellungen zeichnet „DAU“ ein Panorama der sowjetischen Gesellschaft in den Zeiten des Stalinismus. Die in Charkiw gedrehten Straßenszenen beeindrucken durch ihre dokumentarische Qualität, von der wir gleichzeitig wissen, dass sie total fiktiv ist.

Als der Film in den Wettbewerb von Venedig eingeladen wurde, reagierten das ukrainische Kultur- und Außenministerium mit Protest. „DAU“ sei von dem russischen Oligarchen Sergej Adonev finanziert und zeichne sich durch eine anti-ukrainische Haltung aus.

Hinzu kommt, dass der Physiker Dau von dem griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis gespielt wird, einem Star des internationalen Musikbetriebs. Da er 2014 die russische Staatsbürgerschaft angenommen und sich nicht zum Angriff auf die Ukraine geäußert hat, wird er in deutschen und ukrainischen Medien gerne als Putin-Freund geschmäht. 

Festivalleiter Alberto Barbera wies die Kritik entschieden zurück. „DAU“ sei eine deutsch-französisch-schwedische Produktion, kein russischer Film und keine prorussische Propaganda. Der Regisseur Il'ja Chržanovskij hatte sich wiederholt deutlich gegen den russischen Angriffskrieg ausgesprochen. Außerdem werde ein Film kritisiert, den noch niemand öffentlich gesehen habe. Ihn in Venedig zu zeigen, sei ein Ausdruck der Meinungsfreiheit. 

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