Halbzeit in Venedig

Ein Zwischenbericht vom Lido. Von Peter-Paul Huth


Venedig hat hoch gepokert, aber das Risiko und der Einsatz haben sich gelohnt. Es schien, als ob ein cineastisches Großereignis wie die "Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica", wie das Festival offiziell heißt, im September unter Corona Bedingungen nicht möglich wäre. Nun beweist Venedig das Gegenteil. Alle sind mit Maske unterwegs, im Kino muss Abstand gehalten und der Platz vorher online gebucht werden. Erstaunlich diszipliniert werden die Vorgaben eingehalten.

"Wir sind nicht stolz darauf, dass wir die ersten sind, die in diesen Zeiten ein Festival auf die Beine stellen" meinte der neue Biennale Präsident Roberto Cicutto, "aber wir sind stolz darauf, zu zeigen, dass es möglich ist". Schon im Juni hatte hatte er zusammen Festivalleiter Alberto Barbera erste Pläne für einen sicheren Ablauf geschmiedet. "Man könnte einen Roman darüber schreiben, an wie viele Türen Barbera vergeblich geklopft hat", kommentierte der renommierte Filmkritiker Paolo Mereghetti. Es gab Absagen von Apple im Hinblick auf die neuen Filme von Werner Herzog und Sofia Coppola. Die großen amerikanischen Studios fürchteten, eine Reise zum Lido könnte angesichts der gesundheitlichen Risiken tödliche Folgen für ihre Bilanzen haben. Trotzdem haben es Alberto Barbera und sein Team geschafft, auch jenseits von Hollywood ein eindrucksvolles Programm zusammenzustellen. Mit einer klugen Begrenzung auf 64 Filme, die den einzelnen Titeln mehr Aufmerksamkeit verleiht, und einer Konzentration auf ein internationales Arthouse-Kino. Kurz gesagt, weniger Stars und weniger Kommerz.


Ganz ohne Stars geht es natürlich auch nicht. Cate Blanchett hat als Jury Vorsitzende das letzte Wort bei der Preisvergabe. Zum Auftakt wurde die androgyne Schottin Tilda Swinton mit einem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt. Passend dazu präsentierte das Festival einen Kurzfilm, den Pedro Almodóvar mit ihr inszeniert hatte, "The Human Voice", nach einem Monolog von Jean Cocteau. Ein interessantes Setting in einem Filmstudio, klassische Almodóvar Farben und ein origineller Vorspann, nur der Star Tilda Swinton enttäuschte mit einem Hang zum Over-Acting.

Zu den herausragenden Filmen des Wettbewerbs zählten zwei unabhängige amerikanische Produktionen. "Pieces of a Woman" ist die erste englischsprachige Produktion des exzentrischen Ungarn Kornel Mondruczo. Vanessa Kirby fasziniert als eine junge Frau, die bei der Geburt ihr Kind verliert. Das ist zum Auftakt  starker Tobak, und alles, was danach folgt, sind die offenen Wunden dieser traumatischen Erfahrung. Immer schwieriger wird es für das trauerende Paar miteinander zu kommunizieren. Shia LaBoef als katholisch-irischer Brückenbauer scheitert an der Verweigerung und Abwehr  seiner gut situierten intellektuellen Frau. Dazu kommen Ellen Burstyn als wenig sympathische Großmutter, die den Holocaust in Ungarn überlebt hat, und gnadenlos die Hebamme für die Tragödie verantwortlich macht. Dass Martin Scorsese als ausführender Produzent mitgewirkt hat, darf man durchaus als Adelsprädikat verstehen. Es war keine Überraschung, dass Vanessa Kirby sofort zur Favoritin für den weiblichen Darstellerpreis avancierte.


Kurioserweise hat sie auch eine zentrale Rolle im zweiten amerikanischen Film "The World to Come" von der Norwegerin Mona Fastvold. Die Szenerie ist eine abgelegene Farm in Massachusetts Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus dem Off hören wir, wie Abigail (Katherine Waterston) ihre geheimen Gedanken und Gefühle einem Tagebuch anvertraut. Ein literarischer Ton, der an Emily Dickinson denken lässt, während das Setting an einen Roman von Nathaniel Hawthorne erinnert. Abigail und ihr Mann Tyler - Casey Affleck schweigsam und verletzt - haben Mühe zu kommunizieren. Das Leben auf der einsamen Farm ist hart und freudlos. Das Prekäre ihrer Existenz wird in der Sequenz eines Schneesturms brillant illustriert. Auf der benachbarten Farm lebt Tallie ein ähnlich einsames Leben wie Abigail. Die beiden Frauen freunden sich an und kommen sich immer näher. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Leidenschaft, die geheim bleiben muss und nicht von Dauer sein kann.


Daneben waren es zwei europäische Filme, die sich auf  historische Situationen konzentrieren, und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. Der inzwischen 83jährige russische Regieveteran Andrej Končalovskij erzählt in "Dorogie Tovarišči!" (Dear Comrades!) eine tragische Episode aus dem Kalten Krieg. Im Juni 1962 kommt es in der Stadt N. zu Streiks und Demonstrationen als die Löhne gesenkt werden und die Lebensmittelpreise steigen. Die Sowjetunion unter Chruščov steckt mitten im Rennen um den Weltraum und träumt davon, die USA ökonomisch zu überholen. Die triste Realität in der russischen Provinz sieht ganz anders aus.

Konċalovskij hat in Schwarz/Weiß im klassischen 4:3-Format gedreht, was seinem Film eine sehr authentische Anmutung verleiht. Wir folgen der Aktivistin Ljudmilla, gespielt von Julia Vysockaja, der Frau des Regisseurs, die als strammes Parteimitglied ein hartes Vorgehen gegen die Streikenden fordert. Aus Moskau rücken hohe Funktionäre des Politbüros an, KGB und Armee werden in Alarmbereitschaft versetzt und riegeln die Stadt ab. Die Demonstrationen werden blutig niedergeschlagen. Es gibt mehr als 20 Tote, die heimlich verscharrt werden, und fast 90 Verletzte. Nichts davon darf an die Außenwelt gelangen, alle Spuren werden beseitigt. Erst Anfang der 90er Jahre wird bekannt, was damals geschehen ist. Ljudmilla verliert im Lauf der Ereignisse den Glauben an die Partei und den Kommunismus. "Ich wollte einen Film über die Generation meiner Eltern machen", sagte Regisseur Konċalovskij, "über die Tragödie, wie ihre Mythen missbraucht und ihrde Ideale verraten wurden". Ein starker Kandidat für den Goldenen Löwen.

 

Ganz anders ist der Zugang der Bosnierin Jasmila Zbanic. In "Quo vadis, Aida?" rekapituliert sie das Massaker von Srebrenica aus dem Jahr 1995, bei dem mehr als 8000 bosnische Männer und jugendliche von den serbischen Truppen General Mladics ermordet wurden. Doch anders als bei Konċalovskij gibt es bei ihr keine Schattierungen und ambivalente Figuren. Der Film ist zwar in Farbe, aber die Dramaturgie ist strenges Schwarz-Weiß. Brutale serbische Soldaten, die unschuldige bosnische Zivilisten quälen und umbringen. Dazwischen die holländischen Blauhelm-Soldaten des Dutchbat, die als Figuren keine Tiefe bekommen. Feige berufen sie sich auf ihre Befehle und sind unfähig, die Menschen in der UN-Safe-Zone zu schützen. Jasmila Zbanic folgt ohne Zwischentöne dem offiziellen bosnischen Narrativ der Ereignisse. Dass historische Untersuchungen inzwischen zu einem differenzierteren Bild gekommen sind, interessiert sie nicht. Ihr Film ist ein gelungenes Beispiel für emotionales Manipulationskino, das bei bei vielen Kritikern die intendierte Betroffenheit auslöste.

Das  Kino lebt und Filmfestivals sind möglich, das ist die Botschaft, die Venedig in Corona-Zeiten erfolgreich vermittelt hat. Bislang lief das Festival unfallfrei. Hoffen wir, dass es bis zur Preisverleihung so bleibt.