Im 83. Jahr beeindruckte das älteste Filmfestival der Welt auf der Bühne wie auf der Leinwand mit einer imposanten Eröffnung. Der Star des Abends war George Clooney, der mit einem Preis für sein Lebenswerk geehrt und von seinen Kollegen Laura Dern, Brad Pitt und Alexander Payne gewürdigt wurde. Clooney ist so etwas wie Stammgast in Venedig, 1998 begann hier seine große Karriere mit Steven Soderberghs „Out of Sight“, später hatten Filme wie „Michael Clayton“, „Burn After Reading“ und „Gravity“ ihre Premiere in Venedig - ebenso wie sein Regiedebüt „Good Night and Good Luck“, für das er den Preis für das beste Drehbuch gewann. Zuletzt war er im vergangenen Jahr mit „Jay Kelly“ auf dem Lido präsent, wo er zusammen mit Laura Dern einen Clooney-ähnlichen Hollywoodstar spielt, der auf einem obskuren italienischen Festival geehrt wird. Eine Sequenz, die jetzt bei der realen Preisverleihung eingespielt wurde.
Wie es seine Art ist, nahm er sich viel Zeit für die Fans auf dem Roten Teppich, gab Autogramme, posierte für Selfies und mischte sich für einen Moment unter die Fotografen. George Clooney und Venedig, das ist eine perfekte Kombination.
Ziemlich perfekt war auch „Ink“, der Eröffnungsfilm von Danny Boyle, basierend auf einem Theaterstück von James Graham, der auch das Drehbuch schrieb. Worum geht es? Wir sind im Jahr 1969, als Rupert Murdoch (Guy Pearce) nach London kommt, um die englische Zeitungslandschaft umzukrempeln. Aus der seriösen Tageszeitung „The Sun“ macht er ein Boulevardblatt, das mit reißerischen Schlagzeilen sowie Sex&Crime-Geschichten auf das Bauchgefühl der Leser abzielt und damit enormen Erfolg hat. Bald übertrifft die Auflage das Konkurrenzblatt „Daily Mirror“, von dem der Chefredakteur Larry Lamb (Jack O’ Connell) aus ehemaligen Kollegen den Großteil seiner neuen Redaktion rekrutiert.
Wie das vor sich geht, inszeniert Danny Boyle mit abgründigem Witz. Ohnehin durchzieht den Film eine Art von zynischem Humor, die ganz der Haltung von Murdoch und seiner Journalisten entspricht. „Ink“ ist rasant geschnitten, Rückblenden werden wie plötzlich auftauchende Gedankenblitze als innere Monologe visualisiert. 1969 arbeitete man noch mit Druckerschwärze, daher der Titel „Ink“. Doch in einem Epilog erfahren wir, dass die Zeitung in den 1980er Jahren die legendäre Fleet Street verlässt und nach Wapping umzieht, wo man ohne lästige Setzer und linke Gewerkschaften mit moderner Offset-Technik druckt und Margaret Thatcher unterstützt. Danny Boyle überwältigt die Zuschauer geradezu mit einem Feuerwerk an Ideen und einem erstklassigen Schauspielerensemble: an der Spitze Jack O’Connell als Larry Lamb, Guy Pearce als junger Rupert Murdoch und Claire Foy als feministische Jules. Aber auch alle anderen Rollen perfekt besetzt. „Ink“ erzählt davon wie „The Sun“ in den frühen 1970er Jahren den Weg in die Niederungen des modernen Journalismus vorgezeichnet hat, mit Sensationsnachrichten und gelegentlichen Fake News als Markenzeichen. Ein Weg, auf dem heute zahlreiche Websites und nicht zuletzt ein Sender wie Fox News erfolgreich unterwegs sind, der ebenfalls zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehört.
Während Venedig in früheren Jahren bekannt war als Festival, wo spätere Oscar Gewinner präsentiert wurden, gibt es diesmal kaum große amerikanische Produktionen im Programm. Der Schwerpunkt liegt mehr auf politischen Themen. Festivaldirektor Alberto Barbera betont, dass man in Venedig anders als in Berlin keine Angst vor politischen Kontroversen habe. „Wir zeigen vier Filme, die sich mit Gaza und Palästina befassen. Wir beschäftigen uns mit den Problemen in der Ukraine. Wir präsentieren einen Dokumentarfilm über Elon Musk. Es gibt eine Reihe von Filmen, die Kontroversen auslösen oder zumindest sehr heftige politische Reaktionen hervorrufen können.“
Trotzdem mangelt es nicht an Stars. John Malkovich spielt einen alt gewordenen CIA Agenten in Chile kurz vor dem Militärputsch in Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“, Robert Pattinson einen skrupellosen TV-Reporter in Lance Oppenheims „Prime Time“, das reale Paar Javier Bardem und Penelope Cruz ein Kinopaar in Florian Zellers „Bunker“. Und Rodney Hicks agiert in Shinya Tsukamotos „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ als ein traumatisierter Vietnam-Veteran.