Retrospektive Barbara Stanwyck
Barbara Stanwyck (© Cinemathèque de Belgique)

Die Filmgeschichte ist wie eine Schatztruhe voller verborgener Schätze. Doch anders als bei Literatur, Kunst oder Musik hat man keinen unmittelbaren Zugang dazu. Sie sind nicht so leicht zugänglich. Außerdem müssen „alte“ Filme restauriert werden, damit sie nicht zu Staub zerfallen. Filmmaterial ist empfindlich, Kopien sind unvollständig und durch den Gebrauch verschrammt. Ohne eine systematische Restaurierung wird die Geschichte des Kinos, die man heute ‚Filmerbe‘ nennt, vom Zahn der Zeit zersetzt und droht am Ende ganz zu verschwinden. 

Kirchen, Bauwerke und Gemälde werden selbstverständlich restauriert, die Restaurierung von Filmen ist immer ein Kampf um knapper werdende Mittel. Um Filmgeschichte authentisch erleben zu können, muss man die Filme in der Originalfassung auf einer großen Leinwand sehen. Doch dafür gibt es nur wenige Gelegenheiten.

Angesichts dieser Situation ist die Cineteca de Bologna so etwas wie eine Oase in der Wüste oder das „Paradies für historische Filme“, wie Anthony Lane im „New Yorker“ geschrieben hat. Die Cineteca ist eine international renommierte Institution, die sich auf die Restaurierung des Filmerbes spezialisiert hat. Um die Filme auch für ein breites Publikum zugänglich zu machen hat man in Bologna das Festival „Il Cinema Ritrovato“ ins Leben gerufen, das in diesem Jahr sein 40. Jubiläum feierte. In den Anfangsjahren waren es vor allem Archivare, Restauratoren und Film-Nerds aus aller Welt, die Ende Juni nach Bologna kamen. Mittlerweile ist das Publikum bunt gemischt, darunter viele Filmstudenten und ein erheblicher Anteil an Zuschauern aus ganz Italien.

Nachdem im vergangenen Jahr Katherine Hepburn mit einer Retrospektive gefeiert wurde, stand in diesem Jahr Barbara Stanwyck, die auch das Festivalplakat schmückte, im Mittelpunkt. Zwischen 1927 und 1985 hat sie in mehr als 80 Filmen sowie in TV-Movies und Serien mitgewirkt. Sie war berühmt als femme fatale, die die Männer verführt und fallen lässt, sobald sie ihr Ziel erreicht hat. Das Ziel war in der Regel gesellschaftlicher Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen, wie ihn auch die 1907 in Brooklyn als Ruby Stevens geborene Stanwyck erlebt hat. In Alter von fünf Jahren stirbt ihre Mutter bei einem Unfall, der Vater verlässt die Familie und die Kinder wachsen verstreut auf. Mit 16 Jahren bekommt sie einen Job als Tänzerin bei den Ziegfeld Follies. 1928 geht sie mit ihrem Mann, dem Schauspieler Frank Fay nach Hollywood, wo sie eine erfolgreiche Filmkarriere beginnt, bei der er nicht mehr mithalten kann.

 

1930 besetzt Frank Capra sie in „Ladies of Leisure“ als Party Girl Kay, die ein Künstler aus reichem Hause als Modell engagiert. Als die beiden sich ineinander verlieben, ist die Familie entsetzt über die nicht standesgemäße Liaison. Die Mutter interveniert, und Kay verspricht, ihren Sohn in Ruhe zu lassen. Von einem anderen Verehrer lässt sie sich zu einer Reise nach Havanna einladen. Todunglücklich springt sie über Bord. Als sie im Krankenhaus wieder zu sich kommt, findet sie den Maler an ihrem Bett. Ein dramatisches happy ending unter maximal widrigen Umständen.

In „Baby Face“ (1933), unter der Regie von Alfred E. Green, wird das Thema des sozialen Aufstiegs noch konsequenter durchgespielt. Lily arbeitet im speakeasy ihres brutalen Vaters, der sie auch zum Sex mit seinen Kunden zwingt. Ein väterlicher Freund rät ihr, die Stadt zu verlassen, und empfiehlt ihr, frei nach Nietzsche, sich die Männer gefügig machen Seinen Rat setzt sie konsequent um, als sie in New York einen Schreibjob in einer Bank ergattert. Zielsicher schläft sich sie nach oben, bis sie beim verheirateten Chef des Vorstands landet. „The easiest way to luxury is horizontally!!“, wie Lily treffend bemerkt.

„Baby Face“ gilt als ein Klassiker des sogenannten pre-Code Kinos der frühen 1930er Jahre. Der Hays Code, benannt nach Will H. Hays, einem Presbyterianer und ehemaligen Postminister, der für die Einhaltung der Produktionsregeln zuständig war, gab vor, was auf der Leinwand gezeigt werden durfte. Es ging um die Darstellung von Kriminalität, Drogen, Sex, um obszöne und blasphemische Ausdrücke. Ab 1934 regelte der Hays Code in Form freiwilliger Selbstzensur, was in Hollywood moralisch akzeptabel war. 

Mick LaSalle, der Kritiker des San Francisco Chronicle, schreibt über Barbara Stanwyck in ihren frühen Filmen: „Wer Stanwyck noch nie in einem Film aus der Zeit vor dem Hays-Code gesehen hat, hat sie noch nie wirklich gesehen. Niemals in ihrer späteren Karriere, auch nicht in ‚Double Indemnity‘, war sie so hartgesotten wie in den frühen 1930er Jahren. Sie besaß diese wunderbare Eigenschaft, gleichzeitig unglaublich cool und doch glühend vor Leidenschaft zu sein. Ihr Zynismus war grenzenlos, und dann, ohne Vorwarnung, explodierte sie, schreiend und schluchzend vor Schmerz und Wut“. 

In „Stella Dallas“ (Regie: King Vidor, 1937) ist sie Stella, die in einer Arbeiterfamilie aufwächst und es schafft, einen Manager der Fabrik zu heiraten. Stephen Dallas kommt aus besseren Kreisen, aber der Vater hat das Familienvermögen in den Sand gesetzt. Spätestens wenn Stephen seine proletarische Frau ermahnt, nicht so viel zu rauchen, wird klar, dass hier zwei Milieus aufeinandertreffen, die nicht kompatibel sind. 

Die gemeinsame Tochter, die bei Stella aufwächst, wird auf ein vornehmes College geschickt. Schließlich holt der Vater sie zurück in seine neue, standesgemäße Familie. Die ergreifende Schlussszene zeigt Stella draußen im Regen stehen, wie sie die Hochzeit ihrer Tochter beobachtet, zu der sie nicht eingeladen wurde. Abgebrühte Cineasten sah man mit verweinten Augen aus dem Kino kommen. „Stella Dallas“ war für Barbara Stanwyck der Durchbruch zum Star. Die Rolle der aufopferungsvollen Mutter entsprach perfekt den moralischen Anforderungen des neuen Produktionscodes.

Danach kamen drei Filme, die ihr Image als femme fatale nachhaltig geprägt haben. „The Lady Eve“ (Die Falschspielerin, 1941) gilt als ein Höhepunkt im Werk des legendären, heute fast vergessenen Komödienregisseurs Preston Sturges. Die Kritikerin Pauline Kael beschrieb ihn als „ein frivoles Meisterwerk, (…) eine Mischung aus visuellem und verbalem Slapstick sowie aus raffinierten Kunstgriffen und Stolperfallen. (…) Es stellt den schwindelerregenden Höhepunkt von Sturges’ komödiantischem Schaffen dar.“ Barbara Stanwyck spielt die attraktive Trickbetrügerin Jean, die auf einem Ozeandampfer auf Männerfang aus ist. Sie hat es auf Charles Pike, den naiven Millionenerben einer Bierbrauerei abgesehen. Henry Fonda spielt ihn als tolpatschigen Nerd, der gerade ein Jahr als Schlangenforscher in Arizona verbracht hat. „Barbara Stanwyck streckt dauernd ihre sensationellen Beine aus, und Henry Fonda stolpert unablässig darüber“, wie Pauline Kael schreibt. Zuerst verliebt er sich in sie und lässt sie fallen, als sein Diener ihm die Augen für ihre Machenschaften öffnet. Mit englischem Akzent verwandelt sich Jean in Lady Eve Sandwich und sinnt auf Rache an Charles: "Ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen – ich brauche ihn so sehr, wie die Axt den Truthahn braucht.“

In “Ball of Fire” (1941) verdreht sie gleich sieben Professoren den Kopf. Die Herren arbeiten asketisch an einer Enzyklopädie des Weltwissens. Gary Cooper alias Professor Potts, der jüngste und attraktivste unter ihnen, ist Sprachwissenschaftler. Im Zuge seiner Feldforschung landet er in einem Nachtclub, wo Barbara Stanwyck leicht bekleidet als Sugarpuss O’Shea auftritt, und ist sofort begeistert von ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Doch Sugarpuss‘ Gangsterfreunde haben Stress mit der Polizei, auch sie muss untertauchen und sucht Zuflucht im Gästehaus der Professoren. Hier wird sie nach kurzer Verwirrung ähnlich begeistert aufgenommen wie einst Schneewittchen bei den Sieben Zwergen. „Das ist die Art von Frau, die ganze Zivilisationen zu Fall bringt,“ sagte ihre Schauspieler-Kollegin Kathleen Howard über die Figur von Stanwyck in “Ball of Fire”. Regie führte Howard Hawks, das Drehbuch stammte von Charles Brackett und Billy Wilder.

In „Ball of Fire“ gelingt es noch, Barbara Stanwyck durch eine Heirat zu zähmen. Davon ist in „Double Indemnity“ (1944) keine Rede mehr. Mit blonder Perücke spielt sie als Phylis Dietrichson eine femme fatale par excellence, die den Versicherungsvertreter Walter Neff (Fred Mac Murray) verführt und zugrunde richtet. Der Plan ist, Phyllis‘ Ehemann umzubringen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen, um die doppelte Auszahlung der Versicherungssumme (double indemnity) zu kassieren.  

„Double Indemnity“ gilt als klassisches Beispiel für das Genre des film noir. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von James M. Cain, der von der Verfilmung so begeistert war, dass er an Barbara Stanwyck schrieb:“Es ist ein ziemlich unheimliches Gefühl, wenn eine Figur, die man sich selbst ausgedacht hat, genau so vor einem auftaucht, wie man sie sich vorgestellt hat.“ Billy Wilder schrieb das Drehbuch zusammen mit Raymond Chandler und erhielt seine erste Oscar Nominierung für die Regie. Schon 1950 gab es eine deutsche Fassung unter dem Titel „Frau ohne Gewissen“, die Billy Wilder amüsiert kommentierte: „Frau ohne Gewissen? Das trifft doch auf nahezu jede Frau zu“.

In „Clash by Night“ (Vor dem neuen Tag, 1952) von Fritz Lang verkörpert Barbara Stanwyck die 40jährige Mae, eine Frau, die vor Jahren aus ihrer Kleinstadt ausgebrochen ist und nun desillusioniert zurückkehrt. Mae ist eine klassische Stanwyck-Figur, eine Frau, die alles erlebt und gesehen hat und nun wieder bei ihrem Bruder einziehen muss, weil ihr Ausbruch aus der provinziellen Enge gescheitert ist. Schauplatz ist Monterrey, damals noch eine industrielle Kleinstadt, die vom Fischfang lebt. Marilyn Monroe, in Jeans und Männerhemd in einer ihrer ersten Rollen, ist die Freundin von Maes Bruder und arbeitet in einer Fabrik für Fischkonserven. Auf der Suche nach Geborgenheit und Stabilität heiratet Mae den gutmütigen, aber schlichten Fischer Jerry (Paul Douglas). Als sie jedoch dem erotischen Macho-Charme des Filmvorführers Earl (Robert Ryan) verfällt, spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Ohne die selbstbewusste Präsenz von Barbara Stanwyck wäre „Clash by Night“ längst nicht so bemerkenswert. Im Zusammenspiel mit Robert Ryan bringt sie eine Dynamik in die Geschichte, die erkennen lässt, dass die Zeit der braven Hausfrauen in Hollywood bald vorbei sein wird. Es ist ihre besondere Kombination aus Selbstbewusstsein und männermordender Erotik, die Barbara Stanwyck zu einer Ikone weiblicher Emanzipation machen, ganz ohne feministische Selbststilisierung. Sie ist offensichtlich weniger sophisticated als Katherine Hepburn, aber auch weniger artifiziell als Marlene Dietrich. Ironischerweise war Barbara Stanwyck politisch eher konservativ, sie lehnte Roosevelt und den New Deal ab, weil sie meinte, jeder könne es, wie sie selbst, aus eigener Kraft schaffen.

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