Geschichten von Liebe und Leid
Succederà questa notte (It Will Happen Tonight, Nanni Moretti)


Es ist 37 Jahre her, dass ein Film von Nanni Moretti seine Premiere auf dem Lido hatte. Seitdem war der römische Regisseur immer im Wettbewerb von Cannes vertreten, angeblich weil seine Filme nie rechtzeitig im Sommer fertig waren. Jetzt also die Heimkehr des verlorenen Sohns nach Venedig, wo er wie bei einem Heimspiel von Publikum und Presse gefeiert wurde. Moretti, der bei seinen Pressekonferenzen manchmal etwas grimmig auftritt, wirkte ausgesprochen gelöst und heiter. Vielleicht ist es die Gelassenheit des Alters, die sich auch in seinem neuen Film niederschlägt. „Succederá questa notte“ (It Will Happen Tonight), eine Adaptation von drei Kurzgeschichten des israelischen Autors Eshkol Nevo, ist eine romantische Liebesgeschichte. 

Der Film beginnt in Oslo. Thea (Melina Akerman Kvie) ist schwanger von Matteo (Louis Garrel in perfektem Italienisch). Beide wollen nach Rom ziehen, aber als Matteos Mutter der neunzehnjährigen Thea die Fähigkeit abspricht, Mutter zu sein, bricht sie die Reise auf dem Flughafen ab. Sieben Jahre später hat Matteo eine magische Begegnung auf einem Tennisplatz mit einer Frau im Brautkleid (Jasmine Trinca), die ihm beim Ballaustausch keine Chance lässt. Es vergehen weitere sieben Jahre, bis er sie zufällig in einer Cafeteria wiedersieht. Und sie für ihn zu einer romantischen Obsession wird.

Matteo ist mit der Ärztin seines Vaters (Hippolyte Girardot) verheiratet, Greta hat drei Kinder mit dem erfolgreichen Geschäftsmann Federico (Antonio De Matteo). Beide verheimlichen ihre Leidenschaft, und es bedarf eines weiteren Zeitsprungs, bis der Film ihnen eine Lösung ihrer Verstrickungen gönnt. Die Figur des Vaters, eines notorischen Womanizers, der begeistert ist, wenn er eine neue Frau kennenlernt und seinem Sohn erklärt, dass Viagra nur mit der Erfindung der E-Gitarre zu vergleichen ist, trägt viel zum Humor des Films bei.

Nanni Moretti selbst tritt nur kurz als Gretas Vater auf, „Succederá questa notte“ wirkt weniger selbstverliebt als manche seiner früheren Filme, die er oft selbst geschrieben hatte. „Irgendwann kam der Moment, an dem ich mit Autoren zusammenarbeiten wollte“, sagte Moretti in der Pressekonferenz, „mit einem soliden Drehbuch im Rücken“. Vor 27 Jahren hatte er die damals 16jährige Jasmine Trinca bei einem Casting für „Das Zimmer meines Sohnes“ in einer Schule entdeckt. Inzwischen ist sie ein großer Star des italienischen Kinos. „Jasmine hat etwas Leuchtendes, wenn sie auf der Leinwand erscheint“, kommentiert Moretti. Man schaut ihr gebannt zu, sie trägt den Film mit Leichtigkeit und Leidenschaft.

Verhalltes Echo

Um Leidenschaft geht es auch in „Echo Chamber“, dem neuen Werk des italienisch-amerikanischen Regisseurs Andrea Pallaoro. Mit 16 Jahren ging Pallaoro in die USA, wo er Film studierte und heute noch lebt. Luca Marinelli spielt den Musikproduzenten Leonardo, der in einer großzügigen Londoner Wohnung mit der Sängerin Ava (Susan Sarandon) an einem neuen Album arbeitet. Marianne Faithful, die in fortgeschrittenen Alter mit „Broken English“ ein erfolgreiches Comeback feierte, könnte das Vorbild gewesen sein. 

Auf der Suche nach einer Physiotherapeutin wegen seiner Bandscheibenschmerzen lernt Leonardo Ave kennen, gespielt von der Schwedin Alicia Vikander. Eigentlich sind die beiden ein perfektes Paar, doch selbst nach einer Stunde Kinozeit antwortet Ave auf die Frage, ob sie mit Leonardo zusammen sei, sie wisse es nicht. Und so geht es den ganzen Film hindurch. Das Echo ihrer Liebe droht in der Echokammer seiner edlen Wohnung zu verhallen. Dank einer arg melodramatischen Wendung kommen sie im letzten Akt endlich zusammen.

Diese „Echo Chamber“ verspricht mehr als sie einlösen kann. Luca Marinelli und Alicia Vikander schaut man gerne zu, aber die Geschichte lässt ihnen nicht viel Raum. Es war das letzte Drehbuch, das Bernardo Bertolucci (zusammen mit zwei weiteren Autoren) vor seinem Tod 2018 geschrieben hat. Der erfolgreiche Musikproduzent erinnert an den Regisseur, der in jungen Jahren mit „Il conformista“ zu einem international gefeierten Regiestar wurde. Die Bandscheibenschmerzen hingegen lassen an Bertolucci im Alter denken, der nach mehreren erfolglosen Operationen seine letzten Jahre im Rollstuhl verbrachte.

Der Teufel ist eine Frau

Jasmine Trinca ist auch die Protagonistin eines weiteren italienischen Films, „L’estranea“ (Die Spirale) von Paolo Strippoli. „Sei bellissima“ sagt ihr Ehemann zu ihr. Und man möchte ihm sofort zustimmen. Jasmine Trinca spielt Anna, die Mutter einer perfekten Familie, die mit ihren beiden Kindern in einer vornehmen Villa in Bari lebt. Ihr Mann Walter (Adriano Giannini) ist ein gut situierter Geschäftsmann. Früher träumte sie von einer Karriere als Schauspielerin und besorgt ihrer Tochter Alice eine Rolle in einem Werbeclip für Barilla.

Doch bevor es soweit ist, schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Der Hund der Familie zerfleischt Alices Bein, das amputiert werden soll. Als die verzweifelte Mutter Zuflucht in der Krankenhaus-Kapelle sucht, taucht dort eine geheimnisvolle Frau (Valeria Bruni Tedeschi) auf, die ihr einen faustischen Pakt anbietet. Alices Bein kann gerettet werden, wenn Anna dafür ihren Sohn opfert. Tobia (Andrea Genovese) hat eine vielversprechende Karriere als Fussballer vor sich, doch wegen einer Stoffwechselstörung wird er schon als Jugendlicher hoffnungslos verfetten. Als er einen Herzinfarkt erleidet, bietet die teuflische Frau an, diesmal ihn zu retten. Dafür muss Anna allerdings ihren Mann opfern. Aber das ist noch nicht das Ende der diabolischen Verstrickungen.

Guy Lodge nannte Paolo Strippoli, der auch das Drehbuch mitgeschrieben hat, “Italy’s new horror virtuoso“. Der Film beginnt mit einem Besuch der älter gewordenen Anna bei Alice (Romana Maggiora Vergano) in Rom. Draußen fällt ein sintflutartiger Regen, während Anna ihrer Tochter die ‚wahre‘ Geschichte der Familie erzählt. Jasmine Trinca, mit viel Mut zur Hässlichkeit, ist brillant als vom Ehrgeiz zerfressene Mutter, die sich im Mittelpunkt aller Familienkatastrophen sieht. Strippoli spart nicht mit dramatischen Effekten und einem überwältigenden Soundtrack. Man kann die dramaturgischen Wendungen und die Raffinesse der Inszenierung von „L’estranea“ nur bewundern, und am Ende bleibt kein Zweifel: Der Teufel ist eine Frau!

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