Soziale Entwurzelung, Gewalt und Politik

Abschlussbericht vom 77. Filmfestival Venedig. Von Peter-Paul Huth


Ein Filmfestival in Corona Zeiten? Wie soll das funktionieren? Venedig 2020 hat bewiesen, dass es möglich ist, wenn man einem strengen Sicherheitskonzept folgt. Das angeblich so chaotische und individualistische Italien gab Abstandsregeln und Maskenpflicht mit preußischer Strenge vor und - oh Wunder - alle hielten sich daran. Aus Erfahrung kann ich sagen, es ist kein Spaß, zwei Stunden mit Maske im Kino zu sitzen, aber es ist unendlich viel besser als Filme online auf einem Monitor anzuschauen. Auf der Leinwand gewinnt der Film den Raum, sich zu entfalten, er bekommt Luft, um zu atmen. Im Saal entsteht so etwas wie eine kompakte Energie, die dem Filmerlebnis seine besondere Aura gibt. Das wusste man schon immer, hat es aber selten so schmerzlich gespürt wie in diesen Zeiten.

Dass "Nomadland", der letzte Film des Festivals, am Ende mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, war fast abzusehen, lag er doch im Ranking der Kritiker auf Platz 1. Nur die Italiener waren nicht zufrieden. Sie hatten auf ihren Landsmann Gianfranco Rosi und seinen Dokumentarfilm "Notturno" gehofft und auf Susanna Nicchiarelli, die in "Miss Marx" die Geschichte von Karl Marx'  jüngster Tochter Eleanor erzählt.

Aber "Nomadland" war der Film, auf den sich in der Jury alle einigen konnten. Eine weibliche Regisseurin, die chinesische Amerikanerin Chloé Zhao, die mit ihrem Erstling "Rider" in Cannes Furore gemacht hatte. Und eine prominente Hauptdarstellerin, Frances McDormand als Fern, die das Projekt mit produziert hat. Fern verliert ihren Job in einer company town in Nevada, als die lokale Gipsfabrik nach mehr als 80 Jahren dicht macht. Sie packt das Nötigste in ihren Camper Van und fährt los. Sie jobbt bei Amazon im Weihnachtsgeschäft und sitzt Heiligabend einsam vor einer Kerze. Sie fährt weiter nach Süden, wo sie auf eine Community von "Nomaden" trifft, Menschen, die das Leben aus der Bahn geworfen hat und die jetzt in ihrem Camper leben. Aber die soziale Krise interessiert die Regisseurin weniger als die Weite des Landes, von den schroffen Badlands in South Dakota bis zu den Kakteenwüsten in Arizona. Frances McDormand agiert  tough und authentisch wie man es von ihr kennt, aber dem Film fehlt es an dramatischer Schärfe. Stattdessen setzt er auf die Romantik eines unabhängigen Lebens in der Natur wie Henry David Thoreau sie Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Kultbuch "On Walden Pond" beschworen hat.  Der alte amerikanische Traum von Freiheit und Unabhängigkeit fern von gesellschaftlichen Zwängen.


Neben Frances McDormand ist David Strathairn der einzige professionelle Schauspieler, alle anderen "Nomads" spielen sich selbst. David Strathairns Dave besitzt eine grandiose Lässigkeit des Alters und wäre der ideale Lover für Fern, aber sie hängt immer noch an ihrem verstorbenen Mann und will sich auf nichts einlassen. Peccato! Wie schade! würde man auf italienisch sagen. 

Der beste Film für viele, den Autor eingeschlossen, war "Nuevo Orden" von Michel Franco aus Mexico, der den Großen Preis der Jury gewann. Francos Vision eines Aufstands der Armen gegen die Reichen in der mexikanischen Klassengesellschaft entwirft ein beängstigendes Szenario. Eine verstörende Dystopie, wie man heute gerne sagt. Eine elegante Hochzeitsgesellschaft in einem Villenviertel von Mexiko Stadt wird plötzlich von einer einer bewaffneten Bande angegriffen. Sie schießen jeden über den Haufen, der sich ihnen in den Weg stellt, und schleppen alles heraus, was transportierbar ist. Auf den Straßen herrscht völliges Chaos. Die Revolution hat bei Michel Franco nichts Befreiendes, sie wird zu einer Orgie von Gewalt und Zerstörung. Am Ende übernimmt das Militär die Kontrolle und agiert noch brutaler als die marodierenden Banden. Diese "Neue Ordnung"  ist ein düsterer Blick in eine Zukunft, die längst Gegenwart geworden ist, nicht nur in Mexiko.


Der deutsche Beitrag "Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz hatte es schwer beim italienischen Publikum. Das Phänomen deutscher Neonazis und militanter Antifa-Aktivisten wirkte sehr fremd am Lido. Die Italiener verstanden den kulturellen Kontext nicht, während der Film bei der internationalen Presse mehr Aufmerksamkeit fand. Julia von Heinz erzählt von der Radikalisierung der Jurastudentin Lisa, die auf der Suche nach einer neuen Identität im Antifa-Milieu landet. Selbstfindung und politische Orientierung fallen zusammen. Am Ende steht die Frage, wie viel Gewalt gegen Rechts ist legitim, und wann werden militante Aktionen kontraproduktiv. Mala Emde, die bei Julia von Heinz schon als Luthers Ehefrau Katharina zu sehen war,  überzeugt mit einer Mischung aus Naivität und Hartnäckigkeit in der Hauptrolle.


Wie zu erwarten gewann Vanessa Kirby die Coppa Volpi als beste Darstellerin für "Pieces of an Woman".  Der Italiener Pierfrancesco Favino, der bei uns gerade im Mafiafilm "Il Traditore" zu sehen ist, wurde für seine Rolle in "Padrenostro" ausgezeichnet. Ein kleiner Trost für die verschnupften Italiener. Der Japaner Kyoshi Kurosawa erhielt den Regiepreis für "Wife of a Spy" und Andrej Končalovskij den Spezialpreis der Jury für "Liebe Genossen!".

Diese 77. Mostra war ein kleines Wunder, wie auch die Moderatorin der Preisverleihung Anna Foglietta betonte. Sie bedankte sich bei allen, die dieses Festival-Experiment durch ihre Präsenz unterstützt hatten. Es war auch eine besondere Erfahrung  für die Verantwortlichen, den Biennale Präsidenten Roberto Cicutto und den Festivaldirektor Alberto Barbera, die ihre Genugtuung darüber äußerten, dass es möglich war, eine Festival auch ohne die großen amerikanischen Studios und ihre Anwälte zu bestreiten, welche ihnen in der Vergangenheit mit ihren Auflagen das Leben  oft genug schwer gemacht hatten. Was lernen wir daraus? Es gibt auch ein Kino jenseits von Hollywood.