4. Europäischer John Templeton Filmpreis 2000

Laudatio und Predigt zur Preisverleihung

© Lotus Film

"Nordrand" von Barbara Albert (Österreich, Deutschland, Schweiz 1999) hat den 4. Europäischen John Templeton Filmpreis gewonnen. Die Preisverleihung fand am 11. Februar 2001 während der Berlinale in der Matthäuskirche auf dem Kulturforum im Rahmen eines Gottesdienstes statt. Der Preis ist mit 7.000 CHF dotiert, gestiftet von der John Templeton Foundation. Die Mitglieder der Jury für den Preis waren Robin Gurney, Hans Hodel und Karsten Visarius.

 

Laudatio

Die Suche nach tragfähigen Beziehungen trotz aller Demütigungen und die Sehnsucht nach einer menschlichen Zuflucht jenseits kultureller und politischer Barrieren stehen im Zentrum des Films, der mit dem Europäischen Templeton-Filmpreis 2000 ausgezeichnet wurde.

NORDRAND erzählt von zwei jungen Frauen in Wien, die sich nach der Schule aus den Augen verloren haben und in einer Abtreibungsklinik wiederbegegnen. Die naive Jasmin, die bei ihren Eltern in desolaten Verhältnissen lebt, läßt sich von Männern sexuell ausbeuten. Die serbischstämmige Krankenschwester Tamara bangt um ihre Familie, die nach Sarajewo zurückgekehrt ist. Die Begegnung Jasmins mit dem kroatischen Kriegsflüchtling Senad, der sie einmal vor dem Erfrieren rettet, verstreicht ebenso wie die zärtliche Liebesnacht Tamaras mit dem unternehmungslustigen Rumänen Valentin. Nur in der Silvesternacht 1995 erleben die beiden Paare auf dem Platz vor dem Stephansdom einen gemeinsamen Moment utopischer Euphorie.

Über die Brüchigkeit der individuellen Biographien, die Fragmentierung der sozialen Milieus, moralische Indifferenz und psychische Beschädigungen hinweg folgt der Film einer Suchbewegung, die von dem Wunsch nach Zuwendung und Vertrauen, Verständnis und Nähe angetrieben wird. Durch seine offene Dramaturgie beteiligt er den Zuschauer an diesen Impulsen, ohne ihm die Illusion einer politischen Lösung oder einer individuellen Glückserfüllung vorzugaukeln.

Link: FILM DES MONATS September 2000: "Nordrand"

 

Predigt zur Preisverleihung im hORA-Gottesdienst

von Hans Werner Dannowski, Hannover
am Sonntag Septuagesimae, 11. Februar 2001
in der St. Matthäuskirche Berlin-Tiergarten
während der 51. Internationalen Filmfestspiele Berlin

 

„Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen,
der hiess Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir. Und er stand auf und folgt ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch sass im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner
und Sünder und sassen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern:
Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht,
sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heisst:
‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer’.
Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
Matthäus 9, 9-13

 

Liebe Gemeinde!


Jesu ganzes Leben, seine eindringliche Botschaft im Namen Gottes, sein Leben und Sterben und Auferstehen ist eine einzige Geschichte, ist ein einhelliges Zeugnis wider das Vergessen. „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“. Dem einseitig moralischen Verständnis von Sünde sollte man, wenn es um die Person Jesu und um unser Verständnis des christlichen Glaubens geht, endgültig den Abschied geben. Natürlich spielen die Verstösse gegen das Gesetz Gottes, gegen das, was den Menschen gut tut, überall ihre wichtige Rolle. Aber ob der Hochmut und die Selbstgerechtigkeit und die Menschen-verachtung der sogenannten Starken damals wie heute eine kleinere Sünde sei als die Betrügereien, die die  Zöllner und die Taschendiebe praktizierten und praktizieren: Das steht wirklich noch dahin. Nein, die Zuwendung Jesu, sein Angebot von Gemeinschaft, seine Anrede gilt – im Namen Gottes – den Übersehenen und denen, die verloren zu gehen drohen. Das Leben und Handeln Jesu ist eine Botschaft, ist ein Wort gegen das Vergessen. Und seine Berufung von Jüngern, wie hier die des Matthäus, des Zöllners, eben des Sünders, ist der Auftrag, aus einem Vergessenen und Verachteten zu einem Suchenenden auf der Spur von Verlorenen und Vergessenen zu werden.

Ein „Vergessener“ ist irgendwo, wo ihn keiner vermutet, wo ihn keiner sieht. Vergessen ist etwa der, den keiner vermisst, wenn er stirbt. Vergessen ist einer, dessen Schicksal in den Richtlinien der Ämter nicht vorkommt. Verloren und vergessen ist einer und eine, die nicht erklären kann, was ihr fehlt und warum sie und er mit dem Leben nicht zurechtkommt. So kann man ihr und ihm nicht helfen. Man überlässt ihn oder sie der Gerechtigkeit oder sich selbst, was auf dasselbe  hinausläuft. Verloren und vergessen ist einer, der eine Schuld verschweigen muss. Dem keiner und keine zuhört, wenn sie oder er sich etwas vom Herzen reden möchte. Diese Wortlosigkeit des Einanderumbringens. Da kämpft ein Mensch gegen sich selbst und gegen das Schicksal an einem Ort, an dem keiner ihn wahrnimmt und keiner ihm helfen kann.

Das war damals, liebe Gemeinde, zur Zeit Jesu so, und das ist heute um keinen Deut anders geworden. Ja, die Aufspaltung einer Gesellschaft in die Starken und in die Schwachen. „Und man sieht nur, die im Licht sind, die im Dunkeln sieht man nicht“. Da wird sich die Mehrheit einer Gesellschaft, oder auch nur eine tonangebende Minderheit, sehr schnell einig, dass die und die es sich selbst zuzuschreiben haben, dass es ihnen so geht, wie es ihnen eben geht.

Vielleicht nur, weil sie aus einem fremden Land und einer fremden Kultur, aus einer Situation ohne Zukunftschancen in unser Land gekommen sind. Das Recht zum Übersehen und zum Vergessen – wenn nicht sogar das recht zu Schlimmerem – wird zum Ferment einer Gesellschaft, die auf sich hält. Und da ist, damals jedenfalls, ein Mann wie Jesus in diese Welt gekommen, der diese Massstäbe einer scheinbar wohlgeordneten, weil scheinbar moralischen Gesellschaft gründlich durcheinander bringt. „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken“. Wo sind hier die Guten, wo die Bösen, und wer gehört dazu? „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten“. Der Vorrang der Verlorenen und der Vergessenen vor allen anderen, das ist das Programm seines Lebens. Und er hat uns, die wir uns – vielleicht nur ganz zögernd, ganz verborgen – Christen nennen, zumindest als nicht zu überhörende Frage diese Unruhe hinterlassen: Wie es eigentlich bei uns mit dem Übersehen, dem Verdrängen, dem Vergessen steht?

Und da verleihen wir heute, in diesem Gottesdienst in der Matthäuskirche, den diesjährigen Templeton-Filmpreis an den Film „Nordrand“ von Barbara Albert. Dieser Film ist nach meinem Eindruck und offenbar auch nach dem Eindruck der Jury, die ihn aus der ganzen europäischen Produktion des vergangenen Jahres ausgewählt hat, ein eindrucksvolles und eindringliches Zeugnis gegen das Vergessen. Vielleicht ist das Filmen überhaupt, jedenfalls wenn es unter solchen Prämissen wie hier geschieht, eine einzige ebenso anstrengende wie aufregende Arbeit gegen das Übersehen, gegen das Verdrängen und Vergessen. Dort am „Nordrand“ von Wien, da leben keine Leute, die in den Zeitungen stehen. Der eine oder andere kommt vielleicht einmal hinein, wenn er etwas verbrochen hat. Die Normalität der kleinen Leute ist da zu Hause. Da ist die hübsche, schwarzhaarige Tamara aufgewachsen, deren Familie nach Sarajewo zurückgekehrt ist und die einen wichtigen Halt für ihr Leben darin hat, dass sie – oft genug unterbrochene – Telefongespräche mit Eltern und Bruder führen kann. Der Tod des Bruders in Serbien trifft sie wie ein Keulenschlag. Und da, am Nordrand von Wien, lebt die blonde, pummelige Jasmin, noch immer zu Hause in ihrer vielköpfigen Familie. Mit ihrer Mutter, die stumm vor sich hinleidet und dem Vater, der die jüngste Tochter sexuell missbraucht und die älteste, eben Jasmin, brutal zusammenschlägt. Was sie nicht daran hindert, von einer eigenen Familie mit ebenso vielen Kindern zu träumen, wie sie Geschwister hat. Mit jedem Mann, der ein bisschen nett zu ihr ist, geht sie ins Bett. Und da sind die Bilder des so schnell vergessenen Krieges, die Bomben auf Sarajewo, die Bilder der Hinrichtungen und der zerschossenen Stadt. Bilder, die man eben nicht so schnell vergessen kann, wenn sie ein Teil der Lebenswirklichkeit  der Menschen sind, zumindest einiger derer, die am Nordrand dieser grossen Stadt leben.

In einer Abtreibungsklinik sehen sich Tamara und Jasmin wieder. Sie sind zusammen zur Schule gegangen und haben als Kinder die Drachen in die Winde ihrer Zukunft steigen lassen. Jetzt nun: Die langsamen Annäherungen, die Abstossungen, das wachsende Verständnis auch für die  Verschiedenartigkeit der beiden jungen Frauen. Das nächste Kind wird Jasmin zur Welt bringen, da Tamara versprochen hat, sie zu unterstützen. Und, fast am Ende des Films, fragt der neue Freund von Tamara, Valentin, der ein Rumäne ist und der zu seinem Traumziel Amerika hinstrebt: „Wirst du mich vergessen?“ „ich glaube nicht“, erwidert Tamara ohne langes Überlegen.. „Und du?“ „Ich glaube auch nicht“, sagt Valentin einfach. Und dann gehen sie alle in verschiedenen Richtungen auseinander. Tamara fährt ihre Eltern in der zerstörten Stadt besuchen, und Valentin ist in Amerika unterwegs. Sinnende, nachdenkende, erinnernde Gesichter überall. Trotz der Bewegung scheint Ruhe eingekehrt. Die Zukunft ist nicht sicher, aber offen. Wege sind da, die nicht wieder in das totale Vergessen führen.

Ja, liebe Gemeinde, die Bilder und die Worte und die Blicke wider das Vergessen. So laufen die Geschichten, die der Bibel, und die Geschichten, die der Film erzählt, aufeinander zu. Einen letzten Schritt, der diese beiden Geschichten noch einmal enger zusammenschliesst, lassen Sie uns noch miteinander in Gedanken gehen. Wie kommt es eigentlich, dass die wirkliche Begegnung zwischen Menschen, dass die Aufhebung des Vergessens, die die Geschichte Jesu kennzeichnet und die der Film beschreibt, die Zukunft nicht schert, aber doch öffnet? Dass der Blick, der auf die bisher Vergessenen fällt, auf ihnen ruht, nicht nur die Übersehenen, sondern auch mich selbst befreit?

Mit der Macht der Bilder und der Projektionen hängt das wohl zusammen. Da habe ich vielleicht viele Jahre damit verbracht, jemand anderem mit oder ohne Worte zu sagen: So bist du also. Ich bin im Bild über dich. Schlimmstenfalls: Dich kann man glatt vergessen. Statt ihn oder sie zu sehen, haben wir uns unser Bild von ihm oder ihr gemacht. Die Macht des Bildes wird zur Macht der Projektionen. Projektionen aber sind getarnte Unterdrückung. Sie lassen den anderen nicht wachsen, schneiden ihn von der Welt ab, in der wir gemeinsam leben. Vor allem aber auch: Projektionen sind Unterdrückung meiner selbst. Sie lassen mich an ihm oder an ihr nicht wachsen, verschliessen die Zukunft, die der Andere mir eröffnen könnte.

Und da bleibt auf einmal der Blick auf dem Anderen liegen. Da durchbricht die Entdeckung des Anderen die Projektionen, da entreissen die Geschichten und die Bilder die Menschen dem Vergessen. Und ich entdecke, vielleicht nur ansatzweise: Er oder sie, er ist wie ich. Nein, anders, mehr noch: Er oder sie bringt eine Saite in mir zum Klingen, die verstummt ist oder die noch nie geklungen hat. „Du bist ein Bild meines heimlichen Lebens“, spüre ich dann, und das ist das Urbild, das ist die Sprache der liebenden Begegnung. Wir können, ja, wir werden aneinander wachsen. Das ist die Erfahrung, die Menschen – heissen sie nun Matthäus, Zachäus oder wie auch immer – in der Begegnung mit Jesus gemacht haben. Dass sie in der Begegnung mit ihm, unter seinen Blicken und Worten, ganz gross geworden, dass sie weit über sich hinausgewachsen sind. Nein, keine Heroen, keine Supermänner. Aber gross gerade auch in der Sensibilität für Begegnungen, in den Blicken für das Übersehene und Vergessene. Und das ist die Erfahrung jeder wirklichen Gottesbegegnung: Dass sie Menschen nichtklein, sondern gross macht. Mit der Ahnung ausstattet für die unendlich Würde und Wichtigkeit, die um jeden Menschen ist.

Glaubst du an Telepathie?“, frag Tamara beim Abschied der beiden ihren Freund. „Ich weiss nicht“, antwortet Valentin, „aber wir können es versuchen“. Und da sitzt Tamara allein im Zug nach Sarajewo, lässt ihre Haare am offenen Fenster, im Zugwind wehen. Und die Drähte, die  vorbeifliegen und überdeutlich in die Bilder ragen, sind wie Botschaften, die auch aus der Ferne ihr Leben begleiten werden. So wird die liebende Begegnung zwischen Menschen zum Gleichnis und Abbild einer Wirklichkeit, die Zukunft eröffnet und erschliesst.

Ich bin nicht allein in dieser Welt, lese ich in den Gesichtern des Films und ich höre es auch aus dem biblischen Wort, das mir begegnet. Und die Zuversicht ist auf einmal wieder da, auch an den kommenden Begegnungen und Erfahrungen – so schwierig sie manchmal sein mögen – zu reifen und zu wachsen.

                                                                                 Amen.