(Selbst)Verletzungen
Paul Schrader: The Basics of Philosophy


Schuld und Vergebung

Vor 50 Jahren hat Paul Schrader das Drehbuch zu „Taxi Driver“ geschrieben und kurze Zeit später Richard Gere in „American Gigolo“ zum Star gemacht. Seine letzten Filme, darunter das großartige Poker-Drama „The Card Counter“ (2001), hatten alle in Venedig Premiere, wo er vor vier Jahren mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk geehrt wurde. Jetzt ist er mit seinem neuer Film außer Konkurrenz auf dem Lido, dessen Titel hält, was er verspricht. In „The Basics of Philosophy“ spielt Jack Huston John, einen Philosophie Professor an einem College in Mittleren Westen. Er arbeitet an einem Buch über Spinoza und hat eine Affäre mit seiner schönen Kollegin Becca (Sofia Boutella). Als sein Vater (Bill Pullman) stirbt, gerät Johns Welt aus dem Gleichgewicht. Erinnerungen an einen sexuellen Übergriff gegenüber einem 14jährigen Klavierschüler tauchen auf und lassen ihn nicht mehr zu Ruhe kommen. Damals hatte sein Vater durch ein großzügiges Stipendium dafür gesorgt, dass es keinen Skandal gab. Als John seinem früheren Opfer bei der Totenfeier für den Vater wieder begegnet, wird er von Schuldgefühlen gequält und muss sich Fragen nach seiner sexuellen Identität stellen. 

Traumatisierte Protagonisten, die sich mit ihrer Schuld und ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen, sind ein bestimmendes Thema in Schraders Filmen. „Ich bin in einem calvinistischen Milieu aufgewachsen, geprägt von der Idee göttlicher Prädestination, von Vorstellungen wie Erbsünde und Schuld. Das prägt mich und meine Filme bis heute, ob ich will oder nicht,“ wie Schrader in der Pressekonferenz sagte. 

Für den Philosophie-Professor John ist der Rationalist Spinoza sein intellektuelles Leitbild. Der Mensch soll Emotionen und Leidenschaften hinter sich lassen und sein Leben an der Vernunft ausrichten. Aber wie kann man von der Schuld erlöst werden und Vergebung finden? Das ist die zentrale Frage, die der Film stellt, ohne eine Antwort darauf zu geben. Paul Schrader kombiniert anspruchsvolle philosophische Reflexionen mit dem Dilemma eines Mannes, der seinen eigenen intellektuellen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann. Darüber hinaus ist die algerisch-französische Tänzerin und Schauspielerin Sofia Boutella als Geliebte Becca Grund genug, sich die „Basics of Philosophy“ anzuschauen.

Gewalt und Leidenschaft

Mit Vernunft haben die Protagonisten in Cédric Kahns Film „15/18“, (internationaler Titel „A Place to Heal“) wenig im Sinn. Wilde Emotionen und aggressive Reaktionen bestimmen ihr Verhalten. Schauplatz ist eine psychiatrische Institution für Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Was auf den ersten Blick wie eine Dokumentation wirkt, ist in Wirklichkeit das Resultat sorgfältiger Vorbereitung. Der französische Regisseur hat zusammen mit seiner Co-Autorin Kahina Le Querec sechs Monate lang den Alltag in der Psychiatrie recherchiert, war bei Einzel- und Gruppensitzungen sowie allen möglichen Begleittherapien und hat auf der Grundlage dieser Beobachtungen seine Figuren gecastet. „Aus diesem Ausgangsmaterial entstanden Figuren, die tief von der Realität inspiriert waren: leidenschaftliche, unermüdliche Fachkräfte im Gesundheitswesen, deren Widerstandsfähigkeit oft durch ihre Lebenswege geprägt war; überforderte und orientierungslose Eltern; und vor allem verletzte Jugendliche – zugleich kindlich und bemerkenswert reif – die von selbstzerstörerischen Impulsen getrieben wurden, aber dennoch eine überwältigende Vitalität besaßen.“

Malou Khebizi, die die 16jährige Lucia spielt, sprach in der Pressekonferenz darüber, wie viel die Jugendlichen geprobt haben, um bei den Dreharbeiten frei und spontan zu agieren. Besonders eindringlich ist eine Szene, in der Lucia ein Behandlungszimmers komplett zerlegt und den Psychiater, der sie beruhigen will, so heftig in die Hand beißt, dass man die Abdrücke ihrer Zähne sieht. Lucia rastet aus, weil Enzo (Kenji Peyran) sich nach einer kurzen Affäre mit ihr mehr für die Mitpatientin Eloise (Patience Munchenbach) interessiert. 

Die Jugendlichen sind alle auf ihre eigene Art verwirrt, orientierungslos, das Opfer schwieriger familiärer Verhältnisse. „15/18“ ist eine präzise Sozialstudie, die nie sentimental wird, sondern mit dokumentarischer Genauigkeit den Alltag einer Institution beobachtet, die gesellschaftlich kaum wahrgenommen und oft tabuisiert wird.

Cédric Kahn ist ein Regisseur, der keine kontroversen Themen meidet und an seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Regie Kollegen Laurent Cantet erinnert, vor allem an dessen Arbeitsweise mit Jugendlichen bei „Entre les murs“ (Die Klasse, 2008), dem Gewinner der Goldenen Palme in Cannes vor knapp 20 Jahren.

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