Goldner Bär für "Gelbe Briefe"
Goldener Bär der Berlinale 2026: İlker Çatak mit seinem Filmteam


Nach einigen Höhen und Tiefen hat die Berlinale mit dem Goldenen Bären für „Gelbe Briefe“ (Deutschland, Frankreich, Türkei 2026) ein glückliches Ende gefunden. Vor drei Jahren hatte man Ilker Çatak mit „Lehrerzimmer“ noch in die Nebenreihe Panorama abgeschoben. Nach zahlreichen Deutschen Filmpreisen und einer Oscar-Nominierung lud man ihn jetzt in den Wettbewerb ein. Nach meiner Einschätzung war „Gelbe Briefe“ dort der beste Film und gewann völlig zu Recht den Goldenen Bären.

Auch bei den anderen Preisen zeigte die Jury ein gutes Gespür. Ein weiterer türkischer Film, „Kurtuluş“ (Salvation, Türkei, Frankreich, Niederlande, Griechenland, Schweden, Saudi-Arabien 2026) von Emin Alper, gewann den Großen Preis der Jury. Alper ist einer der profiliertesten Regisseure des türkischen Kinos, der es in seinen Filmen schafft, Thriller- und Gerne-Elemente mit politischen Themen zu verbinden. So auch in „Kurtuluş“, wo er auf exemplarische Weise vor Augen führt, wie aus der Angst vor dem Verlust von Besitz und Wohlstand Gewalt entsteht und welche Folgen sie hat. 

Die Geschichte basiert auf einem realen Ereignis in einem kurdischen Dorf im Osten der Türkei, wo, angefeuert von religiösem Fanatismus, die Rivalität mit einem Nachbardorf eskaliert. Im Kampf gegen die PKK hat der Staat die Dorfbewohner bewaffnet und instrumentalisiert sie als Miliz gegen die sogenannten „Terroristen“. Damit ist der Boden für gewaltsame Auseinandersetzungen bereitet, wobei Träume von Emin Alper effektvoll als dramaturgisches Mittel eingesetzt werden.

„Gelbe Briefe“ und „Kurtuluş“ sind zwei Filme, die auf eindringliche Weise von der aktuellen politischen Situation in der Türkei erzählen, ohne je plakativ zu werden. Herausragend war auch der englische Beitrag „Queen at Sea“ (Großbritannien, USA 2026) von Lance Hammer. Hier geht es nicht um politische, sondern um familiäre Konflikte und um den Umgang mit Demenz. Regisseur Lance Hammer wurde mit dem Preis der Jury, die Schauspieler Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay, großartig in der Verkörperung eines Ehepaares, das auch im Alter noch Sex hat, als beste (Neben-) Darsteller ausgezeichnet, obwohl sie eigentlich die Hauptdarsteller sind. Aber wie man weiß, geht der Unisex-Schauspielerpreis in Berlin immer an eine Frau, diesmal war es Sandra Hüller in dem historischen Transgender-Drama „Rose“ (Österreich, Deutschland 2026). Der Film von Markus Schleinzer galt bei vielen Kritikern auch als großer Favorit für den Goldenen Bären. Der Preis der Ökumenischen Jury ging an den mexikanischen Beitrag „Moscas“ (Fliegen, Mexiko 2026) von Fernando Eimbcke.

Die politische Debatte um den Gaza-Krieg flammte bei der Preisverleihung noch einmal auf wie die sprichwörtliche Wiederkehr des Verdrängten. Schon zu Beginn des Festivals war Wim Wenders bei der Pressekonferenz der Jury nach seiner Haltung zu Gaza gefragt worden. 80 Regisseure und Schauspieler, ehemalige Teilnehmer der Berlinale, wie Tilda Swinton, Javier Bardem und Mike Leigh hatten das Festival zu einer eindeutigen pro-palästinensischen Stellungnahme aufgefordert, die indische Autorin Arundhati Roy hatte ihre Teilnahme abgesagt. 

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der in Damaskus Soziologie studiert hat und als Menschenrechtsaktivist tätig war, gewann für »Chronicles from the Siege« (Algerien, Frankreich, Palästina 2026) den Preis als bester Debütfilm. Als er bei der Preisverleihung mit Kufiya und Palästina-Fahne auftrat, die deutsche Regierung für ihre militärische Unterstützung Israels im Gaza Krieg kritisierte und sogar von „Genozid“ sprach, war die Empörung groß. Die Berlinale hatte wieder einen „Antisemitismus-Eklat“.

Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ den Saal, wofür er vom israelischen Botschafter Ron Prosor ausdrücklich gelobt wurde, der sagte, die Berlinale verspiele ihren guten Ruf, „wenn sie sich zur Bühne für Israel-Hasser macht“. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann sprach von „abstoßenden Szenen bei der Preisverleihung“, die als „besonders schwere(r) Fall der Volksverhetzung einzustufen“ seien. Da wollte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nicht zurückstehen und ergänzte, „die Pali-Aktivistenszene (habe) auf der Berlinale mit Israel-Hass, Aggressivität und Bekenntnisnötigungen ihre hässliche Fratze gezeigt“. 

Das Recht auf freie Meinungsäußerung, dass die Berlinale Leiterin Tricia Tuttle noch zur Eröffnung beschworen hatte, scheint nicht mehr zu gelten, wenn bei einer live im Fernsehen übertragenen Preisverleihung eine Meinung geäußert wird, die nicht der deutschen Staatsraison entspricht. Zumindest konnte die Berlinale bei dieser Gelegenheit wieder ihr Selbstverständnis als politisches Festival unterstreichen, wenn auch auf eine Art und Weise, die den Vertretern der staatlichen Politik überhaupt nicht gefiel. 

Die Bilanz des Wettbewerbs 2026 fällt ziemlich gemischt aus. Es gab einige ausgezeichnete Filme, die anders als in früheren Jahren auch bei der Auswahl der Preisträger gewürdigt wurden. Zugleich hatte man die Anzahl der Wettbewerbsfilme von 18 auf 22 erhöht, was zur Folge hatte, dass etliche Filme darunter waren, die in den Nebenreihen besser aufgehoben wären. Ohnehin leidet die Berlinale unter einer Überfülle an Filmen, die in getrennten Reihen nebeneinanderstehen. Anders als in Cannes oder Venedig gibt es keine Verbindung zwischen den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum und neuerdings Perspectives, so dass der Eindruck von mehreren parallelen Festivals entsteht. Das ist eine problematische Perspektive für die Zukunft.

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