Zum Auftakt des vierten Wettbewerbtags gab es einen Film, der mit großer Spannung erwartet wurde, den japanischen Beitrag „Sheep in the Box“ von Hirokazu Kore-eda. Kore-eda, der mit „Shoplifters“ 2019 die Goldene Palme gewonnen hat, ist ähnlich wie der Iraner Asghar Farhadi ein großer Name des internationalen Kinos. Mit seinem neuen Film ist er in ein Japan der nicht allzu fernen Zukunft zurückgekehrt. Was auf den ersten Blick nach einer Dystopie klingt, endet als eine überraschende Utopie. Doch der Reihe nach.
Kore-edas zentrales Thema ist die Frage, was eine Familie ausmacht. In „Shoplifters“ findet sich eine zusammengewürfelte Gruppe, die von Ladendiebstahl lebt, zu einer Gemeinschaft zusammen, die wie eine liebevolle Familie funktioniert. In „Sheep in the Box“ ist es ein kinderloses Paar, das den Tod ihres Sohnes betrauert, der vor zwei Jahren gestorben ist. Die High-Tech-Firma „Rebirth“ bietet ihnen eine humanoide Roboterkopie des verstorbenen Kindes an. Kakeru (Rimu Kuwaki) sieht perfekt aus, er ist verspielt und anhänglich, nur essen und trinken kann er nicht. Erst als er nach einem Sturz operiert werden muss, sieht man die Plastikschläuche unter seiner Bauchdecke.
Nach einiger Zeit merken die Eltern (Haruka Ayase und Daigo Yamamoto), dass der Roboterjunge doch nicht ihren echten Sohn ersetzen kann und beschließen, ihn zurückzugeben. Doch Kakeru hat längst eigene Pläne, mit anderen Humanoiden sowie einigen menschlichen Kindern trifft er sich in einer verlassenen Schule und einem leeren Schwimmbad, um eine neue ‚Familie‘ zu gründen.
Auf freundlich-unprätentiöse Weise erzählt Kore-eda von Tod und Trauer, vom Wunsch, einen geliebten Menschen wiederzugewinnen. Schon in „Afterlife“ (Nach dem Leben, 1998) hatte sich der japanische Regisseur Gedanken über das Leben nach dem Tod gemacht. Mit großer Einfühlung zeichnet er in „Sheep in the Box“ die Dynamik in der Beziehung zwischen den Eltern und ihre ambivalenten Gefühle gegenüber ihrem Roboterkind. Dafür braucht er keine langen Dialoge und zarten Andeutungen, keine tödliche Krankheit wie in Hamaguchis „Soudain“. Kore-eda zeigt einen leicht futuristisch verfremdeten Alltag im Japan von heute. Natürlich geht es wieder um die Frage, was eine Familie ausmacht. Nicht Blutsverwandtschaft oder gesellschaftliche Normen, sondern eine freie solidarische Gemeinschaft. Für mich ist „Sheep in the Box“ ein Favorit für einen größeren Preis.
Ähnliches lässt sich über „El ser querido“ (Der geliebte Mensch), den ersten von drei spanischen Beiträgen im Wettbewerb sagen. Der Regisseur und Autor Rodrigo Sorogoyen, der vor vier Jahren in einer Nebenreihe mit „As bestas“ (Wie wilde Tiere, 2022) sein Cannes Debüt gab, ist jetzt in den Wettbewerb aufgestiegen. Völlig zu Recht, möchte man sagen, wenn man seine früheren Filme und Serien kennt.
Ein berühmter Regisseur kommt nach langer Abwesenheit zurück in seine Heimat und bietet seiner erwachsenen Tochter, zu der er seit Jahren keinen Kontakt hatte, eine Rolle in seinem neuen Film an. Auf den ersten Blick scheint „El ser querido“ große Ähnlichkeit mit dem letztjährigen Gewinner des Großen Preises der Jury „Sentimental Value“ von Joachim Trier aufzuweisen. Doch der Film von Sorogoyen beginnt da, wo „Sentimental Value“ aufhört.
In einer langen Eingangssequenz treffen sich Vater (Javier Bardem) und Tochter (Victoria Luengo) zum ersten Mal nach 13 Jahren in einer Madrider Cafeteria. In einer Plansequenz von 90 Minuten wurde diese Szene mit fünf Kameras gefilmt, im fertigen Film sind davon 20 Minuten übriggeblieben. Ein ebenso kunstvoller wie spannender Einstieg, der die Konfliktlinien der Beziehung zwischen Vater und Tochter gleich zu Beginn offenlegt. Das Filmprojekt spielt in den 30er Jahren in der damaligen spanischen Kolonie Sahara. Das Sujet passt zu Bardems politischen Engagement für die Unabhängigkeit der Westsahara, worüber er auch einen Dokumentarfilm realisiert hat.
Die Dreharbeiten finden in der Wüstenlandschaft von Fuerteventura statt, beim Film im Film bieten sich zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen. Angesichts der heißen Temperaturen liegen die Nerven blank und es kommt zum offenen Konflikt zwischen Vater und Tochter. Es ist faszinierend, die verschiedenen Facetten der Figur von Javier Bardem zu beobachten, vom charmanten Geschichtenerzähler beim Essen mit den Schauspielern, vom liebevoll engagierten Vater zum autoritären Regisseur, der das Team anschreit und die Schauspieler in den Wahnsinn treibt. Es wäre großartig, wenn Sorogoyen sich am Ende unter den Preisträgern fände.
Bei James Gray hege ich eher Zweifel. „Paper Tiger“ ist ein melodramatischer Thriller, angesiedelt im New York der 80er Jahre, eine typische James Gray-Location. Irwin (Miles Teller) wohnt mit seiner Frau Hester (Scarlett Johansson) und seinen zwei Söhnen in einem hübschen Haus in Queens und betreibt ein erfolgreiches Ingenieursgeschäft. Sein Bruder Gary (Adam Driver), ein Ex-Polizist, träumt von einem millionenschweren Bauprojekt am Gowanus Kanal, auf einem ehemaligen Industriegelände.
Beim Versuch, als Berater mit am großen Rad zu drehen, geraten sie in Konflikt mit der russischen Mafia. Früh ahnt man, dass ihr ehrgeiziger Plan scheitern wird. So kommt es wie es kommen muss, wenn man sich mit der russischen Mafia einlässt, Irwin muss um das Leben seiner Familie fürchten, und auch Gary kommt trotz seiner Polizeikontakte nicht ungeschoren davon.
James Gray kehrt zurück in das russische Milieu von Brighton Beach, in dem vor 30 Jahren sein erfolgreiches Debüt „Little Odessa“ (1994) angesiedelt war, und greift einmal mehr auf autobiographische Elemente aus seiner russisch-jüdischen Familiengeschichte zurück. Kriminelle Verstrickungen, Brüder, die auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen, und korrupte Strukturen im New Yorker Polizeiapparat NYPD. Das waren auch seine Themen in „The Yards“ (Im Hinterhof der Macht, 2000) und in „We Own the Night“ (Helden der Nacht, 2007). In „Paper Tiger“ kommt nicht viel Neues dazu, allerdings ist Joaquin Phoenix diesmal nicht dabei, der in vier Filmen von James Gray dabei war.
Die Schläger der russischen Mafia wirken mit ihren finsteren Tätowierungen wie Karikaturen, wenn sie Irwin verprügeln und seine Söhne einschüchtern, als er nachts auf dem Gelände auftaucht. Die Russen sind einfach ein finsterer Haufen. Gut, dass es noch liebende Väter wie Irwin gibt, der seinen Söhnen sagt, sie sollten nie vergessen, „that I love you to the moon and beyond“. Adam Driver als Bruder Gary ist in der Pose des schwadronierenden Businessman zu sehen, der mit seinen Insiderkontakten angibt, doch sich am Ende für die Familie opfert.
Bei so viel Opferbereitschaft überrascht es nicht, dass James Gray dem Film ein Zitat von Aischylos über Reichtum ohne Mühe voranstellt. Kein Wunder, dass der Kritiker des „Hollywood Reporter“ das Stichwort begierig aufgreift, „James Gray‘s riveting ‚Paper Tiger‘ evokes Greek tragedy“. Angesichts mancher Plausibilitätslücken im Drehbuch wirkt die dramatische Konstruktion allerdings ziemlich forciert beim Versuch, Melo- und Crime Drama zu verbinden.