Perlen der Filmgeschichte
Der Tod eines Radfahrers (Juan Antonio Bardem)

Die Retrospektive in Bologna zeigte eindrücklich die Qualität der Regie von Mitchell Leisen, dessen Filme immer noch ein cineastischer Genuss sind. Sie sind souverän gealtert und lassen keinen Zweifel, warum es sich lohnt, einen fast vergessenen Regisseur aus Hollywoods goldenen Jahre, für ein großes Publikum wiederzuentdecken.

Eine weitere Wiederentdeckung galt dem spanischen Regisseur Juan Antonio Bardem, einem Onkel des spanischen Stars Javier Bardem. Zusammen mit Luis Garcia Berlanga hat er in den 50er Jahren das spanische Kino international anschlussfähig gemacht. „Muerte de un ciclista“ (Der Tod eines Radfahrers, 1955) gilt als sein Meisterwerk und gewann in Cannes den Fipresci Preis der Filmkritik. Die staatliche Zensur gab den Film widerwillig ab 16 Jahren frei, während die Katholische Kirche ihn als „gravemente peligrosa“ (außerordentlich gefährlich) einstufte. Kein Wunder, geht es doch um ein Liebespaar, das bei einem Ausflug einen Radfahrer anfährt und Fahrerflucht begeht, weil sie Angst haben, ihre Affäre könnte publik werden. 

Maria (Lucia Bosé) ist in der besseren Gesellschaft von Madrid verheiratet, Juan (Alberto Closas) arbeitet als Professor an der Universität. Während sie von einem schmierigen Journalisten erpresst wird, quälen ihn zunehmende Gewissensbisse, als er in der Zeitung liest, dass der Radfahrer ums Leben gekommen ist. Bardem verbindet Sozialkritik und Elemente eines Thrillers zu einem klaustrophobischen Melodrama. Die Figuren sind gefangen in einem Netz aus Lügen und Konvention, das sich immer enger zusammenzieht. Bemerkenswert sind einige der Drehorte, wie die Landschaft des Unfalls und die Gegend um die Universität, die prominente Schauplätze des Bürgerkriegs waren. Der ist zwar vor 16 Jahren zu Ende gegangen, doch ein Gefühl der Repression liegt wie ein bleierner Schatten auf der spanischen Gesellschaft.

Klaustrophobisch ist auch die Atmosphäre in Bardems berühmter Sozial- und Charakterstudie „Calle mayor“ (Hauptstraße, 1956), Schauplatz ist eine Stadt in der spanischen Provinz, gedreht wurde in Palencia, Cuenca und Logroño. Die 35jährige Clara (Betsy Blair) erlebt die Enge der Stadt als ein Gefängnis. Für eine unverheiratete Frau sind Spaziergänge auf der Calle Mayor in Begleitung ihrer Mutter sowie der Besuch der Sonntagsmesse die einzigen Gelegenheiten, aus dem Haus zu kommen. Von den Nachbarn wird sie mitleidig als ‚alte Jungfer‘ belächelt. Bis eines Tages Juan (José Suárez) auftaucht und ihr Komplimente macht. Clara ist überglücklich und hofft auf eine gemeinsame Zukunft, doch Juans Liebesschwüre sind nur ein schlechter Scherz, den er sich mit seinen Saufkumpanen ausgedacht hat, um sich über Clara lustig zu machen. 

Ähnlich gnadenlos wie in „Muerte de un ciclista“ seziert Bardem die erstickende Atmosphäre im franquistischen Nachkriegs-Spanien. Unangefochten fungiert die katholische Kirche als oberste moralische Instanz, Männer und Frauen genießen unterschiedliche Freiheiten. Die Männer können am Samstagabend ebenso selbstverständlich ins Bordell gehen wie am Sonntagmorgen in die Kirche. Für die Frauen bleibt allein die Sonntagsmesse. Interessant ist das Casting der Amerikanerin Betsy Blair als "Clara“. In den USA hatte sie an der Seite von Ernest Borgnine gerade mit großem Erfolg „Marty“ gedreht. Wegen ihrer kommunistischen Sympathien musste sie das Land verlassen und ließ sich in England nieder, wo sie den Regisseur Karel Reisz heiratete. Juan Antonio Bardem wurde während der Dreharbeiten verhaftet, aber Betsy Blair weigerte sie sich, mit einem anderen Regisseur weiterzuarbeiten. Als „Calle Mayor“ nach Vendig eingeladen wurde, wollten die spanischen Behörden den Film nicht freigeben und lenkten erst ein, als der französische Coproduzent drohte, ihn als französische Produktion einzureichen. „Calle Mayor“ lief schließlich mit großem Erfolg in Venedig und wurde international gefeiert.

Bologna ist auch ein idealer Ort, um Klassiker der jüngsten Vergangenheit wiederzusehen, wie z.B. „Boogie Nights“ (1995), ein früher und genialer Film von Paul Thomas Anderson, der gerade mit „One Battle After Another“ bei den Oscars reüssiert hat. Anderson nimmt uns mit ins San Fernando Valley der 70er Jahre, als dort noch klassische Pornofilme auf 16mm gedreht wurden. An der Seite von Burt Reynolds agieren eine Reihe junger Schauspieler, die später zu Stars wurden, Julianne Moore als weibliche Protagonistin und Frau an Reynolds‘ Seite, Philip Seymour Hoffman als schwuler Tonman, John C. Reilly und Mark Wahlberg am Beginn seiner Karriere. In „Boogie Nights“ erlebt er einen rasanten Aufstieg vom Kellner zum Pornostar Dirk Diggler. Man trinkt Margeritas, springt in den Pool und genießt die kalifornische Sonne. Wer wäre nicht gerne dabei gewesen? Doch der unaufhaltsame Erfolg des neuen Videoformats, das Burt Reynolds als Regisseur für minderwertigen Schrott hält, kündigt das Ende des ‚ehrlichen' Pornofilm Business an.

Ein weiteres Highlight war eine Master Class im Kino Modernissimo mit dem brasilianischen Regisseur Kleber Mendonça Filho, der von seiner Zeit als Filmkritiker erzählte. Auf Festivals wie Cannes und Venedig hatte er seine Interviewpartner, rund 70 Kritiker und Regisseure aus Brasilien, den USA und Europa, gefragt, was sie über den Zustand des Kinos zwischen Kunst, Publikum und Kritik denken. Die daraus entstandene Reportage wurde im Rahmen der Veranstaltung gezeigt. Inzwischen ist Kleber Mendonça Filho einer der international bekanntesten brasilianischen Filmemacher. Zuletzt gewann er mit „Secret Agent“ den Regiepreis in Cannes, den Golden Globe und war für einen Oscar nominiert.

Eine weitere Hommage galt der französisch-schweizerischen Schauspielerin Irène Jacob, die in der Hauptrolle von Krzysztof Kiéslowskis „La Double Vie de Véronique“ (Das doppelte Leben der Veronika, 1991) international berühmt und in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. In Bologna stellte sie den dritten Film von Kieslowskis Farben-Trilogie „Trois Couleurs: Rouge“ (Drei Farben: Rot, 1995) vor. Sie spielt die Studentin Valentine, die einem alten, verbitterten Richter (Jean-Louis Trintignant) begegnet, der die Telefongespräche seiner Nachbarn abhört und sie mit zynischen Kommentaren schockiert. „Rot“ gilt als cineastischer Höhepunkt von Kieslowskis Farben-Trilogie, ein ausgefeiltes Spiel von zufälligen Begegnungen, Doppelungen und voyeuristischen Beobachtungen, in dem der alte Richter wie ein unbarmherziger Gott die Schicksalsfäden in der Hand hält. Trotzdem entsteht zwischen der jungen Studentin und dem alten Mann so etwas wie eine vorsichtige Freundschaft, passend zum Motiv der Brüderlichkeit, das im Dreiklang der republikanischen Ideale „Liberté, Égalité, Fraternité“ zum Ausdruck kommt. 

Subtil verknüpft Kieslowski unterschiedliche Motive und Erzählebenen zu einem dichten dramatischen Geflecht. „Es ist ein Film über Schicksal und Zufall, Einsamkeit und Kommunikation, Zynismus und Glauben, Zweifel und Sehnsucht," wie der englische Kritiker Geoff Andrew schreibt und zu dem Schluss kommt: „Atemberaubend schön, untermalt von einer kraftvollen Filmmusik, perfekt gespielt, absolut fehlerlos gehört der Film zu größten cineastischen Leistungen der letzten Jahrzehnte. Ein Meisterwerk." Kein Wunder, dass „Drei Farben. Rot“ auch 30 Jahre später überhaupt nicht gealtert scheint sondern wie zeitlos wirkt.

Irène Jacob beschreibt ihre Erfahrung mit Kieslowski folgendermaßen: „Die Kamera war wie ein Mikroskop. Krzysztof war immer sehr nah dran und äußerst präzise in seinen Anweisungen. Er sprach vorher nicht darüber, sondern arbeitete ausschließlich am Set. Er probte gerne kurz vor einer Aufnahme, wenn überhaupt."

Am Ende des Films gerät die Fähre, mit der Valentine zu ihrem Freund nach England unterwegs ist, in einen Sturm und sinkt. In den Nachrichten sieht der Richter, dass außer ihr auch die Protagonisten der anderen Filme „Blau“ und Weiss“ gerettet werden. Diese Rettung bildet einen markanten Kontrast zum Ende von Kiélowskis früherem Film „Przypadek“ (Der Zufall möglicherweise, 1981/87), in dem drei Erzählstränge auf einen Flugzeugabsturz hinauslaufen, bei dem alle Figuren ums Leben kommen. 

„Drei Farben: Rot“ war nicht nur der letzte Film der Farbentrilogie sondern auch Kieslowskis letzter Film. Er starb zwei Jahre später im Alter von 54 Jahren bei einer Herzoperation.

Einmal mehr zeigt sich Bologna als ein Ort, an dem alte und neue Klassiker zusammenkommen und sich gegenseitig befruchten. Ein Füllhorn der Filmgeschichte, aus dem sich der Zuschauer bedienen kann und reich beschenkt nach Hause geht.

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