Vichy - Frankreich im 2. Weltkrieg
Moulin (© Pitchipoï productions)


Die deutsche Besatzung Frankreichs im 2. Weltkrieg bleibt eine offene Wunde in der nationalen Erinnerung. Vor allem die Kollaboration des Vichy-Regimes, als man den Deutschen zugearbeitet hat. Es war die französische Polizei, die als willige Helfer der deutschen Besatzungsmacht jüdische Franzosen in Razzien zusammengetrieben und nach Deutschland deportiert hat. Zur nationalen Erinnerungskultur zählt auch der Widerstand, der sich in der Résistance organisierte. Eine zentrale Figur in dieser Mythologie war Jean Moulin, der im Auftrag General de Gaulles nach Frankreich geschickt wurde, um die verschiedenen Fraktionen der Résistance zusammenzubringen. Es gelingt ihm, den Conseil national de la Résistance zu etablieren und ein gemeinsames Programm unter der Führung von de Gaulle zu verabschieden. Am 21. Juni wird er bei einem klandestinen Treffen in Caluire-et-Cuire, einem Vorort von Lyon, verhaftet. Im Montluc-Gefängnis von Lyon wird er vom Gestapo-Chef Klaus Barbie gefoltert, fällt ins Koma und stirbt an seinen Verletzungen. In Frankreich ist Jean Moulin ein Volksheld, nach dem Straßen, Schulen und in Lyon eine Universität benannt sind.

Der ungarische Regisseur László Nemes, der sich in mehreren Filmen mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, spürte das Bedürfnis, die Geschichte von Jean Moulin noch einmal erzählen. „Ich bin in den 80er Jahren in einem totalitären Land aufgewachsen, wo es keine Freiheit gab“, sagte László Nemes auf der Pressekonferenz. „Wenn wir Jean Moulin folgen, können wir den Preis der Freiheit erkennen, den wir im Westen leider vergessen haben.“ Moulin wird von Gilles Lellouche zurückhaltend und mit großer Intensität gespielt. Lars Eidinger als Klaus Barbie darf sich nach „Persischstunden“ (2020) wieder einmal als böser Nazi austoben. Für Regisseur Nemes sind die beiden „das Maß des Guten und die Versuchung des Bösen“. Seine Absicht war es, „das Opfer, das Moulin gebracht hat“, in den Mittelpunkt zu stellen, seine Heldengeschichte, filmisch zu verewigen. Doch die ist hinlänglich bekannt, in Frankreich kann sie jedes Schulkind nacherzählen.

Die Gestapoagenten und Soldaten der Feldgendarmerie benehmen sich genauso wie man es aus zahlreichen Filmen kennt, permanent schreien sie „Los, los“ und „Schnell, schnell“. Die Rolle der französischen Polizei und die Kollaboration der Vichy-Behörden kommt kaum zur Sprache. Noch weniger Moulins politische Ideen als linker Republikaner. Dafür werden wir umso ausführlicher mit Folterszenen konfrontiert, die in ihrer Drastik einen unangenehm voyeuristischen Unterton bekommen. Man fragt sich, warum muss Nemes, alles, was wir längst wissen, noch einmal bebildern? Die internationalen Kritiker feiern den Film und seinen Helden, „der nichts sagt und nichts tut…aber mit der vollen Kraft seines Körpers und Geistes Widerstand leistet“. Bei der französischen Presse hält sich die Begeisterung dagegen in Grenzen. Vermutlich weil die Geschichte von Jean Moulin in Frankreich zur Genüge bekannt ist und man schon einige Filme über ihn gesehen hat. 

In „La troisième nuit“ (Die dritte Nacht), der in der Sektion Cannes Première gezeigt wurde, erzählt Daniel Auteuil ebenfalls eine Geschichte von Anpassung und Widerstand unter der deutschen Besatzung, allerdings auf subtilere Weise. Auteuil selbst spielt die historische Figur des katholischen Geistlichen Alexandre Glasberg, dem es 1942 in Lyon gelingt, mehr als 100 jüdische Kinder zu retten. Als die deutschen Besatzer verlangen, dass die jüdischen Flüchtlinge, die in einem Lager in Vénissieux kaserniert sind, nach Deutschland deportiert werden, nutzt er zusammen mit dem Leiter des Service social des étrangers (SSE), Gilbert Lésage (Antoine Reinartz), Ausnahmeregelungen in der Verordnung der Préfecture, um möglichst viele Menschen in Sicherheit zu bringen. Am Ende sind es vor allem Kinder, die unter dramatischen Umständen vor der Deportation gerettet werden. 

Auteuil, seit vielen Jahren ein Star des französischen Kinos, konzentriert sich auf einen Ort und einen Zeitpunkt, drei Tage und Nächte, bevor die Flüchtlinge zuerst nach Paris und dann weiter nach Deutschland transportiert werden. Durch diese Verdichtung gewinnt der Film eine Intensität, die „Moulin“ fehlt. Die Spannung erwächst aus der Auseinandersetzung mit den Vertretern der Polizei und Préfecture, die jeder Ausnahmeregelung zustimmen müssen. Am Ende ist es ein Kampf gegen die Zeit, der die Zuschauer in Atem hält. Es gibt keine spektakulären Szenen von Gewalt und Folter, die Geschichte spricht für sich. Indem Daniel Auteuil nahe an den Figuren bleibt und eine scheinbar kleine Episode erzählt, evoziert er das ganze Drama von Besatzung und Widerstand.

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79. Festival de Cannes

Das 79. Festival de Cannes wurde am 12. Mai mit der französisch-belgischen Koproduktion "La Vénus électrique" (The Electric Kiss) von Pierre Salvadori eröffnet. Die in Cannes seit 1974 existierende Jury œcuménique verleiht ihren Preis an einen Film des Internationalen Wettbewerbs.