Endlich gibt es wieder einen angemessenen Gewinner des Goldenen Löwen. In den letzten beiden Jahren fühlten sich die Preise mehr wie Ehrungen für ein Lebenswerk an. Im vergangenen Jahr erhielt ihn Jim Jarmusch und seine Kurzfilmtrilogie „Father Mother Sister Brother“, vor zwei Jahren Pedro Almodóvar mit „The Room Next Door“. Diesmal ist der verdiente Sieger, „Kvinde Ukendt“ (Woman Unknown) von der dänischen Regisseurin May el-Toukhy.
Das beklemmende Kammerspiel zeigt eine Frau, die während der Besatzung im 2. Weltkrieg eine Affäre mit einem deutschen Soldaten hatte und unbedingt verhindern will, dass ihre Vergangenheit publik wird. Ein Film gegen die heroischen Mythen, die man sich in Dänemark am Jahrestag der Befreiung gerne erzählt. Während die meisten Kollaborateure, die es natürlich auch gab, relativ ungeschoren davonkamen, wurden Frauen gedemütigt und als „Nazihuren“ beschimpft. „Die Körper der Frauen hat man als Teil des nationalen Territoriums wahrgenommen, das von den Deutschen geschändet worden war“, wie die Regisseurin in der Pressekonferenz sagte. Hoch verdient ging die Coppa Volpi für die beste Hauptdarstellerin an Mathilde Arcel, die die Ängste und Abgründe der Figur auf subtile Weise sichtbar werden lässt und dabei doch immer ein Geheimnis bewahrt. „Dies ist meine erste Hauptrolle und mein erstes Festival, ich fühle mich sehr geehrt“ sagte die Preisträgerin sichtbar bewegt auf der Bühne. „Wenn das ein Traum ist, möchte ich nicht daraus aufwachen.“
Der große Favorit der Kritiker, „Possible Love“ von Lee Chang-dong aus Korea, erhielt den Großen Preis der Jury. Der Preis für den besten Schauspieler ging an John Malkovich für seine Rolle als zynischer CIA Agent in „Wild Horse Nine“, der makabren politischen Komödie von Martin McDonagh, die alle begeisterte.
Für den israelischen Dokumentarfilm „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor gab es einen Spezialpreis der Jury. Wie zu erwarten war, wies die israelische Armee (IDF) sofort alles, was im Film zur Sprache kommt, „kategorisch“ zurück. Die interviewten Soldaten benutzten eine „inkorrekte juristische Terminologie“, heißt es. Von einem „Genozid“ könne bei den Angriffen der IDF keine Rede sein (Ha’aretz, 13.09.2026).
Il‘ja Chržanovskij, der wegen seiner angeblich prorussischen Haltung im Vorfeld kritisiert worden war, erhielt den Preis für die beste Regie für sein Monumentalwerk „DAU“ und widmete ihn der Stadt Charkiw, wo der Film gedreht wurde, sowie dem ukrainischen Volk im Kampf um Frieden und Freiheit.
Zwei Preise gingen nach Frankreich. Malou Khebizi wurde für ihre Rolle der wilden 16jährigen Lucia in Cédric Kahns „15/18“ mit dem Marcello Mastroianni Preis als beste junge Schauspielerin ausgezeichnet. Stéphane Brizé, Coralie Amédéo und Olivier Gorce erhielten den Preis für das beste Drehbuch für „Un bon petit soldat“.
Mit dem Film, der auch den Preis der INTERFILM-Jury gewann, setzt Stéphane Brizé seine Erkundungen der modernen Arbeitswelt fort. In fast allen Filmen ist Vincent Lindon einer der Protagonisten, für seine Rolle in „La loi du marché“ (Der Wert des Menschen, 2015) wurde er in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet. Während er dort als Arbeitsloser um seine Würde kämpft, spielt er in „Un bon petit soldat“ Arnaud, den CEO eines großen Versicherungsunternehmens. Alba Rohrwacher ist Carla, die neue Leiterin der Personalabteilung, gerne abgekürzt als HR, Human Ressources. Als sie erfährt, wie eine Mitarbeiterin von ihrer Teamleiterin aufs Übelste fertig gemacht wird, geht sie damit zu ihrem Vorgesetzten. Doch auf höherer Ebene will man die Angelegenheit nicht weiterverfolgen: bloß keine schlechte Publicity für das Unternehmen, das sich rühmt, besonders wertschätzend mit seinen Mitarbeitern umzugehen. Carla lernt bald, dass die Realität eine andere ist. Zu viel Empathie für andere, so wird ihr unmissverständlich klar gemacht, gefährdet ihren eigenen Job. Außerdem hat sie Stress mit ihrem 10jährigen Sohn, der die meiste Zeit bei seinem Vater verbringt. In die Enge getrieben, will Carla schließlich nur noch ihre Haut retten und fügt sich in die Rolle eines „bon petit soldat“.
Im 83. Jahr ist Venedig ein besonders guter Jahrgang gelungen, das Festival auf dem Lido beeindruckte mit einer Fülle von exzellenten Filmen. Maggie Gyllenhall hatte als Juryvorsitzende noch den Mangel an weiblichen Regisseuren im Wettbewerb beklagt, am Ende gab es zum Ausgleich den Goldenen Löwen für die Dänin May el-Toukhy. Ohnehin traf die Jury so kluge Preisentscheidungen wie schon seit Jahren nicht mehr. Der politische Schwerpunkt, der in diesem Jahr erkennbar war, ging keineswegs auf Kosten der filmischen Qualität. Ein Film wie „Naza“ hätte in Berlin einen Skandal provoziert, in Venedig ist es selbstverständlich, Filme zu sehen, die das Thema Palästina in den Fokus nehmen, wie „Die Stimme von Hind Rajab“ im vergangenen Jahr.
Über den im Vorfeld beklagten Mangel an Stars konnte man sich am Ende nicht mehr beklagen. Alberto Barbera und seinem Team ist eine gute Mischung aus bekannten Namen und neuen Namen gelungen. Glücklicherweise wird Barbera als Festivalleiter noch zwei Jahre weitermachen, solange darf man sich auf ein intelligentes Programm in Venedig freuen.