Weibliche Identitäten: Selbstbehauptung und Selbstverleugnung
At the Sea (© ATS Production LLC)


Im Programm der Berlinale gibt es neuerdings Stichworte, nach denen die Filme klassifiziert werden. „At the Sea“ (USA, Ungarn 2026), der neue Film des Ungarn Kornél Mondruszkó, firmiert unter der Überschrift „Queer“ sowie „Musik & Kunst“. Tatsächlich gibt es keine queeren Figuren und es geht auch nicht um Musik & Kunst, sondern um Tanz. Amy Adams spielt Laura, eine nicht mehr junge Tänzerin, die sechs Monat in einer „Recovery Unit“ verbracht hat, um von ihrer Alkoholsucht loszukommen. Ihre Rückkehr löst bei ihrer Familie keine große Begeisterung aus. Ihr Mann will das Haus auf Cape Cod verkaufen, weil die Entzugsklinik angeblich so teuer war; ihre 17jährige Tochter ist sauer, weil sie auf ihren kleinen Bruder aufpassen musste. Der wiederum fremdelt mit seiner Mutter. 

Laura hat als Geschäftsführerin die Tanzkompagnie ihres Vaters übernommen. In blitzlichthaften Rückblenden tauchen Erinnerungen an den Vater auf, der ganz für den Tanz gelebt und sich wenig um seine Tochter gekümmert hat. Entsprechend traumatisiert ist Laura dabei, sich aus alten Verstrickungen zu lösen und provoziert damit Freunde und Familie. Amy Adams steht ganz im Mittelpunkt und trägt den Film durch ihre intensive Präsenz. Der Australier Murray Bartlett, der für seine Rolle als Hotelmanager in der ersten Staffel von „The White Lotus“ große Aufmerksamkeit gefunden hat, spielt ihren Mann, den sie im Verdacht hat, in ihrer Abwesenheit Affären gepflegt zu haben. Dann gibt es noch die reichen Freunde, mit denen man sich bei Strand- und Scheidungspartys trifft.

Das ist schauspielerisch eindrucksvoll, wenn Lebenslügen zerbrechen und sich Laura tastend auf den Weg zu einer neuen Identität macht. Aber die Geschichte selbst bleibt seltsam diffus und läuft nach zwei Stunden ins Leere. Weder Amy Adams noch ein anderes Mitglied des Cast waren nach Berlin bekommen, was den Star-Quotienten der Berlinale einmal mehr absacken ließ.

Immerhin eine andere Heldin ließ sich auf dem Roten Teppich blicken und sorgte für kurze Glamour-Momente. Juliette Binoche war nach Berlin gekommen, um den Film „Queen at Sea“ (Großbritannien, USA 2026) zu präsentieren. An ihrer Seite spielt Tom Courtenay, mit fast 90 Jahren eine Ikone des britischen Theaters und des New Cinema der 60er Jahre. Vor 11 Jahren gewann er auf der Berlinale den Silbernen Bären als bester Darsteller für seine Rolle als alter Ehemann an der Seite von Charlotte Rampling in „45 Years“. Damals gab es in Berlin noch männliche und weibliche Schauspielerpreise, bevor sie genderneutral zusammengelegt wurden. 

Juliette Binoche spielt (mit perfektem englischem Akzent) Amanda, die sich um ihre unter Demenz leidende Mutter (Anna Calder-Marshall) kümmert. Eines Tages ‚erwischt‘ sie ihren Stiefvater Martin (Tom Courtenay) beim Sex mit ihrer Mutter, benachrichtigt die Polizei und setzt damit eine Lawine behördlicher Maßnahmen in Gang. Angeblich ist Sex mit Demenzkranken übergriffig und der Stiefvater wird als potenzieller Vergewaltiger verhaftet, die Mutter muss sich einer schmerzhaften gynäkologischen Untersuchung unterziehen.

Amanda, die das Sorgerecht innehat, möchte ihre Mutter in ein Pflegeheim geben, doch das Experiment geht nicht gut. Ihr Stiefvater, der sich liebevoll um seine demente Frau kümmert, fordert seine Rechte als Ehemann. Daraus erwächst ein dramatischer Konflikt und man fragt sich, ob es nicht die Tochter ist, die sich übergriffig verhält. Juliette Binoche reklamiert ihr Sorgerecht für ihre Mutter und Tom Courtenay verteidigt stoisch seine Position. Beide haben aus ihrer Sicht Recht. In einer Parallelgeschichte macht Amandas Tochter Sara (Florence Hunt) erste sexuelle Erfahrungen. Nur Amanda selbst, die von ihrem Mann getrennt ist, führt ein sexloses Leben. Kein Wunder, dass Juliette Binoche viel weint. 

„Queen at Sea“ unter der Regie von Lance Hamer behauptet sich nicht zuletzt dank der herausragenden Darsteller im Meer der mediokren Filme, die den Wettbewerb prägen, als einer der besten Beiträge.

Großen Beifall gab es für den Film mit einer deutschen Heldin, „Rose“ (Österreich, Deutschland 2026), inszeniert von dem Österreicher Markus Schleizer, der uns in strengem Schwarz/Weiß mit ins 17. Jahrhundert nimmt. Nach dem Ende des 30jährigen Krieges, Genaues erfährt man nicht, gibt sich die Protagonistin als Mann aus und macht mit einem Besitztitel ihren Anspruch auf einen verfallenen Hof geltend. Mit verschorftem Gesicht und einer Schussnarbe auf der Wange hat man Sandra Hüller als Kriegsheimkehrer zurecht gemacht, aber ihre Stimme und ihre Hände müssten sie eigentlich verraten. 

Eine Zeitlang geht alles gut, sie heiratet sogar, man schläft aber in getrennten Kammern. In einer stürmischen Nacht, als sich die Bäume biegen, penetriert sie mit einem umgeschnallten Dildo ihre Ehefrau, die, von wem auch immer, trotzdem schwanger wird. Irgendwann erzählt Rose ihrer Frau und den Zuschauern ihre Geschichte, wie sie sich im Krieg als Mann ausgegeben und von einem gefallenen Kameraden den Besitztitel bekommen hat.

Die beiden Frauen vereinbaren, ihr gemeinsames Geheimnis zu hüten und verstehen sich bestens. Nur die Dorfbewohner werden misstrauisch, als eine Magd davon erzählt, dass ihr ‚Herr‘ gar in Wirklichkeit kein Mann sei, sondern ein ‚Weibsbild‘. Die Täuschung fliegt auf, Rose wird vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und enthauptet. Die Geschichte wird von Anfang bis Ende im Stil eine Moritat aus dem Off erzählt, in einer Sprache, die mal altertümlich, mal modern klingt. Sandra Hüller wurde in Berlin für ihre Interpretation gefeiert und gilt wegen ihrer genderfluiden Rolle als natürliche Favoritin für den Unisex-Darstellerpreis.

Bis auf den Transgender-Aspekt erinnert vieles an „Le retour de Martin Guerre“ (Die Wiederkehr des Martin Guerre, 1982) mit Gérard Depardieu und Nathalie Baye in den Hauptrollen, der auf einer Buchvorlage der amerikanischen Historikerin Natalie Zemon Davis basiert. Während die französische Vorlage konkret in einer Region und einer bestimmten Zeit angesiedelt ist, wabert das deutsch-österreichische Remake zeitlich und lokal in einer diffusen Vergangenheit. Der Film ist ganz auf Sandra Hüller als Rose zugeschnitten, von den Dorfbewohnern sieht man wenig. Darüber hinaus sprechen alle ein perfektes Hochdeutsch, was der historischen Szenerie kaum entspricht. Trotzdem ist „Rose“ bislang der Favorit der Kritiker und dürfte gute Chance auf einen Hauptpreis haben, zumal der Film mit „Queer“, „Queere Zeitreisen“ und „Furchtlose Frauen“ Bestnoten auf der Festival-Skala bekommt.

Information

Erstellt

Festivals