Seit vielen Jahren, genauer gesagt seit 20, scheint mich eine unsichtbare Aura zu umgeben. Manchmal mehr, manchmal weniger, aber immer, wenn ein Film von mir veröffentlicht wird, werde ich wieder deutlich an sie erinnert. Es hat also keinen Sinn, es zu leugnen oder auch nur zu ignorieren und deswegen gebe ich einfach unumwunden zu: Ja, ich komme aus dem Osten.
In der Kritik werde ich demzufolge gerne als „ostdeutscher“ Filmemacher bezeichnet und ich habe mich schon oft gefragt, wo eigentlich meine westdeutschen Kollegen stecken, bei denen dieser einordnende Zusatz ganz offenkundig nicht nötig zu sein scheint. Bin ich also eine Art seltenes Tier, ein Exot?
1963 wurde ich geboren. Mein Geburtsjahr trennen vom Kriegsende gerade mal 18 Jahre und trotzdem kam es mir immer so vor, als läge diese Zeit wahnsinnig lange zurück. In diesem Herbst soll es nun schon 20 Jahre her sein, dass die Mauer gefallen ist und manchmal habe ich das Gefühl, es wäre erst gestern gewesen. Historische Zeitläufe verkürzen sich scheinbar im selbst Erlebten. Dabei gibt es mittlerweile eine Generation erwachsener junger Leute, die die DDR nur noch aus den Erzählungen anderer kennt.
Neben 2 Staatswesen sind seit damals auch 2 Filmkulturen zusammen gewachsen. Zumindest könnte man das annehmen. 20 Jahre später darf jedenfalls die Frage gestellt werden, wie sich die Filmlandschaften Ost wie West durch die Vereinigung verändert haben.
Für mich persönlich fiel die Erfahrung des Mauerfalls annähernd zusammen mit dem Start ins Berufsleben. Das sollte sich als großes Glück erweisen, obwohl ich es damals keineswegs so empfunden habe, denn ich war wie so viele erst mal desorientiert. Das System der Filmproduktion im Westen unterschied sich erheblich von dem, was ich bis dahin bei der DEFA kennen gelernt hatte. Statt sicherer Festanstellung auf Lebenszeit unter teilweise restriktiven politischen Bedingungen fand ich mich plötzlich auf dem so genannten freien Markt wieder, wo jeder machen kann was er will, wenn er sich nur durchsetzt. Wo es aber auch Abstürze geben kann und der Lebensunterhalt verdient werden will.
Aber wenn man gerade von der Filmhochschule kommt, fällt einem solch eine Umstellung leichter, als nach 20 oder 30 Jahren Berufsleben. „Besser im Dschungel, als im Zoo!“, hieß die Devise und so stürzte ich mich mit ein paar der damaligen Absolventen bereitwillig in das neue Abenteuer.
Als junge, gut ausgebildete Filmhochschüler aus der DDR bekamen wir damals einen gewissen Ost-Bonus und so hatte ich das Glück, sehr rasch Partner und Mittel für meinen Debütfilm zu finden. Das war mein Einstieg ins Berufsleben, in dem ich bis heute viel Zuwendung von wunderbaren Kollegen und Partnern erfahre, die mich großzügig unterstützen. Viele von ihnen kommen aus dem Westen. Ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist, denn den meisten Kollegen aus dem Osten erging es anders.
Die ältere Generation der DEFA-Leute war nach der Wende offensichtlich ganz einfach nicht erwünscht. Man kannte ihre Filme nicht, wollte sich wohl auch nicht die Mühe machen, genau hinzugucken, wer in irgendeiner Form vielleicht belastet war und wer nicht.
Aber auch einige dieser Filmleute selbst hatten keine Kraft und Lust mehr, sich auf die völlig veränderten Produktionsbedingungen einzustellen. Sie gingen in den Vorruhestand und zogen sich enttäuscht zurück, mit dem Gefühl, dass ihre Kunst und ihre Erfahrung nicht gebraucht wurden. Einige von ihnen haben noch über Jahre vergeblich versucht, eigene Projekte bei Produzenten zu platzieren.
Am härtesten traf es aber die mittlere Generation der damaligen DEFA-Regisseure. Sie hatten in der DDR jahrelang auf die Möglichkeit warten müssen, ihren ersten eigenen Film zu drehen, hatten sich als Assistenten durchgeschlagen und dann endlich, vielleicht mit 40, die Möglichkeit erhalten, zu debütieren. Ihr Berufsweg hatte gerade erst begonnen, als die Mauer fiel.
Der sich neu eröffnende Markt bot nur für wenige von ihnen Platz. Bis hierhin hatten sie kaum eine Chance gehabt, sich mit Filmen einen Namen zu machen, nun waren sie durch den Geruch nach DEFA plötzlich zu belastet. Lieber sahen die Produzenten oder Redakteure sich nach neuen Gesichtern um, die gerade erst mit der Filmhochschule fertig wurden. Wie ich.
Es gab eine Vielzahl bemerkenswerter Regisseure, die nach der Wende keine Filme mehr drehen konnte. Mit ihnen verließen auch die meisten ihrer Mitarbeiter das aktive Berufsleben. So zerstreute sich ein teilweise höchst produktiver künstlerischer Apparat in alle Winde.
Nur wenige haben den Übergang für sich souverän absolviert. Es gehörte Selbstbewusstsein dazu und viel Glück.
Vor ein paar Jahren habe ich als Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie versucht, Kollegen aus dem Osten zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Es gab werbende Briefe, die zur Mitgliedschaft einluden, ich habe persönlich eine Vielzahl von Gesprächen geführt. Am Ende hatte kaum einer Lust, mitzumachen. Es war nicht nur Misstrauen gegenüber dem neuen Verein zu spüren, sondern auch tiefer Frust, nicht mehr aktiver Teil einer Filmlandschaft zu sein. Meine Argumentation, dass die Dinge nur veränderbar sind, in dem man sie selbst mit gestaltet, ist ganz offenkundig nicht stark genug gewesen. Ich war verbittert, aber die Gräben sind von beiden Seiten manchmal nur schwer zu überwinden.
Vor einigen Wochen überraschte Volker Schlöndorff mit der Äußerung, die DEFA-Filme wären alle furchtbar gewesen und er hätte mit seinen damaligen Kommilitonen im Paris der 60er Jahre über sie gelacht. Das verblüffte umso mehr, als Schlöndorff ja mehrere Jahre lang das Studio Babelsberg geleitet und neben dem Oscar auch den Konrad-Wolf-Preis angenommen hatte. Die öffentliche Empörung war groß und in diesem Ausmaß von Schlöndorff sicher nicht erwartet.
Nun ist ja klar, dass in den DEFA-Studios nicht nur Meisterwerke entstanden, sondern durchaus viel Mittelmaß und auch einige schlimme Propagandaschinken, aber ein derartiges Pauschalurteil war von einem Regisseur diesen Ranges nicht zu erwarten. Man ist wohl gut beraten, es nicht allzu ernst zu nehmen. Ein Künstler ist kein Politiker und natürlich ist es Schlöndorffs gutes Recht, DEFA-Filme furchtbar zu finden.
Verletzend ist solch eine flapsige Bemerkung aber doch und trifft in ihrer Wirkung vor allem diejenigen, die mit der Kunst des Ostens eigene Lebens- und Welterfahrung verbinden. Ob sie nun Filmemacher oder Publikum waren, hier werden sie zu ahnungslosen Idioten gestempelt, die von Hochkultur keine Ahnung haben.
Dabei war es doch ausgerechnet Schlöndorff, der mit einigen Kollegen gegen die bornierte Filmlandschaft des Westens rebelliert hatte, die insbesondere in den 50er Jahren auch nicht durch filmische Innovation glänzte.
Es stellt sich die Frage, warum diese Äußerung so ganz ohne Not gemacht wurde. Schlöndorff bringt sie in den Kontext seiner eigenen Tätigkeit als Studiochef in Babelsberg und will damit quasi den Beweis antreten, dass die von ihm mit betriebene Abwicklung des künstlerischen Betriebes der DEFA zwingend notwendig war und den Grundstein für die jetzige wirtschaftliche Wiederbelebung gelegt hat.
Er ignoriert allerdings den Fakt, dass die heutigen Erfolge des Studios Babelsberg auch auf einem staatlichen Subventionsmodell beruhen, nämlich auf dem vor gut zwei Jahren aufgelegten Deutschen Filmförderfonds, der mit seinen Geldern unter anderem große amerikanische Produktionen nach Deutschland lockt, die nun plötzlich die wunderbaren Möglichkeiten der Studios vor den Toren Berlins entdecken. Die bisher ebenfalls aus Kostengründen billig genutzten tschechischen Studios in Barrandov verwaisen inzwischen, weil die dortige Regierung keine Möglichkeiten für eine großzügige Förderung besitzt.
Schlöndorff fällt sein Urteil über den DEFA-Film, um die eigenen Verdienste hervorzuheben. Er selbst weiß sehr genau, dass es in dieser verkürzten Form nicht haltbar ist. Die Wirkung bleibt: Ein Regisseur, der den Kollegen erklärt, dass sie nur Mist gedreht und ihnen somit ganz recht geschieht, wenn sie auf dem Markt nichts mehr zu melden haben. Auf Augenhöhe begegnet man sich anders.
Das ist der eigentliche Grund, weshalb aus einem Lapsus solch ein Politikum erwachsen ist. Die Empörung zielt zwar auch auf die Verteidigung des sehr wohl vorhandenen wertvollen DEFA-Erbes, meint aber vor allem die Art des Umgangs.
Volker Schlöndorff hat seine eigene Äußerung später als „groteske Übertreibung“ bezeichnet, sie aber nicht zurück genommen. Er berief sich darauf, wichtige DEFA-Filme wie „Ich war 19“ oder den Oscar-Nominierten „Jakob der Lügner“ erst nach der Wende kennen gelernt zu haben. Das macht die Sache nicht gerade besser.
Aber die Mauer war – zumindest in kultureller Hinsicht – in Richtung Osten offensichtlich durchlässiger als andersrum. Viele wichtige Produktionen aus dem Westen sind in der DDR in die Kinos gekommen. Dort stießen sie auf ein waches Publikum, für das die Leinwand ein Fenster zur ansonsten verschlossenen Welt darstellte. Und was im Kino nicht zu bekommen war, guckte man sich eben im Westfernsehen an, wo in diesen Jahren wichtige Filme noch um 20.15 Uhr gesendet wurden.
Umgekehrt interessierte sich der Westen weniger für die Filme aus dem Osten. Das ist durchaus nachvollziehbar. Die Sehnsucht fehlte. Wenn die Welt offen steht, braucht es kein Kino, um sie zu erobern. Der freie Markt hatte für Produktionen aus dem Osten Europas nur selten einen Platz. Schon gar nicht für Filme, die vom Alltag erzählten. So ist es nicht verwunderlich, das fast alle Kollegen im Westen die artifiziellen Filme von Andrej Tarkowski kennen, aber kaum einer die wunderbaren, einfachen Menschengeschichten eines Wassilij Schukschin. Bei dem einen konnte man sich an der ungewöhnlichen Bildsprache und Ästhetik reiben, bei dem anderen fehlte der eigene Bezug zur abgebildeten Wirklichkeit. Die Geschichten schienen nicht von Interesse.
Oft wird über Dinge geredet, die eigentlich nur ungenügend bekannt sind. Übrig bleibt das Klischee von einer staatlichen Filmproduktion, die linientreue Propaganda herzustellen hatte. Damit wird dem überwiegenden Teil der Filmleute großes Unrecht getan.
Mich würde interessieren, wie viele DEFA-Filme beispielsweise während des Studiums an der HFF München gezeigt werden. Nicht mal in Babelsberg bin ich mir da so sicher. Dort wurde mittlerweile mehrfach - aber immerhin erfolglos - versucht, sich des Namens Konrad Wolf zu entledigen.
Heute wird die filmische Aufarbeitung der DDR-Geschichte meist von Künstlern aus dem ehemaligen Westen betrieben. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Im Fernsehen ist sie mittlerweile fast zum Alltag geworden. Es gibt alberne Event-Movies und Retro-Shows, aber auch sehr ernsthafte Versuche.
Das Kino hat mit „Good bye Lenin“ oder „Sonnenallee“ regelrechte Hits zum Thema abgeliefert, in beiden Fällen in einer parabelhaften, zugespitzten, unterhaltsamen Form.
Ein Film wie „Das Leben der anderen“ hingegen erhebt einen ernsthafteren Anspruch und wird mittlerweile Schulklassen vorgeführt, um ein wahres Bild von den Zuständen in Ostdeutschland zu zeigen. Dabei hat gerade dieser Film mit der DDR so viel zu tun, wie Hollywood mit Hoyerswerda.
Die Hauptfigur in „Das Leben der anderen“ ist ein einsamer Wolf, der aus schwer nachvollziehbaren Gründen vom härtesten Stasi-Mann zum guten Menschen mutiert. Seinen Auftrag erhält er von einem Minister, der den Apparat für persönliche Zwecke missbraucht.
Der Film erzählt, durchaus wirkungsvoll, das Märchen vom guten Menschen, der in jedem von uns steckt, auch im schlimmsten Stasi-Denunzianten. So etwas kommt natürlich an, nicht zuletzt, weil es so schön beruhigend ist. Der Wahrheitsfindung dient es nicht.
Nun kann wirklich keinem Künstler aus dem Westen ein Vorwurf dafür gemacht werden, dass er sich mit DDR-Geschichte beschäftigt. Ganz im Gegenteil. Aber es stellt sich die Frage, warum die Filmleute aus dem Osten sich so still verhalten. Denn Ärgern allein nützt nichts. Wenn einem die Bilder der anderen nicht passen, muss man eben selbst welche dagegen setzen.
Ein Teil der Wahrheit ist der bereits erwähnte Fakt, dass die wenigsten Filmleute aus der DDR noch über Arbeitsmöglichkeiten verfügen. Aber was ist mit den anderen? Was ist mit mir? Warum habe ich in den letzten Jahren keinen Versuch mehr unternommen, mich mit diesem so wichtigen, prägenden Teil meines Lebens auseinander zu setzen?
Es hat mit Resignation zu tun, auch mit Enttäuschung. Bis 1997 habe ich drei filmische Versuche unternommen, in denen ich mich mit der DDR beschäftigt habe. Künstlerisch waren zwei davon zumindest akzeptabel, erfolgreich war keiner. Das breite Publikum mochte meine Sicht auf diese Dinge nicht sehen.
Viele Menschen im Osten wollen an die schmerzhaften Seiten der DDR-Geschichte nur ungern zurück denken. Sie ziehen die freundliche Erinnerung vor, die ja auch immer etwas Verklärendes hat. Ansonsten versuchen sie, soweit wie möglich, in der Gegenwart anzukommen. Die Wunden sollen verheilen, die Enttäuschungen vergessen werden.
Im Westen hingegen wird mit fremdem Blick auf die DDR-Geschichte geschaut, hinein in eine graue, etwas merkwürdige, abgeschlossene Welt, mit kleinbürgerlichen Menschen und komischen Autos, eine Welt, in der es Verräter gab oder Widerstandskämpfer. Und wenig dazwischen. Die Geschichte dieses anderen Landes als Teil der eigenen Geschichte zu begreifen, kommt kaum jemandem in den Sinn.
Unter zugespitzten Umständen lässt sich exemplarisch über Menschen erzählen, kann man aus der Vergangenheit ins Heute zielen. Denn Verrat und Opportunismus sind in dieser jetzigen Welt keine unbekannten Größen.
Deshalb würde mich ein anderer Stasi-Mann mehr interessieren. Einer, der mit beiden Beinen im Alltag steht. Einer mit Frau und Kindern und netten Nachbarn. Der am Wochenende mit der Familie im Wartburg in den Garten fährt und ein Grillfest mit Freunden veranstaltet. Und einer, der dann am Montag um 9 ins Büro zurückkehrt, um andere auszuhorchen und zu denunzieren. Ohne Auftrag eines Ministers. Ganz aus eigenem Antrieb. Ein Stasi-Mann wie du und ich. Den Alltag solchen Verrats zu zeigen wäre eine schmerzhafte Selbsterkundung. Für Ost wie West. Wo beginnt der alltägliche Opportunismus und wo Zivilcourage?
Vielleicht gibt es mittlerweile die Bereitschaft, sich solch einer Geschichte zu stellen, einer die nicht nur in Schwarz oder Weiß erzählt, sondern die vielen Grautöne einschließt. Denn genau da wird es interessant.
Für mich ist die Erfahrung eines vollständigen gesellschaftlichen Umbruchs von unschätzbarem Wert. Man erfährt viel über andere Menschen und sich selbst in Zeiten der Veränderung, über Courage, über Feigheit, auch die eigene.