Von Hans-Martin Gutmann
Die Preisverleihung der Ökumenischen Jury, v.l.: Hans-Martin Gutmann, Lukáš Jirsa und Valérie Marnhac (© KVIFF 2026).


Ich war noch nie in Karlovy Vary. Und es ist nach der Berlinale vor vier Jahren auch erst meine zweite Mitarbeit in der ökumenischen Jury. Ich bin INTERFILM/SIGNIS sehr dankbar für diese Berufung.

Es macht Sinn, denke ich, dass ich das Gesamtereignis - Mitarbeit in der ökumenischen Jury beim 60. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary - nach den Stationen einer „rituellen Partykurve“ beschreibe:

•       Entrance/Grenzüberschreitung in eine gegenüber der Alltagserfahrung anderen Welt: Die Reise mit der Bahn ist wie immer unkalkulierbar und abenteuerlich. Auch wenn es sich diesmal nicht um DB-eigene Züge handelt. Das Problem: alles zu voll. In Berlin steht der Zug über zwei Stunden. Mit Polizeieinsatz Räumung wegen Überfüllung. Wer keinen Sitzplatz gebucht hat, muss raus. Der Anschlusszug von Usti vad Ladem ist natürlich weg. Dieses Problem verkompliziert sich, weil auf dem Bahnhof von Usti völlig unklar bleibt, und zwar bis zum Schluss, von welchem Gleis der Zug nach Karlova Vary abgeht. Allgemeine Verwirrung: das unten in der Bahnhofshalle angegebene Gleis 3 heißt vor Ort (also oben bei den Schienen) Gleis 1 und 2. Aufschriften an Anzeigetafeln an den Gleisen mit den Zielbahnhöfen werden erst unmittelbar vor der Abfahrt angeschrieben. Was dazu führt, dass gerade bei Verspätung die Leute immer wieder die Rolltreppe runterfahren und sich vergewissern: unten an den Anzeigetafeln steht Gleis 3, was oben Gleis 1 und 2 heißt. Meine Fresse. Aufgeregt und erledigt sitze ich schließlich im richtigen Zug.

•       Illuminatio: Beim Filmfestival angekommen, klären sich die Dinge nach und nach immer mehr, schneller und immer intensiver. Ich werde von einem der ungefähr 100 nagelneuen BMW KVIFF Official Cars, alles Riesenlimousinen und fast alle mit e-Motor, vom Bahnhof zum Thermal Hotel gefahren. Ich werde von der großartig kompetenten und freundlichen Pavlina Grassova vom KVIFF Program Department in diesem Filmpalast empfangen, mit einigen Happen und Schlucken aufgepäppelt und auf den richtigen Weg ins nahegelegenen Hotel Ruze geschickt. Super Location übrigens. Ich lerne meine beiden Kolleg:innen aus der ökumenischen Jury kennen: Valerie de Marnhac und Lukas Jirsa. Wir verstehen uns von Anfang an großartig. Auf englisch. Was in meinem Fall die Technik voraussetzt, die jedem Menschen mit beginnender Demenz vertraut ist: wenn du ein Wort nicht findest, umschreibe es solange, bis ein Hauch von Verständnis in den Gesichtern der Gesprächspartner aufscheint. Das funktioniert wunderbar, und Valerie und Lukas sind großartig kundige Filmleute. 

Unter der Leitung von Lukas - gelassen, freundlich und, wenn es sein muss, auch manchmal bestimmt - sehen wir in den folgenden Tagen immer schon frühmorgens die Wettbewerbsfilme an, insgesamt zwölf, und diskutieren und bewerten sie jeden zweiten Tag, weil wir sonst in der Fülle von Erzählungen und Bildern untergehen würden. Vor allem auch deshalb, weil wir alle drei nachmittags und abends noch weitere Filme außerhalb des Wettbewerbs anschauen. Die Zusammenarbeit und die Vertrautheit im Jury-Team nimmt von Tg zu Tag dramatisch zu. Lukas ist ein phantastischer Jury-Leiter, der mir über alle anfänglichen Findungsschwierigkeiten hinweghilft - wo bekommen wir die Tickets? Wo gibt des den besten und billigsten Kaffee?  Wann und wo (das ist einfach: in unserem Hotel nämlich) gibt es alle zwei Tage abends lecker und umsonst zu essen und zu trinken? Er leitet unsere Debatten zielgerichtet und erfolgreich, alle Eindrücke und Argumente kommen zur Geltung. Was nach dem Durchgang durch alle Wettbewerbsfilme schließlich erstaunlich unproblematisch zur nächsten Stufe der rituellen Partykurve führt:

•       Unio. Wir sind uns von Beginn des Entscheidungsprozesses an einig, dass wir vier Filme in die engere Wahl nehmen: „A Happy Family“, Regie: Jan-Eric Mack (Schweiz 2026. „Pramen“, Regie: Ivan Ostrochovsky (Slowakische Republik, Tschechische Republik, Ungarn 2026). „The Guest“, Regie: Mads Mengel (Gæsten, Dänemark 2026). Und: „The Lion at My Back“, Reige: Tonia Mishiali (Zypern, Luxemburg. Griechenland 2026). Nachdem mittlerweile alle Filmerzählungen der Wettbewerbsfilme des 60. Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary im Internet zugänglich sind, muss ich hier meinen eigenen Versuch nicht zumuten, sondern berichten, dass sich die Ökumenische Jury sehr schnell einig ist: Die ökumenische Jury des 60. Internationalen Filmfestivals Karlovy Vary gibt den Preis der Ökumenischen Jury an: „The Lion at My Back“. 

Der Film erzählt in dichter, realistischer und an Wendepunkten metaphorischer Bildsprache die Geschichte der aus Senegal geflüchteten achtzehnjährigen Mariama, die von der vierzigjährigen Zypriotin Stella in Hunger und Wohnungslosigkeit unterstützt wird und eine immer engere Beziehung mit ihr eingeht. Stella, Mutter eines kleinen Mädchens, ist nach einer Drogenkarriere in zerstörerische Abhängigkeit von Männern verstrickt, die sie zur Unterwerfungen unter brutale sexualisierte Gewalt zwingen. Obwohl Mariama selbst aus zerstörerischer Lage kommt, hat sie so große innere Kraft, dass sie Stella und ihre Tochter befreien kann. Sie geht unbeschädigt durch die Männergewalt hindurch, kann andere Geflüchtete unterstützen und eine Beziehung zu einem emphatischen Mann eingehen. In ökumenischer Perspektive ist „The Lion at My Back“ eine Evangeliums-Erzählung. Mariama wird für Stella und andere, die aus eigener Kraft nicht aus zerstörerischer Beherrschung herausfinden können, zum Christus. 

Gut. Unsere Arbeit ist getan. Jetzt geht es nach dem Höhepunkt der rituellen Partykurve um die nächste Stufe:

•       Missio. Dank Michael, einem unserem Jurypräsidenten Lukas ergebenem Kameramann, lassen wir uns alle drei, Valerie, Lukas und ich, über unsere Eindrücke und Entscheidungen interviewen, um der gelungenen Arbeit der ökumenischen Jury Gewicht zu geben und sie in alle Welt zu senden. Wir diskutieren in unterschiedlichen Zusammensetzungen und Gelegenheiten, so beim großartigen Abschiedsessen im Luxushotel Pupp, mit zufällig über den Weg laufenden Filmteams, Regisseur:innen, Schauspieler:innen und Gästen ohne besondere Rolle über unsere Preisvergabe, die im Verhältnis zu den Entscheidungen der internationalen Festival-Jury deutlich anders ausgefallen ist: was hat das zu bedeuten? Was spricht für die internationale Jury, was für unsere ökumenische Jury, deren Gewicht und Bedeutung nicht zu gering angesetzt werden kann? 

Wir lassen Erinnerungen und innere Bilder aus den intensiven Festivaltagen lebendig werden und zirkulieren, in meinem Fall beispielsweise: Dustin Hoffmann, Juliette Binoche und Kevin Bacon - es gibt sie wirklich! Nicht nur im Film! Und die verehrungswürdige Juliette Binoche, eine meiner großen Idole, muss bei ihren öffentlichen Auftritten immer wieder weinen - was ist los mit ihr? Braucht sie meinen Zuspruch und Ermutigung, oder möchte sie uns allen einfach ihre innere Bewegtheit zeigen? Jedenfalls, um das zusammenfassend zu sagen: ich bin begeistert und beglückt über den gesamten Prozess dieser wilden und schlafarmen Tage beim 60th Karlovy Vary International Film Festival. Dankbar, dass ich das miterleben durfte und meine Urteile zur Geltung bringen konnte. Und hundemüde.

•       Rückreise/Grenzüberschreitung zur Alltagswelt. Ich sitze im Zug. Ich habe alle Desorientierungs-Chancen am Bahnhof Usti heil überstanden. Wir sind noch nicht in Berlin Hbf angekommen, wo der Zug wahrscheinlich wieder stundenlang steht und polizeilich von übermäßiger Überfüllung befreit wird. Ich schreibe diesen Artikel und freue mich, irgendwann in der Nacht zu Hause anzukommen, meine Liebste in den Arm nehmen zu können und bei Nudeln, Wein und einer Netflix-Komödie den Alltag des Lebens wieder in mein Herz lassen kann.

•       Ich bin glücklich über die vergangenen zehn Tage. Danke, INTERFILM/SIGNIS, für diese wunderbare Gelegenheit.

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