72. Internationale Filmfestspiele Berlin

10.02.2022 bis 20.02.2022
Berlin

Eröffnungsfilm: "Peter von Kant" von François Ozon (© C. Bethuel / FOZ)

"Un año, una noche" (Ein Jahr, eine Nacht) von Isaki Lacuesta hat den Preis der Ökumenischen Jury im Internationalen Wettbewerb der Berlinale 2022 gewonnen. Im Panorama verlieh die Jury ihren Preis an den ukrainischen Film "Klondike" von Maryna Er Gorbach, im Forum an "Geographies of Solitude" von Jacquelyn Mills aus Kanada, der auch den Caligari-Filmpreis und den Preis der CICAE-Jury gewann. Der Goldene Bär ging an "Alcarràs" von Carla Simon (Spanien, Italien 2022), der Große Preis der Jury an "So-seol-ga-ui yeong hwa" (The Novelist's Film) von Hong Sangsoo aus Südkorea und der Preis für die Beste Regie an Claire Denis für "Avec amour et acharnement" (Both Sides of the Blade, Frankreich 2021). Die Fipresci-Jury der Internationalen Filmkritik zeichnete im Wettbewerb "Leonora addio" von Paolo Taviani (Italien 2021) aus, im Panorma "Bettina" von Lutz Pehnert (Deutschland 2022) und "Super Natural" von Jorge Jácome (Portugal 2022) im Forum. Der Preis für den Besten Film in der Sektion Encounters ging an "Mutzenbacher" von Ruth Beckermann (Österreich 2022).

Auch die Berlinale 2022 fand unter coronabedingten Schutzvorkehrungen statt. Für die Festivalveranstaltungen galt die 2G-Plus-Regel und Maskenpflicht (FFP2-Masken), der Zutritt war nur mit vorab online gebuchten Tickets möglich. Der Wettbewerb wurde verkürzt auf die Zeit vom 10.-16. Februar. Die Preisverleihung fand am 16. Februar statt, die restlichen vier Tage des Festivals warten für das nichtprofessionelle Publikum bestimmt. Um das Sichtungsprogramm trotz der verkürzten Wettbewerbsdauer bewältigen zu können, wurde die Ökumenische Jury auf neun Personen erweitert, von denen jeweils drei die verschiedenen Sektionen beobachteten. Eröffnet wurde das Festival mit einem Film von François Ozon, "Peter von Kant", der sich auf den fast gleichlautenden Fassbinder-Film von 1972, "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" bezieht. Insgesamt liefen im Internationalen Wettbewerb 18 Filme.

Link: Homepage des Festivals

Auszeichnungen

One Year, One Night
2021

Un año, una noche thematisiert die seelischen und gesellschaftlichen Folgen des Terroranschlages in der Diskothek Bataclan/Paris 2015. In intensiver Balance von präziser Darstellung der menschlichen Schicksale und hervorragender künstlerischer Intensität in allen Dimensionen von Filmsprache und Schauspielkunst zeigt der Film den lang dauernden Trauerprozess eines jungen Paares (Celine und Ramón) nach dem Anschlag. Der innere Kampf des tragenden Charakters in einem Leben mit dem Tod („Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“, Markus 12,27) ist so intim und intensiv, dass jener erst nach Monaten realisiert werden kann. Von Anbeginn wird Gewalt nicht mit Hass beantwortet, sondern mit Liebe (Matthäus 5,44f). Nach Monaten des Rückzugs wird eine Öffnung des Herzens für lebensvolle Beziehungen wieder möglich. 

2022

Klondike spielt im Sommer 2014 an der russisch-ukrainischen Grenze. Der Film beginnt mit dem Einschlag einer Bombe, welche die Wand des Wohnhauses von Irka und Tolik zerstört.  Die durchbrochene Wand gibt den Blick frei auf die umliegende Landschaft.  Das Dorf wird zum Kriegsschauplatz, und Irka und Tolik werden zu Zeugen des abgeschossenen Passagierflugzeugs MH17.  Der russisch-ukrainische Konflikt zieht einen Riss mitten durch die Familie, da Irkas Bruder Tolik verdächtigt, selbst russischer Separatist zu sein. Die schwangere Irka weigert sich zu fliehen, während Tolik alles tut, um seine Frau und das ungeborene Kind zu beschützen.

Auf eindrucksvolle Weise zeigt Klondike, wie das private Glück durch Krieg und Gewalt aus den Fugen gerät.  Der Film ist herausragend in seiner Inszenierung, konzentriert sich ganz auf seine Figuren, deren Handlungsspielräume durch den Konflikt immer weiter minimiert werden.  Sie agieren wie auf einer Bühne. Dadurch lenkt der Film unseren Blick auf die existenzielle Frage, was wichtiger ist: sich in Sicherheit zu begeben oder an der Heimat festzuhalten, und wo eine Aussicht auf neues Leben besteht. (Foto: © Kedr Film)

2022

Der Film dokumentiert die Arbeit von Zoe Lucas, die ihr Leben dem Sammeln und Archivieren der Flora und Fauna auf Sable Island gewidmet hat, einer kleinen Insel weit vor der Küste von Nova Scotia. Mit bemerkenswerten filmischen Mitteln taucht er in die Tiefenstrukturen des Lebens dort ein und schafft Bilder und Klang von großer Schönheit. Mills zeigt die Natur auf dieser entlegenen Insel als einen Ort der Stille und des fortwährenden Werdens und Vergehens des Lebens. Die Entdeckung, dass Lucas im Zuge ihrer Arbeit die gewaltigen Mengen Plastikmülls im Nordatlantik dokumentiert, ist ein Schockmoment für die Filmemacherin und das Publikum und erzeugt so ein Bewusstsein für dieses dramatische ökologische Problem. (Foto: © Jacquelyn Mills)