Kino und Kirche: Seit Jahrzehnten im Dialog

Der Kick (Andres Veiel)

"Der Kick" von Andres Veiel (© Hoehnepresse)


Als „Film des Monats“ September 2006 zeichnete die Evangelische Filmjury „Der Kick“ von Andres Veiel aus. Der Film berichtet von der Ermordung eines 16jährigen durch drei Jugendliche im brandenburgischen Potzlow im Juli 2002. Eine stundenlange Quälerei war dem Mord vorausgegangen. Opfer und Täter entstammen dem gleichen Milieu. Aus den Prozessakten und den Aussagen der Täter, von Freunden, Verwandten und Augenzeugen entsteht das Bild einer umfassenden psychischen und sozialen Verwahrlosung, die das ethische Minimum, das Tötungsverbot, untergräbt. Es ist ein Fall für Zeitungsberichte – oder für eine Fernsehdokumentation, die den Schrecken auf Wohnzimmerformat bringt, auf eine Empörung im Rahmen des Öffentlich-Rechtlich-Privaten. Andres Veiel hat sich für ein anderes, in Quoten nicht messbares Format entschieden. In Form eines szenischen Protokolls lässt er die gesammelten Aussagen von zwei Schauspielern sprechen, im Scheinwerferlicht, auf der Bühne einer leeren Fabrikhalle. Diese formale Konsequenz macht den Film zu einer Sache des Kinos. Mit ihrer Auszeichnung würdigt die Evangelische Filmjury, die herausragende Kinofilme prämiert, diese ästhetische Leistung, die einem drängendem Thema Gewicht verleiht. So verlangen es ihre Kriterien, die künstlerischer und ethischer Bedeutsamkeit gleichen Rang geben.

Neben Anlässen für öffentliche Aufregung wie Mel Gibsons „Passion Christi“ oder jüngst Ron Howards „Sakrileg – Der Da Vinci Code“, die religiöse Themen auf die Leinwand und in  die Schlagzeilen bringen, gerät gelegentlich in Vergessenheit, dass die Kirchen sich seit Jahrzehnten kontinuierlich und umfassend im Bereich von Kino und Film engagieren. Die Evangelische Filmjury wurde 1951 gegründet. Seit 1948 besteht die katholische Filmzeitschrift „film-dienst“. Auf der Arbeit der Redaktion beruht das „Lexikon des internationalen Films“, das umfangreichste Nachschlagewerk zu Film und Kino im deutschsprachigen Raum. Aus dem nur wenige Monate jüngeren evangelischen „Filmbeobachter“ wurde 1984, nach der Zusammenlegung mit dem Fachorgan „epd Kirche und Film“, die Zeitschrift „epd Film“. Beide Publikationen bilden, neben den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen, das wichtigste Forum einer unabhängigen Filmkritik in Deutschland. Dazu gehörte die Entscheidung, die Zeitschriften aus konfessioneller und institutioneller Vormundschaft zu entlassen. Seitdem folgen die Kirchen dem Konzept, den Dialog mit der Filmkultur zu suchen, statt sie missionarisch zu instrumentalisieren oder moralisch zu zensieren. Ihr Maßstab heißt seitdem gesellschaftliche Verantwortung, die sie von der (Film-)Kultur einfordern und dem ihr Handeln selbst verpflichtet ist.

Das kirchliche Profil geht dabei keineswegs verloren. Den heilenden, therapeutischen, Solidarität, Mitmenschlichkeit und Verantwortlichkeit fördernden Kräften der Filmkultur gilt die besondere Aufmerksamkeit des kirchlichen Filmengagements. Auf der Berlinale 2006 zeichnete die Ökumenische Jury den Film „Esmas Geheimnis – Grbavica“ der jungen bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić aus. Esma verschweigt ihrer Tochter, dass sie aus einer der zahlreichen Vergewaltigungen im bosnisch-serbischen Krieg geboren wurde. Das ist ihr Geheimnis. Ganz unspektakulär bringt der Film eine tabuisierte Wahrheit zur Sprache. Es ist der Versuch, ein unbewältigtes Trauma zugänglich zu machen, durch das Drama der Bilder, durch eine exemplarische Kinoerzählung, durch die Erinnerungsleistung der Kunst. Die Entscheidung der Ökumenischen Filmjury wurde durch den „Goldenen Bären“ für Jasmila Žbanić bestätigt. Getragen werden die ökumenischen Festivaljurys in Berlin, Cannes und anderswo durch die katholische Weltorganisation für Kommunikation, SIGNIS, und die im Kern protestantische, aber auch für andere Konfessionen offene internationale kirchliche Filmorganisation INTERFILM. In diesen beiden kirchlichen Einrichtungen spiegelt sich der seit ihrer Entstehung nationale Grenzen überschreitende, globale Charakter der Filmkultur.

Solidarität im Zeichen der Globalisierung ist auch die Grundlage des Evangelischen Zentrums für entwicklungsbezogene Filmarbeit (EZEF) in Stuttgart. Diese in Deutschland einzigartige Einrichtung fördert die Produktion und Verbreitung von Filmen aus Asien, Afrika und Lateinamerika, ebenso wie Filme zum Thema des Nord-Süd-Verhältnisses. Wie die kirchliche Filmarbeit insgesamt vertraut das EZEF auf Dimensionen des Films jenseits der Massenunterhaltung: auf Bildung, Aufklärung, Information, auf die Kraft einer Kommunikation über die Grenzen der Kulturen hinweg. Das Filmangebot des EZEF richtet sich im wesentlichen an den nichtgewerblichen Bildungsbereich. Im Einzelfall verleiht EZEF aber auch Kinofilme, wie etwa „Lumumba“ von Raoul Peck über den ersten Präsidenten des unabhängigen Kongo und seine Ermordung.

Organisatorisch gebündelt und politisch repräsentiert wird das kirchliche Filmengagement auf katholischer Seite durch die Katholische Filmkommission und das Filmreferat im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, auf evangelischer Seite durch die Kulturbeauftragte des Rates der EKD und das Filmkulturelle Zentrum im Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (GEP). Bischofskonferenz und EKD entsenden auch kirchliche Vertreter in den Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt und in die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die die Kirchen seit ihrer Gründung mittragen. Für den Bildungsbereich haben die Kirchen in den Medienzentralen der Diözesen und Landeskirchen eine eigene Verleihstruktur geschaffen. Sie stellen Filme für Schule und Gemeindearbeit zur Verfügung. Sie stützen sich dabei auf das Angebot der beiden kirchlichen Vertriebsorganisationen, des Katholischen Filmwerks, das sich vor allem mit Kurzfilmen, und der evangelischen Matthias-Film, die sich mit Kinderfilmen profiliert hat. Das Spektrum der kirchlichen Filmaktivitäten wird schließlich durch die Produktionsfirma Eikon und die Tellux-Holding ergänzt, zu der unter anderem der Progress-Filmverleih und Provobis gehören. Letztere hat etwa Volker Schlöndorffs „Der neunte Tag“ produziert, der auf den KZ-Erfahrungen des luxemburgischen Priesters Jean Bernard basiert.

Die Kino-Hitlisten im Banne der Blockbuster werden der Breite der Filmkultur und ihren Tiefendimensionen nicht gerecht. Ihrer Erschließung und Einbettung in den kulturgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Diskurs unter Einschluss der Theologie gelten die Seminare und Akademietagungen der kirchlichen Filmarbeit sowie ihre daraus entstandenen Publikationen: die „Arnoldshainer Filmgespräche“, eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Filmkulturellen Zentrums im GEP, und die vorwiegend an der Katholischen Akademie Schwerte, aber auch anderen Orten stattfindenden Fachtagungen der Internationalen Forschungsgruppe Film und Theologie. Film, so hat es die Kulturbeauftragte der EKD, Petra Bahr, auf der diesjährigen Berlinale pointiert formuliert, sei moderne Erfahrungsseelenkunde. Wenn die Kirchen sich in aller Breite mit dem Film auseinandersetzen, so werden sie dabei auch von einer Seelsorge jenseits von Gemeinde und Kirchenraum inspiriert – von einer Aufmerksamkeit für die Menschen, ihre Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste, wie sie in den Werken der Filmkunst Gestalt gewinnen. 

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats "politik und kultur", September/Oktober 2006 (© Karsten Visarius)