Geschichten um lebensfördernde Bilder

Eindrücke vom 40. Internationalen Filmfestival in Karlovy Vary

Ein Filmfestival ist ein Fest mit Bildern und Geschichten. Das Abtauchen in diese Bildergeschichten wird von den Betrachtern zuweilen als ein berauschendes Hochgefühl erlebt. Filmpreise und Festivalberichte sind Versuche, diese Verstörungen wieder in den Griff zu bekommen und den Glücksrausch an einzelnen herausragenden Leistungen festzumachen. Nach dieser rettenden Konvention soll auch hier verfahren werden. 
 
Der Film My Nikifor des polnischen Regisseurs Krzysztof Krauze hat die offizielle internationale Jury derart überzeugt, dass sie diesem Kleinod gleich drei Preise verlieh. Der Film gewann sowohl den Hauptpreis als auch jenen für die beste Regie. Zudem wurde die über 80-jährige polnische Schauspielerin Krystyna Feldmann für die Titelrolle ausgezeichnet. Sie spielt den auf den ersten Blick kauzigen und wegen seiner Behinderungen wenig lebenstüchtigen Nikifor mit einer Verve. Sie lässt die Kraft der inneren Bilder des naiven polnischen Malers Epifan Drowniak wieder lebendig werden, der in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts entdeckt und gefeiert worden war. Die Abgründe dieses Genies werden durch einen erzählerischen Trick nachvollziehbar: Nikifor wird nämlich durch einen anderen Maler, Marian  Wlosinski, gefördert, der es in seiner Karriere als regimetreuer Bildproduzent ordentlich weit gebracht hat. Die Begegnung mit der Bildkraft des Naiven stürzt den Mittelmässigen allerdings in eine Krise. Wlosinski gibt seine eigene Malerei auf und opfert in der Hingabe für den allerdings wenig dankbaren Malerkollegen auch seine Familie.
 
Wie gefährlich Reality-TV sein kann, ist im Kino immer wieder beschworen worden. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist etwa Peter Weirs The Truman Show (1998), der eindrücklich zeigt, wie tödlich die mediale Zurschaustellung eines persönlichen Lebenswegs sein kann. Peter Weirs Kritik an der Mediengesellschaft ist allerdings insofern altmodisch, als die Fäden der Truman Show bei einem Produzenten zusammen laufen, der als Demiurg von einer zentralen Position aus die Zuschauergesellschaft manipuliert. Sendeformate wie Big Brother haben die Kritik des Kinofilms The Truman Show erfolgreich unterlaufen, indem sie das Publikum auf eine viel komplexere Art an dem Experiment um Anerkennung durch Medienaufmerksamkeit mitspielen lässt.
 
Anders als Weirs etwas pathetische Kritik trifft der japanische Regisseur Sion Sono mit seinem Film Noriko’s Dinner Table das Niveau des dezentralen Sendeformats Big Brother genauer. Der kleine schmutzige Film geht aus von einer japanischen Familie, deren Töchter über das Medium Chatroom Zugang zu einer sektenhaften Jugendbewegung gewinnen, die sich missionarisch für Selbstbewusstsein und Glück einsetzt. Sie bietet frustrierten Zeitgenossen kleine Installationen an, in denen diese sich ihre Wünsche erfüllen können. Vornehmlich ältere, allein gelassene Menschen katapultieren sich mit diesen Installationen in glückliche Familienszenen. Die eben noch unsicheren Töchter übernehmen bei diesen Inszenierungen von Glück im Alltagsleben aktive Rollen.
 
Wie schwierig die Abnabelung aus diesem dezentralen Programm der Selbstbeglückung sein kann, erfährt der Vater, der seine Töchter für die banale Realität der Familie zurückgewinnen will. Sonos Film nimmt dabei nicht Stellung für eine seiner Figuren, sondern erzählt deren Geschichten in verschränkten Perspektiven. Die Story lässt offen, ob es für die Figuren ein Entkommen aus diesem Programm der Selbsterlösung gibt. Mit spezifisch ästhetischen Mitteln kritisiert Sono die symbolische Gewalt der manipulativen Beglückung. Die International Federation of Film Societies zeichnete den Film vor allem wegen der experimentellen Qualität seiner Medienkritik aus.
 
Der iranische Beitrag Portrait of a Lady Faraway von Ali Mosaffa nimmt das Bilderverbot der muslimischen Religion auf originelle Weise ernst. Die titelgebende Lady Faraway bleibt nämlich für die Hauptfigur Ahmad Salavati eigenartig gesichtslos und uneindeutig. Der in die Jahre gekommene Architekt wirkt müde und die Wirklichkeit scheint ihm zwischen den Fingern zu zerrinnen. In seiner Melancholie scheint er immer zu spät zu kommen. Und selbst die Reise durch das nächtliche Teheran, zu der er mit einer Frau aufbricht, die ihn kurz vor ihrem geplanten Selbstmord anruft und seine Telefonnummer gewürfelt haben will, gerät zu einem Vexierspiel zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Wahrheit und Lüge.
 
Mosaffa wird man sich als Regisseur merken müssen. Jenseits der Schablonen „fundamentalistisch und westlich“ sucht er die Umrisse der entschwundenen Lady Faraway bzw. seine Seele im Osten bzw. in Afghanistan, kinematographisch knüpft er aber an Muster der europäischen Moderne an. So erinnert der Film in seiner melancholischen Stimmung an Angelopoulos’ Bienenzüchter, in den Motiven der nächtlichen Irrfahrt und der Lügengeschichten an Kieslowskis Dekalog: Drei sowie in der geheimnisvollen und enigmatischen Struktur an Tarkovskijs transzendentalen Stil. Dieses wegweisende Werk blieb bei den Jurys ohne Anerkennung, schienen sie doch der ambitionierten Ästhetik (noch) nicht ganz zu trauen.
 
Gleich zwei Preise, nämlich den der FIPRESCI sowie jenen der ökumenischen Jury, erhielt der Däne Henrik Ruben Genz für seinen Film Chinaman. Das rührende Werk zeichnet sich aus durch eine lakonische Erzählweise und einen treffeden Bildwitz. Keld, ein wortkarger Klempner, wird nach 25-jähriger Ehe von seiner Frau verlassen. Und so verpflegt er sich nun einmal die Woche im nahen chinesischen Take away. Dabei lernt er dessen Besitzer und seine Familie kennen. Der tumbe Tor hilft bei Klempnerarbeiten und bietet Hand, die Schwester seines chinesischen Freundes zu heiraten. Für beide Partner bedeutet der Eheschluss einen praktischen Gewinn: Sie muss als Frau eines Einheimischen das Land nicht verlassen und er kann mit dem verabredeten Geld die Kosten der Scheidung bezahlen. Nach diesem Deal zieht die chinesische Frau in Kelds mittlerweile leere Wohnung ein. Über Gesten und Zuwendungen wächst eine fast stumme Verständigung zwischen den beiden Personen aus unterschiedlichen Kulturen. Die vorgetäuschte Zweckehe wandelt sich zu einem Ort des gegenseitigen Respekts, ja der Liebe. Doch noch bevor das kluge Märchen ins melodramatische happy end abdriftet, stirbt eine der Hauptfiguren an ihrem zu grossen Herz. Und so endet der Film augenzwinkernd mit Bildern von einer utopischen Liebe, die alle Grenzen, auch die der Kulturen und des Todes, überwindet.
 
What a Wonderful Place ist der Titel des israelischen Beitrages von Eyal Halfon. Der Ausspruch stammt von einer thailändischen Prinzessin, die als Lichtgestalt erst in der letzten Einstellung auftaucht. In dem kleinen hässlichen Film über Dirnen, Zuhälter, Spieler und korrupte Polizisten wirkt der Auftritt der Prinzessin wie eine Farce. Und doch gehört es als Lichtblick zur Welt dieser gestrandeten Figuren, die sich im Kampf ums Überleben aneinander abstrampeln und sich gegenseitig verletzen. Denn trotz der Ausweglosigkeit der Geschichten scheint Rettung möglich, solange die kleinen Helden und Heldinnen selbst an einen Rest von Hoffnung und Würde zu glauben vermögen. In seiner menschenfreundlichen Art, die Dinge zu sehen, lässt Halfons Tragikomödie die schon fast absurde und verzweifelte Hoffnung der Figuren spürbar werden. Das Porträt der verlorenen Figuren verdichtet sich zur Parabel über die Erlösungsbedürftigkeit menschlicher Existenz. Die offizielle Jury bedachte den Film mit ihrem Spezialpreis und mit einer Auszeichnung für den Schauspieler Uri Gavriel.