Bericht zur Eröffnung. Von Peter Paul Huth
Thierry Frémaux, künstlerischer Dirketor des Festivals (© FDC)


Das Festival von Cannes gilt zu Recht als ein Hort der hehren Filmkultur, trotzdem herrscht an der Cote d’Azur ein entspannter Umgang mit amerikanischen Blockbustern. Wer schon länger dabei ist, wird sich erinnern, wie George Lucas einen Trupp galaktischer Krieger auf dem Roten Teppich dirigierte. Vor einigen Jahren war es Harrison Ford, der in einem schwachen Indiana Jones-Sequel im Grand Théâtre Lumière auftreten durfte. Zur Premiere von „Top Gun Maverick“ begeisterte Tom Cruise 2022 das Festivalpublikum. Das „Top Gun“-Original aus dem Jahr 1986 kann man in diesem Jahr bei „Cinéma a la plage“ wiedersehen. Für den ersten Film aus der unendlichen Reihe „The Fast and the Furious“ (2001) ist sogar eine Abendgala vorgesehen. Das diesjährige Poster zeigt Susan Sarandon und Geena Davis in ihren besten Zeiten, als sie im feministischen Road-Movie „Thelma and Louise“ die USA unsicher machten.

Über so viel Hollywood Kommerz würde man in Berlin wohl die Nase rümpfen. Wo bleibt der politische Anspruch und die genderkritische Perspektive? In Cannes hat man keine Berührungsängste mit Hollywood, das Festival ist gleichermaßen ein Ort für das populäre Kino wie für den Autorenfilm, wie der künstlerische Direktor Thierry Frémaux auf der Pressekonferenz zur Eröffnung betonte. Selbstbewusst präsentierte er ein Wettbewerbsprogramm mit nur wenigen amerikanischen Filmen, ohne dass über fehlenden Glamour und mangelnde Starpräsenz gejammert wird, wie es in Berlin seit Jahren üblich ist. 

Hinzu kommt, dass die amerikanischen Major Studios über den Festivaltermin im Mai nicht glücklich sind und Angst haben, dass zu viel Zeit vergeht, bis die hier gezeigten Filme ins Kino kommen. Venedig liegt im September näher am Starttermin. „But if Cannes is moving away from Hollywood a bit, it puts the spotlight back on world cinema – and for that side of the business, that’s a good thing”, wie der britische Produzent Mike Downey gegenüber dem “Hollywood Reporter” äußerte. Unmissverständlicher Ausdruck dieser Entwicklung ist die Einladung des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook als Präsident der Wettbewerbsjury. Auf der Pressekonferenz erinnerte er daran, wie Korea noch am Rande der internationalen Filmindustrie lag, als er 2004 mit seinem Film „Old Boy“ zum ersten Mal in Cannes war. 22 Jahre später haben sich die Gewichte fundamental verschoben - das koreanische Kino ist inzwischen eine ernstzunehmende Größe im globalen Filmgeschäft.

Doch die eigentlichen Stars in Cannes sind die Auteurs, Regisseure wie der Spanier Pedro Almodóvar, der Iraner Asghar Farhadi, der Japaner Hirokazu Kore-eda, der Pole Pawel Pawlikowski und der Russe Andrej Swjaginzew (der, oh je, vor mehr al 20 Jahren Putin einmal die Hand geschüttelt hat). Dazu kommen international renommierte Namen wie der Belgier Lucas Dhont, der Rumäne Christian Mungiu und der Ungar László Nemes. Besonders gespannt bin ich auf den neuen Film des Spaniers Rodrigo Sorogoyen, „El Ser Querido“, mit Javier Bardem in der Hauptrolle. Sorogoyen, der zuletzt mit „As bestas“ (2022) beeindruckte, ist auch der Autor der außergewöhnlichen Serien „Antidustrbios“ (2020) und „Los Años Nuevos“ (2024), die unter dem Titel „Ana und Oscar“ noch in der Arte Mediathek zu sehen ist. Skeptisch sehe ich dem deutschen Beitrag im Wettbewerb, „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach, entgegen. Nicht nur wegen der vorigen Filme der Regisseurin, sondern auch wegen einer Länge von fast drei Stunden und der wenig verlockenden Aussicht auf Laiendarsteller.

Mit dem Eröffnungsfilm bewies man in Cannes wieder eine glückliche Hand. „La Vénus électrique“ von Pierre Salvadori ist eine unterhaltsame Komödie mit Starbesetzung. Paris Ende der 20er Jahre: Nach dem Tod seiner Geliebten Iréne (Vimala Pons) ist der Maler Antoine (Pio Marmai) nur noch ein Schatten seiner selbst. Er malt nicht mehr und trinkt nur noch. Auf dem Jahrmarkt trifft er auf Suzanne (Anais Demoustier), die sich als Medium ausgibt, aber eigentlich als Venus Electrificata auftritt. Für 30 Centimes darf man sie küssen und wird dabei elektrisch aufgeladen. „Die Liebe, das ist Ekstase und Verbrennen“, wie der Jahrmarktbesitzer Titus (Gustave Kevern) mit großer Geste verkündet. Suzanne wird zu Antoines spiritistischer Therapeutin, mit gefärbten Kontaktlinsen verwandelt sie sich in die tote Geliebte und spricht aus dem Jenseits zu ihm. Während der Kunsthändler Armand (Gilles Lellouche) sich anfangs über das betrügerische Spiel empört, bezahlt er schließlich Suzanne, damit sie Antoine motiviert, wieder zu malen. Es kommt, wie es kommen muss, Suzanne nimmt immer mehr die Rolle der Toten an und beginnt Gefühle zu entwickeln. Immerhin hat Antoine seine Karriere als Aktmodell und schwebender Halbgott Hermes begonnen, bevor er selbst als Maler erfolgreich wurde.

Das Drehbuch von „Vénus électrique“ basiert auf einer Idee der französischen Regisseure Rebecca Zlotowski und Robin Campiello, die Dialoge hat Pierre Salvadori selbst geschrieben. Das Resultat ist ein intelligentes Spiel von Täuschungen und Enttäuschungen. Pio Marmai als Antoine beweist seine enorme Wandlungsfähigkeit, wenn man sich an so unterschiedliche Rollen als Ehemann in Paartherapie in der Psychoanalyse-Serie „En thérapie“ oder als verletzter Gilet Jaune in Catherine Corsinis „La fracture“ (In den besten Händen, 2021) erinnert. Anais Demoustier als falsche Spiritistin möchte eigentlich nur die Gutgläubigkeit des naiven Malers ausbeuten, bis sie sich im Labyrinth ihrer emotionalen Intrige verfängt. Gilles Lellouche, der in Frankreich vor allem für seine Rollen in Polizeifilmen bekannt ist, beeindruckt mit dem schmierigen Charme eines bourgeoisen Kunsthändlers, um am Ende eine überraschende Verletzlichkeit zu zeigen.

Wenn man die Moderation der Eröffnungsgala durch die französische Schauspielerin Eye Haïdara mit Wurzeln aus Mali hinzunimmt, bei der Peter Jackson („Der Herr der Ringe“) mit einer Goldenen Ehrenpalme ausgezeichnet wurde, scheint Cannes wieder einmal vieles richtig gemacht zu haben.

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