Kinderwelten, Schwellenängste, Identitätsprobleme

Bericht zum Kinder- und Jugendfilmwettbewerb der 70. Oberhausener Kurzfilmtage. Von Theresia Merz


35 Kurzfilme standen auf dem vielfältigen Programm des diesjährigen Kinder- und Jugendwettbewerbs und versuchten, mit verschiedenen Themen, Filmtechniken und Genres das Interesse der jungen ZuschauerInnen zu wecken.

Die Suche nach dem eigenen Platz in Familie und Welt, nach der persönlichen Identität zog sich durch Filme fast aller Altersgruppen, ebenso wie die Frage nach Trauer und dem Umgang mit Verlust und Tod. Thematisiert wurde auch die Bedrohung der Natur, die Erkundung des näheren und weiteren Lebensumfeldes der ProtagonistInnen, die Verarbeitung von Flucht und das Finden eines Zuhauses in einer neuen fremden Welt.

In ganz besonderer Art und Weise setzt sich der mit einer Lobenden Erwähnung der Jugendjury bedachte Animationsfilm BOATPEOPLE (Thao Lam, Kjell Boersma, Kanada 2023; 16+) mit der Flucht einer Familie aus Vietnam auseinander, die auch auf den eigenen Erfahrungen der Co-Regisseurin Thao Lam beruht. In aufwendigen Animationen wird die Familiengeschichte mit der Jahrmillionen dauernden Überlebensgeschichte von Ameisen verknüpft. So kann die Familie einen neuen Zufluchtsort finden, aber der Verlust der Großmutter in Vietnam und die traumatischen Fluchterlebnisse prägen ihr Leben in Kanada.

Einen Einblick in das aussichtslose Leben Jugendlicher in Havanna gibt der Film FUTURO (Amanda Cots Martínez, Ángel Suárez Ávila, Kuba, Spanien 2024; 16+). Zukunft gibt es an diesem Ort ebenso wenig für Adrian und Daniel wie für die große Gebäuderuine, die ihr Treffpunkt ist und zugleich wohl auch ihre Situation widerspiegelt. Von der Freiheit, die das nahe, rauschende Meer verspricht können sie vielleicht etwas bei einem Sprung ins Wasser ahnen, sonst muss Daniel das Land, dem er sich sehr verbunden fühlt, verlassen, um irgendwelche Zukunftsaussichten zu haben. Die in warme Farben getauchten Filmbilder unterstreichen, dass er sich an diesem Ort wohlfühlt und etwas verliert, um vielleicht anderswo eine Aussicht auf Zukunft zu finden.


Zwei Filme thematisieren die Rolle von Mädchen/jungen Frauen im Iran. KODAM KHANE, KODAM DOUST (There is No Friend´s House, Abbas Taheri, Iran, Frankreich 2023; 16+) und RIZOO (Azadeh Navai, Iran, USA 2023; 8+). Letztere ist eine gewitzte Achtjährige, die mit Mutter und Großmutter aus den USA wieder nach Teheran kommt. In der Schule als Außenseiterin betrachtet, berichtet sie in einem Schulaufsatz mit kindlich-umwerfender Ehrlichkeit über das nicht religiös geprägte Leben ihrer Familie, immer wieder unterbrochen von der sie „korrigierenden“ Lehrerin, deren Stimme man hört, die aber nie als ganze Person gezeigt wird. Rizoo lernt schnell und „verbessert“ selbst ihre Ausführungen. Doch sie steht zu sich, als sie ein Foto für die Schule machen muss und entscheidet sich nach längerer Diskussion mit dem Fotografen für Fotos ohne traditionelle Kopfbedeckung.

Über “There is No Friend´s Home “ berichtete der Regisseur Abbas Taheri, dass er zunächst ein Fake-Script verfasst habe, um dann den Film zu drehen, den er wirklich machen wollte. Zwei Freundinnen schmuggeln Alkohol in ihre Schule und betrinken sich. Lehrerin und Direktorin wollen den Vorfall zunächst vertuschen, aber irgendjemand hat schon Mehris Vater, einen Regierungsbeamten, informiert und er kommt, um seine Tochter zu verhören. Er zwingt seine Tochter, auch unter falschen Versprechungen, die Freundin zu beschuldigen, obwohl Mehri den Whisky aus seinem (!) Vorrat mitgebracht hat. Am Schluss steht Mehri nicht nur bildlich im Regen und hat nicht nur ihre Freundin, sondern auch ihre Integrität verloren.


Mit dem realen Verlust einer Freundin „spielt“ das von der Jugendjury ausgezeichnete Musikvideo BEYOND FAREWELL (Shijie Xing, USA 2024; 14+). Sam versucht den Tod ihrer Freundin Joy durch Arbeit zu kompensieren, was ihr nicht gelingt. Erst als es ihr – als KI-Ingenieurin – glückt, mithilfe ein AR-Brille ihre Freundin wieder zu treffen, kann sie Joy gehen lassen.

Zwei erwähnenswerte Beiträge der 14+ Sektion waren SILHOUETTE (Alexis Lafuente, Marc Forest, Antoni Nicolai, Elliot Dreuille, Baptiste Gueusquin, Chloé Stritcher, Frankreich 2023), die animierte Geschichte von Claire, die entgegen ihres Namens sich nicht als leuchtend und hell empfindet, sondern das Gefühl hat, im Grau der Großstadt körperlich zu verschwinden und übersehen zu werden. Erst der kurze Kontakt mit ihrer farbenfroh gekleideten Nachbarin gibt ihr den Anstoß, sich selbst anders zu empfinden und gemeinsam auch die Buntheit des Lebens zu sehen. AU 8ÉME JOUR (Agathe Sénéchal, Alicia Massez, Elise Debruyne, Flavie Carin, Théo Duhautois, Frankreich 2023) beschreibt in bunten Bildern, mit z.T. in Stop-Motion gedrehten farbigen Tierpuppen, die 7 Schöpfungstage. Alles wird dann bedroht und oder vernichtet durch sich überall hin windende schwarze Fäden, die Lebewesen verlieren so ihren Halt und Lebensraum. Ein düsterer Ausblick auf die immer schwärzer werdende Welt ohne einen Hoffnungsschimmer.


Der Film über die mit überbordender Fantasie begabte IRIS (Jon Vatne, Norwegen 2024; 10+) errang den Preis der ECFA-Jury. Nach einer Auseinandersetzung mit ihrer Mutter begibt sich Iris nach draußen und trifft dort den kleinen Theo, der sich ihr sofort anschließt und kein Problem mit ihren fantastischen Geschichten hat. In einer Art Roadmovie, Theo bewegt sich auf seinem Laufrad voran, erleben sie einen Polizeieinsatz, bei dem ein Dealer seine Tasche mit Geld und Drogen wegwirft: Realität übertrifft (?) Fantasie. Iris zeigt sofort ihre praktischen Fähigkeiten: Vom gefundenen Geld wird eine große Portion Eis gekauft, die die beiden genießen. Dass Iris auch ein sehr empathisches Kind sein kann, zeigt sich, als sie das restliche Geld per Flaschenpost an Kinder in Syrien schicken will, auch gelingt es ihr, Theo zu beruhigen, als dieser beginnt, nach den Eltern zu fragen und auch fast ins Wasser fällt. Der Film schafft es, die Umgebung der Kinder einzig aus deren Perspektive zu sehen, und als Theo schließlich wieder von seinem Vater entdeckt wird und Iris sich auf den Heimweg macht, begegnet nicht nur ihr ein Einhorn, auch ihre Mutter ist sich nicht sicher, ob ihr die Fantasie einen Streich spielt, oder ob Iris manchmal doch Recht hat.

Eine Lobende Erwähnung der Kinderjury wurde dem ebenfalls im Programm 10+ gezeigten Film BROUILLARTA (Ingvild Søderlind, Norwegen 2023) zugesprochen. Ein etwas ängstlicher Zehnjähriger aus Norwegen verbringt die Sommerferien allein bei seinen französischen-baskischen Großeltern in einem abgeschiedenen Dorf. Mit seinen Cousinen verschiedenen Alters erkundet er die Umgebung. Immer sind sie ihm einen kleinen Schritt voraus, etwa in puncto Mut und im Wissen um die dörflichen Gepflogenheiten. Auch die immer wieder erwähnte, ihm unbekannte Brouillarta versetzt ihn in Ungewissheit, werden ihr doch von den Mädchen magisch-mystische Ereignisse zugeschrieben. Schließlich ist Elliot auf sich selbst gestellt unterwegs, wird von anderen als der „Fremde“ erkannt. Als er dann bei seinem Herumstreifen die Zeit übersieht und sich plötzlich in völliger Finsternis wieder findet, sind es seine Cousinen, die ihm helfen und viel „Rätselhaftgrusliges“ aufklären, denn die Brouillarta ist „nur“ der Wind, der in dieser Gegend oft weht und z.B. Türen quietschen und zuschlagen lässt. Nun ist Elliot im Ort seiner Großeltern wirklich angekommen.

Im Film I COME FROM THE SEA (Feyrouz Serhal, Libanon 2023) erleben wir drei Kinder in Tripolis, die, statt in die Schule zu gehen, sich einen Tag lang durch die Stadt treiben lassen, bis sie zum Meer gelangen. Samar fürchtet sich vor ihrer Arabischprüfung, für die die Kinder ein Gedicht lernen mussten, und überredet ihre Freunde Jude und Imad, mit ihr durch die Stadt zu bummeln. Freundlich helfen sie einem Bananenverkäufer, gelangen in den Basar, verlassen ihn statt in der eintönigen Schuluniformen in neuer Kleidung, deren Farben gelb, rot und blau dann in verschiedenen Szenen wieder aufgenommen werden. Weiter erleben sie die Magie eines Tages, an dem sie sich dem Alltag entzogen haben, etwa wenn sie in einem alten Taxi über das Wasser gleiten und das Wasser um sie herum wie in einem Film wahrnehmen. Sie sitzen in einem Boot, werden dort mit Essen versorgt. Ihre märchenhaft anmutende Reise endet schließlich am Meer mit einem Bad. Ein Bild von endlosem Strand und Meer, sie beobachten den Himmel und rezitieren schließlich gemeinsam einen Text über Wasser und Meer. Sie haben nicht nur die Unendlichkeit des Meeres entdeckt, sondern auch die reichen Farben eines märchenhaften Tages, die ihren Alltag bunt gemacht haben.


Aus dem Wettbewerb des Programms 8+ stammt der Gewinner des Förderpreises der Kinderjury: MY SCHOOL (Keitaro Oshima, Japan 2023). Die Kinder einer japanischen Grundschule haben ihren Schulalltag in verschiedenen Zeichnungen dargestellt. Diese wurden mit verschiedenen Animationstechniken und Realfilmaufnahmen vor allem des Schulgebäudes zu einem Film verwoben. Hinter animierten Bildern erscheinen plötzlich die realen SchülerInnen, z.B. im Musikunterricht. Der Film zeigt ein sehr fröhliches buntes Bild von Schule. Der Kinderjury hat es auch gefallen, dass Kinder aktiv an diesem Film beteiligt waren.

Mit einer einfachen, aber gerade deshalb wirksamen Animation begleitet CRAB DAY (Ross Stringer, Großbritannien 2023) einen Jungen auf dem Weg, ein Mann zu werden. Er bekommt vom Vater, der wie alle Männer in dieser Animation einheitlich durch eine sehr eckige Form bestimmt ist, eine kleine, runde Krabbe. Sie kommen in eine Art Fabrik, in der andere Jungen wie am Fließband mit einem Messer jeweils ihre Krabbe zerteilen müssen, um dann sich dann sofort in die uniforme Reihe der Männer einzureihen, das alles begleitet von einem eher martialischen Sound. Unser Protagonist steht plötzlich ohne Krabbe da und kann das Ritual nicht vollziehen, bleibt der kleine Junge. Zu Hause angekommen, holt er die kleine Krabbe aus seinem Hut hervor und versteckt sie unter seinem Bett, wo sie über Nacht zu einer Riesenkrabbe wird, die er dann am Morgen vor seinem Vater im Kleiderschrank versteckt. Der Vater hat ohnehin keine Augen für das, was um ihn herum ist, sondern will mit dem Sohn eine neue Krabbe fangen. Inzwischen verlässt die Riesenkrabbe ihr Versteck, und sofort versuchen die Männer, sie mit kriegerischem Geschrei gefangen zu nehmen. Der Protagonist schlägt dann mit seinem kleinen Messer auf die große Krabbe und sofort verändert er sich in eine individuelle, neue Figur, schlanker und beweglicher als alle anderen Männer. In nachdenklicher Haltung sitzt er dann auf der Krabbe, die ihm applaudiert. Und auch der Vater nickt zustimmend zur besonderen Verwandlung seines Sohnes, der nun auf dem Rücken der Krabbe in seine ganz individuelle Lebensreise startet.

In derselben Alterssparte gab es auch den Animationsfilm ALL IS NOT LOST (Daniel Greaves, Ruth Beni, Großbritannien 2023) zu sehen, eine gelungene Mischung aus Stop-Motion und gezeichneter Animation. Nach einer Explosion finden sich alle möglichen Körperteile, Muscheln, Felsstücke und anderes in einer Höhle wieder. Sie formieren sich zu neuen Lebewesen. Aus Steinen bildet sich ein großes, aber sehr hilfsbereites Wesen, das ein wenig an die Steinbeißer aus der Verfilmung der Unendlichen Geschichte erinnert. Eine Art Vater- und/oder Gottfigur, der neue Wesen schaffen kann oder andere verschönert und verbessert. Gemeinsam gehen sie durch ein unterirdisches Labyrinth, lernen miteinander zu kommunizieren, erfinden Musik, indem sie ihre eigenen Körper als Instrumente gebrauchen, entdecken das Feuer. Daneben gibt es eine „böse“ Figur mit rotem Schnabel, die hinterlistig und zerstörerisch agiert, ein Diabolos, der das sich neuformierende Leben durcheinanderwirbelt. Ihm fällt schließlich auch das Steinwesen zum Opfer und zerspringt, die anderen entwickeln ein Trauerritual mit Musik. Während sie sich allein auf den weiteren Weg begeben, kommt wieder Leben in die sich neu zusammenfügende Steinfigur. Ob das Licht, das schließlich von Ferne in die Höhlenwelt dringt, die Figuren herausführen wird?


FRITE SANS MAILLOT (Matteo Salanave Piazza, Frankreich 2023; 6+), der Siegerfilm der Kinderjury, erzählt die lustige Geschichte von Anthony, der seine Badehose beim Schwimmunterricht vergessen hat und deshalb in seiner Unterhose kommt. Mit wenigen veränderten Strichen im Gesicht von Anthony schafft es dieser Animationsfilm, die jeweilige Gemütslage des Jungen zu treffen. Vom Lehrer ermutigt, traut er sich sogar in die große Wasserrutsche, wirbelt übermütig herum und verliert auch noch seine Unterhose. Von seinem neuen Selbstbewusstsein jedoch beflügelt, tollt er im Wasser umher. Diesen Film mit vielen, vielen Kindern in der Lichtburg zu sehen, war ein besonderes Erlebnis, denn die Begeisterung der kleinen ZuschauerInnen für Anthony und sein Problem war groß.

Eine ernstere Geschichte für diese Altersgruppe zeigte der Animationsfilm MÛ (Deutschland 2023), den Malin Neumann, wie sie erzählte, in über drei Jahren in zarten Farben zeichnete. Wasserknappheit bedroht das Leben und ein Kind versucht, mit Unterstützung eines Riesenotters Wasser zu finden. Nach einem langen gemeinsamen Weg muss das Kind das letzte, gefährliche Stück bin zum Gipfel eines mit Schnee bedeckten Berges allein bewältigen. Mit seinem großen Muschelhut voller Schnee macht es sich auf den Rückweg und merkt nicht, dass der zu Wasser geschmolzene Schnee unterwegs verloren geht. Zurück bei der wasserspendenden Skulptur einer Gottheit inmitten verdorrter Pflanzen steht es mit leeren Händen da und hat nur noch die eigenen Tränen. Doch diese rühren die Gottheit so sehr, dass auch sie weint, und die Umgebung unter diesen Tränenströmen wieder zu grünen beginnt. Malin Neumann nannte Nammu, die sumerische Göttin des Urmeeres, als entscheidend für ihren Film. Um die Einsamkeit des Kindes auf dessen Weg zu unterstreichen, wird eine zart gespielte Gitarre als einziges Soundinstrument verwendet.

Im Programm 12+ beeindruckte die Dokumentation ENTRE LES AUTRES (Marie Falys, Belgien 2023), der es gelingt, sich der Protagonistin Adèle in verschiedenen Situationen so einfühlsam zu nähern, dass sie doch ihre eigene Intimität wahren kann. In ihrer Familie, beim Skateboard fahren, in alten Familienfilmen – überall blitzt etwas von ihrer Person auf, zeigt sich eine neue Facette. Sie selbst hat sich in sich zurückgezogen, weiß weder wer sie ist noch wer sie sein will. In einem fast zärtlichen Umgang zeigt die Kamera eine verunsicherte junge Frau, die in ihrer Familie Halt findet, ihre Zweifel und Ängste, die Unzufriedenheit mit ihrem Körper ausdrücken kann.


Auf eine andere Art schildert SMERTETERSKEL (Warrior Heart, Marianne Ulrichsen, Norwegen 2024) die Suche von Vilja nach ihrer Identität und ihrem Platz im Leben. Zu Hause allein mit einem depressiven Vater, während die Mutter sich gerade eine neue Beziehung aufbaut, weiß Vilja nur, dass sie nicht werden will wie ihre Mutter. Sie gibt sich als coole Ringerin, stößt aber auch hier in ihrem Kampf an ihre Grenzen, da sie Angst vor Schmerzen hat und schnell aufgibt. Verbissen trainiert sie allein mit einer Ringerpuppe. Ausgerechnet Thea, die Tochter des neuen Freundes ihrer Mutter und ebenfalls Ringerin, gibt ihr den entscheidenden Impuls zu sich selbst zu finden. Als sie beim Ringen ihre Angst vor Schmerz überwindet, kann sie siegen – und auch damit vertraut werden, dass zu ihrem Leben und Erwachsenwerden auch Rückschläge und Schmerzen gehören.