Das amerikanische Imperium
John Malkovich (l.) und Sam Rockwell in "Wild Horse Nine" von Martin McDonagh


In Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“ geht es um nichts weniger als die Vorbereitung eines Staatsstreichs. Wir sind in Chile im Frühjahr 1973, noch ist Salvador Allende der demokratisch gewählte Präsident des Landes. Zwei CIA-Agenten sind vor Ort, sie wissen, dass die Agency einen Regimewechsel vorbereitet. Der todkranke Chris (John Malkovich) nimmt kein Blatt vor den Mund und zählt nebenbei seine Einsätze auf – 1954 Guatemala (erfolgreich), 1960 Kongo (erfolgreich), 1961 Schweinebucht (nicht so erfolgreich), mit Dallas 1963 hatte er angeblich nichts zu tun. Seine Bilanz: 68 Leute umgebracht, sein jüngerer Kollege Lee (Sam Rockwell) bringt es nur auf 8.

Bevor es ernst wird, fliegen sie eine Woche auf die Osterinseln, Rapa Nui, wie die Einheimischen sagen. Am Flughafen erzählt Chris zum Entsetzen Lees zwei chilenischen Studentinnen, was im September auf sie zukommen wird, vom Tod Allendes, der Machtübernahme des Militärs, von künftiger Repression und Ermordung von Oppositionellen. Wie ein Hellseher kann er in die Zukunft blicken, aber die beiden Frauen halten ihn für einen verrückten Schwätzer. Es gehört zu den mal bitteren, mal bitterkomischen Pointen des Films, dass eine von ihnen selbst im Dienste der CIA steht.

Auf den Osterinseln schauen sich die beiden Amerikaner die übergroßen Steinköpfe an, die Maoi genannt werden, für sie schlicht „The Big Heads“. Nach und nach erfahren wir Näheres über das Duo, von Chris’ Krankheit und Lees Eheproblemen. Dabei schwelgen sie weiter in ihren zynischen Dialogen, die den Film, oszillierend zwischen schwarzem Humor und blutiger Realität, so unterhaltsam machen. Während wir Zuschauer glauben, die historischen Ereignisse zu kennen, wird am Ende ein großes Geheimnis der Zeitgeschichte aufgeklärt. Wenn man einem Film, der unter anderem auch mit unserer Leichtgläubigkeit spielt, Glauben schenken will.

John Malkovich ist grandios als clownesker CIA-Agent, der heute nicht mehr weiß, was er gestern gesagt hat. Sam Rockwell ist ständig mit Essen beschäftigt und darf als sein Sidekick intelligenter auftreten als in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von 2017. Das Duo variiert die Ambivalenzen einer Männerbeziehung, die Martin McDonagh schon in „The Banshees of Inisherin“ zum Thema gemacht hat. „White Horse Nine“ ist ein großes Kinovergnügen, dass man sich unbedingt in der Originalfassung anschauen sollte.

Der zweite Film zu einem brisanten Thema der amerikanischen Politik, eine japanische Produktion, ist real und blutig. Er handelt vom Vietnamkrieg, in den Allen Nelson 1966 als 18jähriger schwarzer Marine hineingerät. Seine Autobiographie „Why Did You Kill People, Mr. Nelson?“ (zurzeit nur in japanischen Übersetzungen, aber nicht im englischen Original greifbar) liefert die Vorlage für den gleichnamigen Film des japanischen Regisseurs Shinya Tsukamoto. Der Kriegsveteran kommt nicht mehr mit der Realität zurecht, obdachlos lebt er auf der Straße, bis eine ehemalige Schulfreundin und Lehrerin ihn überredet, vor ihrer Klasse über seine Erlebnisse ihn Vietnam zu sprechen. Sein Leben lang leidet Allen Nelson (Rodney Hicks) unter dem posttraumatischen Stress-Syndrom PTSD, erst eine lange Psychotherapie hilft ihm, seine Erfahrungen in Worte zu fassen. Immer wieder fragt ihn sein Therapeut Dr. Daniels (Geoffrey Rush): „Why did you kill people?“ Bis Allen schließlich erkennt, dass er nicht nur Befehle ausführte, sondern dass es so etwas wie einen Willen zum Töten gab.

Zwischen die therapeutischen Sitzungen schneidet Tsukamoto, der selbst die Kamera führt, Rückblenden von Szenen brutaler Gewalt und Massenerschießungen. Jedes Dorf gilt als Unterschlupf des Vietcong, alle Bewohner als Sympathisanten, die unterschiedslos umgebracht werden, um den notwendigen body count zu erhöhen, der den Kriegserfolg suggeriert. Dörfer werden niedergebrannt, bis nur noch rauchende Trümmer übrigbleiben. My Lai, so der Film, war nicht die in einem juristischen Tribunal verhandelte monströse Ausnahme, sondern die Regel.

Als Zuschauer leiden wir mit bei der Erinnerungsarbeit des Kriegsveteranen, der ausrastet, als sein Stiefsohn mit einer Werbebroschüre des Marine Corps aus der Schule kommt. Allen Nelson kostet es furchtbare Überwindung, über das zu sprechen, was er erlebt hat, aber er zwingt sich dazu. Schließlich wird er sogar zu Vorträgen nach Japan eingeladen, wo er ein aufmerksames Publikum findet. Einmal kommt er auch nach Vietnam, wo er besonders kritisch empfangen wird. Als Allen Nelson an den Spätfolgen der Vergiftung durch Agent Orange stirbt, wird er in einem Tempel in Japan bestattet. 

„Why Did You Kill People, Mr. Nelson?“ Ist ein außerordentlich emotionaler Film, der nicht nur an amerikanische Kriegsverbrechen erinnert, sondern auch einen Kommentar zur erneuten, erschütternden Aktualität des Krieges bildet. Ohne nach diesseits oder jenseits der Front zu fragen.

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