The Wanted 18 (© DocFest Sheffield 2026)


Wie weit sich der Dokumentarfilm entwickelt hat, konnte man in diesem Jahr wieder beim DocFest Sheffield (10.-15. Juni 2026) erleben. Das klassische Ideal des Direct Cinema oder Cinéma Verité hat sich gegenüber einer Vielfalt von filmischen Gestaltungsmöglichkeiten geöffnet. Während die Pioniere des Direct Cinema wie Richard Leacock oder D.A. Pennebaker selbst nicht in Erscheinung traten, ist die Form des Dokumentarfilms heute deutlich persönlicher geworden. Wie in der Literatur hat autofiktionales Erzählen auch in den Dokumentarfilm Eingang gefunden. 

Ein schönes Beispiel dafür ist „The Wanted 18“, der als historischer Rückblick im Zusammenhang eines Palästina-Schwerpunkts gezeigt wurde. Obwohl der Film 2014 auf dem Festival von Toronto seine Premiere hatte, hat er erstaunlicher Weise nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Am Anfang sehen wir den Autor Amer Shomali in der Wüste von Jerusalem, während er davon erzählt, wie er in einem syrischen Flüchtlingslager aufgewachsen ist, wo es keine Ablenkung gab und er die Zeit damit verbracht hat, Comics zu lesen. Dabei stieß er auf die Geschichte der 18 Kühe in der Stadt Beit Sahour während der ersten Intifada 1987. Im Zuge des Boykotts israelischer Produkte beschließen einige palästinensische Aktivisten, eigene Milch zu produzieren, und kaufen von einem Kibbuz 18 Kühe. Als sich die Intifada ausweitet und von einem Steuer-Boykott begleitet wird, reagiert die israelische Armee mit verschärfter Repression, die Kühe werden zu einem „Risiko für die Sicherheit des Staats Israels“ erklärt und sollen geschlachtet werden. Doch über Nacht sind die Kühe verschwunden und werden von der Besatzungsmacht nie gefunden.

Amer Shomali und sein kanadischer Co-Autor Paul Cowan erzählen die Geschichte mit einer Vielfalt von künstlerischen Mitteln - Interviews mit den damals Beteiligten, Archivmaterial, animierte Zeichnungen und Re-Enactments in schwarz/weiß. Vier Kühe bekommen Namen und werden im Stop-Motion Verfahren zu sprechenden Figuren, was für viel Humor sorgt. Der Boykott und die Intifada brechen zusammen, als Yitzchak Rabin und Jassir Arafat die Oslo-Abkommen unterzeichnen und den Friedensnobelpreis erhalten. 

Sehr persönlich ist auch die Geschichte von „Birds of War“, der seine Premiere in Sundance hatte, auf verschiedenen Festivals zu sehen war und in Sheffield stürmisch gefeiert wurde. Der syrische Aktivist und Reporter Abd Alkader Habak schickt der BBC-Redakteurin Janay Boulos Beiträge aus der von Regierungstruppen belagerten Stadt Aleppo. Als der Widerstand in Aleppo zusammenbricht, verlässt Habak mit dem Großteil der restlichen Bevölkerung die Stadt. Der Austausch mit Janay wird zunehmend intensiver und persönlicher. Als Habak in die Türkei fliehen muss, treffen sich die beiden dort zum ersten Mal persönlich und werden ein Paar. Schließlich heiraten sie dort sogar und leben zusammen in London, was ihre Angehörigen aber nicht erfahren dürfen, denn Janay kommt aus einer christlichen Familie im Libanon und Habak ist Moslem. Janay verlässt die BBC, reist in den Libanon, um den Aufstand der Bevölkerung in Beirut zu dokumentieren, der wie eine Revolution erschien und wieder in sich zusammenfiel. Inzwischen hat sie eine eigene Produktionsfirma gegründet und arbeitet an dokumentarischen und fiktionalen Projekten im Nahen Osten.

Überrascht stellt man fest, wie viel authentisches Material der World Service der BBC in seiner Berichterstattung verwendet, deutlich mehr als in den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland. Es macht erkennbar einen Unterschied, ob ein Reporter vor Ort berichtet anstatt aus Kairo oder Istanbul. Vor allem am Anfang des Films werden wir mit Bildern wie Bombardements und Rettungsaktionen konfrontiert, die man bisher so nicht gesehen hat. Habak ist von seinen Erfahrungen des Kriegs einerseits so traumatisiert, dass er in London eine Therapie macht, andererseits leidet er darunter, nicht mehr aus Syrien berichten zu können. Nach dem Sturz des Assad Regimes sehen wir, wie er nach Aleppo reist und seine Familie in Idlib wiedersieht. „Birds of War“ umspannt einen Zeitraum von 13 Jahren. Was im Bombenhagel des syrischen Bürgerkriegs beginnt, wird zu einer sehr berührenden Liebesgeschichte, die fast zu kitschig klingt, um wahr zu sein. Die aktuelle Situation mit der israelischen Invasion, der Bombardierung von Beirut und Tyros liefert das Material für eine mögliche Fortsetzung. 

Auch „Time Machine Maidan“ von Roman Liubyi und Volodymyr Tykhyy, der in Sheffield seine Weltpremiere hatte, überrascht mit einer ungewöhnlichen Form von Doku-Fiktion. Ein Soldat, der an der Front gefallen ist, kehrt als virtuelle Stimme zurück zu den Maidan-Protesten im Herbst 2013. Er macht sich auf die Suche nach seinem Freund und Mentor, dem Dichter Maksym Krywzow, um ihn vor seinem späteren Tod im Krieg zu warnen. Das ist inszeniert als eine märchenhafte Zeitreise mit halluzinatorischen Bildern. Sehr real wird es, wenn wir bei den Demonstrationen gegen die Regierung von Präsident Yanukovich auf dem Maidan ankommen. Die Filmemacher greifen dabei auf dokumentarisches Material von 20 Aktivisten zurück, die damals ihre Eindrücke auf Video festgehalten haben. Was man sieht, ist ziemlich chaotisch, Zusammenstöße mit den Berkut-Einheiten des Innenministeriums, vieles bleibt an der Oberfläche, die Aktivisten filmen, was ihnen vor die Kamera kommt. In einer Sequenz werden Tote und Verletzte weggetragen. Die Protagonisten sind jung und idealistisch, als roter Faden dient ihre Forderung nach Freiheit und Demokratie. Der Film suggeriert eine konsequente Linie von den damaligen Protesten zum heutigen Kampf an der Front. Dabei gibt es niemanden, der sich ins Ausland absetzt oder sich der Rekrutierung entzieht. Das würde nicht zum Pathos passen, das den Film prägt.

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