Mythen
Köln Tracks (© DocFest Sheffield 2026)


Das Konzert des Jazz Pianisten Keith Jarrett in der Kölner Oper vom 14. Januar 1975 ist längst zu einem musikalischen Mythos geworden. Mit mehr als vier Millionen verkaufter Platten ist das ‚Köln Concert‘ das meistverkaufte Solo-Jazz-Album sowie das erfolgreichste Klavier-Solo-Album der Musikgeschichte. Das Konzert fand unter denkbar widrigen Umständen statt. Unter anderem weigerte sich Jarrett, auf dem ihm zur Verfügung gestellten Instrument zu spielen. Ohne die energische Intervention der 18jährigen Schülerin Vera Brandes, die den Auftritt in der Kölner Oper organisiert hatte, hätte das Konzert nie stattgefunden. Der Spielfilm „Köln 75“, der auf der Berlinale seine Premiere hatte, präsentiert die Geschichte des Konzerts aus ihrer Perspektive und perpetuiert den Mythos.

In „Köln Tracks“ erzählt der Franzose Vincent Duceau von seiner Faszination für das ‚Köln Concert‘, das Keith Jarrett vollständig improvisiert hatte. Aus Anlass von Jarretts 80. Geburtstag macht er sich mit zwei Freunden auf, die genauen Umstände des Konzerts zu rekonstruieren. Duceau geht allen möglichen Spuren nach, spricht mit Musikern und Kennern über die Besonderheit des Konzerts und über Jarretts strukturierte Form der Improvisation. Nach zahlreichen vergeblichen Anläufen bekommt er schließlich Zugang zur Baustelle der Kölner Oper, die seit Jahren saniert wird. 

In Köln trifft er auch Vera Brandes, die ihm von den abenteuerlichen Umständen berichtet, unter denen das Konzert stattfand. Die Suche wird zu einer Detektivarbeit. Akribisch recherchiert Duceau die Geschichte des Bösendorfer Flügels, auf dem Keith Jarrett damals gespielt hat, und findet ihn schließlich im Depot der Kölner Oper. Doch der ist gar nicht so klein, wie immer behauptet wurde. Es war auch nicht die Tonfolge der Oper, die den Beginn des Konzerts andeutet, sondern die Melodie des nahegelegenen Hauses der Eau de Cologne Marke 4711, die Jarrett in seiner Improvisation aufgreift. Wie ein Polizeiermittler, der 50 Jahre später einen Cold Case aufrollt, entmystifiziert Duceau die Geschichten, die sich um das legendäre Konzert ranken. Das tut er auf eine sehr persönliche und angenehm selbstironische Weise. 

Eine legendäre Figur ist auch der französische Fußballer Eric Cantona, der bis heute als einer der besten seiner Generation gilt. Cineasten werden ihn aus dem Ken Loach Film „Looking for Eric“ kennen, wo er das Idol eines Briefträgers und Manchester United-Fans verkörpert. Wie ein guter Geist erscheint er dem begeisterten Fan, der meint, ihn als ganz normalen Menschen zu erleben, worauf der ‚Fußballgott‘ mit seinem typischen französischen Akzent antwortet: „I’m not a man, I’m Cantona!“ (Ein Satz, der Eric Cantona ziemlich gut charakterisiert.)

Schon als junger Spieler schafft er es, sich mit dem französischen Nationaltrainer anzulegen, als dieser ihn nicht für ein Länderspiel nominiert. Nach weiteren Konflikten will er im Alter von 25 Jahren seine Fußballkarriere beenden, doch Michel Platini überredet ihn, nach England zu wechseln, wo er mit Leeds United auf Anhieb die Meisterschaft gewinnt. Der legendäre Trainer Alex Ferguson holt ihn zu Manchester United, wo er Mitte der 90er Jahre eine eindrucksvolle Karriere macht und den Verein zu spektakulären Erfolgen führt.

Vier Jahre lang haben die Regisseure David Tryhorn und Ben Nicholas Eric Cantona begleitet. Das Ergebnis, ihr Film „Cantona“, ist alles andere als ein typisches Sportler-Portrait, vielmehr eine intime Annäherung an eine ambivalente Persönlichkeit, geprägt von unbeherrschten Wutausbrüchen und großer Empfindlichkeit. Cantonas Vater, der wie seine Mutter auch im Film auftaucht, war Krankenpfleger und Maler. Mit 15 Jahren verlässt Eric seine Familie und findet in Guy Roux, dem Trainer von AJ Auxerre, einen Ersatzvater, der sein Talent entwickelt. Bei Manchester United ist es der Ferguson, der ihn loyal unterstützt. Nach dem Ende seiner Laufbahn als Fußballer hat Cantona eine neue Karriere als Schauspieler und Maler begonnen. Vielleicht war er schon immer ein eigenwilliger Künstler, der seine Ausdrucksform im Fußball gefunden hatte.

Einem politischen Mythos geht der kanadische Filmemacher Kim Ngyuen nach, einem ikonischen Foto aus dem Vietnamkrieg, als der AP-Fotograf Eddie Adams den Moment festhält, als der südvietnamesische General Loan während der Tet-Offensive einen gefangenen Vietcong erschießt. Das Foto wurde zum Symbol für die Brutalität der amerikanischen Kriegsführung und ihrer Verbündeten. Kim Ngyuen, der selbst vietnamesische Wurzeln hat, recherchiert die Geschichte von zwei Familien, die mit dem Foto verbunden sind. In Saigon findet er den Sohn und die Tochter des ermordeten Vietcong Hauptmanns Lém, die immer noch darunter leiden, dass ihr Vater kein angemessenes Begräbnis gefunden hat. Er geht mit ihnen an den Ort, wo ihr Vater erschossen wurde. Sie nehmen Erde mit in einen Tempel und können ihn endlich rituell beerdigen.

Auf der anderen Seite trifft Kim Ngyuen My Lin Hafer, die Ex-Frau des Offiziers Vinh, der mit General Loan auf dem Foto zu sehen ist. Er hat sie immer wieder geschlagen und einmal sogar auf sie geschossen. Inzwischen lebt sie mit ihrem amerikanischen Mann in den USA wie auch ihr Sohn Charles. Ngyuen beschreibt „Saigon Story: Two Shootings in the Forest Kingdom" als „kaleidoskopisch“, orientiert am Vorbild von Kurosawas „Rashomon“. “Maybe it’s a reflection [that] truth will always be relative. [It] will always be in the eye of the beholder, especially for the stories around that picture.” (Vielleicht zeigt dies, dass die Wahrheit immer relativ ist. Sie liegt immer im Auge des Betrachters, insbesondere was die Geschichten rund um dieses Bild angeht.) 

Auch das Sheffield DocFest ist immer einen Besuch wert, nicht nur wegen der Bandbreite der gezeigten Filme, sondern auch wegen seiner unprätentiösen Atmosphäre, geprägt von Offenheit und engagierten Diskussionen. Im Übrigen ist es nicht ungewöhnlich, den Filmemachern und Protagonisten im Pub oder im Café zu begegnen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. 

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