Der tunesische Film "Schatten der Erde"


(Aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. April 1983)

Ein großer Film aus einem Land, das in der Geographie der Filmkultur nicht viel mehr als einen weißen Fleck darstellt. Käme „Schatten der Erde" nicht aus Tunesien, sondern aus einem westeuropäischen Land oder gar aus Amerika, die nachhaltige Aufmerksamkeit der Kritik, mehrwöchige Kinolaufzeiten und ein hervorragender Sendeplatz im Fernsehen wären ihm gewiß. So muß sich Taieb Louhichi, der Regisseur, mit vereinzeltem Lob, gelegentlichen Festivalaufführungen und einem Sendetermin im späten Abendprogramm zufriedengeben.

Ein gemeinschaftliches Hochzeitsfest, mit Tanz und Musik, steht am Anfang; am Ende schwebt ein Sarg zwischen Himmel und Erde, an dem keiner mehr trauern kann. Eine Nomadenfamilie in der Wüste; schwarz die Zeltbahn, unter der der Patriarch seine Tage verbringt, farbig leuchtend nachts das Tuch, hinter dem seine Angehörigen, seine Söhne und Töchter mit ihren Familien, ihre Heimstatt finden. Die Frauen weben prachtvolle Teppiche, die sie um einen Spottpreis einem fahrenden Händler verkaufen; die Männer hüten die Schafe - das ist die Basis ihrer Existenz. Eine rätselhafte Krankheit befällt die Herde, die anfangs so reichlich wirkenden Getreidevorräte schwinden dahin. Einer nach dem anderen verläßt die Großfamilie; nur in der Ferne, in der Stadt, scheint ihnen ihr Auskommen gesichert. Nichts dagegen vermögen die geduldigen Appelle des Patriarchen, der auf die Kraft der Tradition vertraut, die seinen Vorfahren jahrhundertelang das Überleben ermöglicht hat. In langen Erzählungen, in denen sich Familien- und Stammesgeschichte, literarische und religiöse Motive märchenhaft verschlungen haben, beschwört er Abend für Abend diese Tradition herauf. Vergeblich; am Schluß bleibt er, hilflos, mit einem blinden Sohn und einer Schwiegertochter allein.

Ein poetischer Film, auch das; Einsamkeit, die Kargheit der Wüste, Stein und Geröll. blendendes Tageslicht und Dunkel der Nacht wirken daran mit. Aber nirgends gibt er bloß einer Stimmung nach, keine Einstellung bleibt allein ihrer Schönheit wegen stehen. Harte Schnitte, eine schnelle Abblende kappen jeden nur ästhetisch-atmosphärischen Reiz. Die eigentliche „Handlung" ist schmal; der Film lebt von der stummen Dramatik alltäglicher Verrichtungen in einer lebensfeindlichen - und doch heimatlichen, weil schon immer bewohnten Umgebung, von einer ritualen Ordnung des Daseins mehr umhüllt als gefesselt.

Zu dieser intensiven und kraftvollen Schilderung einer schwindenden Lebensform tritt eine überraschend scharfe und präzis gezielte Polemik gegen den modernen Staat; gegen den Zentralismus seiner Ökonomie, gegen seine Bürokratie, sein Militär und seine medialen Kommunikationsstrukturen. Auch hier kennt Taieb Louhichi keine Verschwommenheiten - und scheint mir in diesem Punkt dem einzig vergleichbaren „Padre Padrone" der Brüder Taviani sogar überlegen. 

Dafür nur zwei gedrängte Beispiele. Einer hat aus der Stadt einen Fernsehapparat mitgebracht. Das verdrängt zunächst die abendlichen Erzählungen des Alten, ein (noch und wieder) spürbarer, einschneidender Verlust. Wenn dann in den Nachrichten die Namen „Palästina" und „Iran" fallen, tritt plötzlich der krisenhafte Zustand der arabischen Welt ins Bewußtsein. Was wohl bewirken solche Nachrichten in einem Lebenskreis, in dem alle Voraussetzungen für die Bildung einer öffentlichen Meinung fehlen? Der Film legt nahe, an eine unterschwellige Militarisierung des Bewußtseins zu denken. Bei der freizügigen erotischen Szene eines Spielfilms schließlich empfindet man die ganze Zerbrechlichkeit und Ungeschütztheit des Beziehungsgeflechts, das diese Menschen verbindet; und aufatmend registriert man, daß das Gerät wenig später an den fliegenden Händler wandert.

Das zweite Beispiel betrifft das Militär - den unmittelbarsten Ausdruck des staatlichen Machtanspruchs. Einer der Söhne wird zwangsrekrutiert; bei irgendeinem Gefecht wird er getötet. Sein Sarg ist es, der im Schlußbild auf­taucht. Da ist längst deutlich geworden, daß die Etablierung des Nationalstaats einen ständigen, latenten oder offenen Kriegszustand im Gefolge hat. Die beredte Liebe zu den Menschen und das brisante politische Konzept eines „revolutionären Konservativismus", wie man es nennen könnte, machen diesen tunesischen Film zu einem Ereignis. 

(Zur Ausstrahlung des Films im ZDF, 31.3.1983)