Vier Halbwüchsige sitzen um einen Tisch und spielen Russisches Roulette. In der zweiten Runde fallen Schüsse. Der Anstifter bleibt übrig, verdammt zum Weiterleben. Mit diesem Schluss zog ein spanischer Kurzfilm „Corderos di Dios" (Lämmer Gottes), die bitterste Konsequenz aus einem unterschwelligen Leitmotiv des 21. Internationalen Filmfestivals von Montreal in Kanada: Junge Menschen sind in dieser von Gewalt und Lieblosigkeit beherrschten Welt alleingelassen.
Vor allem Erstlingswerken gibt die Kulturmetropole der französischsprachigen Provinz Quebec eine Bühne. In den Wettbewerb des bedeutendsten Festivals auf dem nordamerikanischen Kontinent gelangt nur eine Auswahl Produktionen, die zuvor noch nirgends gezeigt worden sind. Darin unterscheidet sich Montreal von der englischsprachigen Konkurrentin Toronto, die mit Hollywood-Stars und -produktionen und den Preisträgern anderer Festivals Aufsehen erregt.
Über 400 Spiel- und Kurzfilme insgesamt waren, über zwölf Tage verteilt, zu besichtigen, davon 21 lange und 14 kurze im Wettbewerb. Für diesen Marathon opfern Filmfreunde aus entfernten Orten Kanadas sogar ihren Urlaub, um in endloser Schlange geduldig wartend, ihre Karten zu erstehen. Sie feierten die Schwedin Liv Ullmann, die - außer Konkurrenz - mit „Private Confessions" (Private Bekenntnisse) nach einem Drehbuch von lngmar Bergman, dem feinfühligen Portrait einer ungetreuen Ehefrau, sämtlichen im Wettbewerb versammelten Liebesdramen die Schau stahl.
Gute Kritiken im Ausland bahnen auch Filmen einen Weg, die im eigenen Land unpopulär seien, bekannte der junge Münchner Regisseur Andreas Kleinert. Diese erste Hürde nahm sein im ostdeutschen Milieu angesiedelter Spielfilm „Im Namen der Unschuld" mit Bravour, zumal sich Barbara Sukowa als Mutter, die den Mörder ihrer Tochter sucht, hier sehr wandlungsfähig zeigt. Die auffallend zahlreich vertretenen neuen deutschen Filme nahm das Publikum insgesamt mit grosser Sympathie auf. So etwa Kadir Soezens vielversprechenden Erstling „Winterblume", in dem der Kölner mit dem Leidensweg eines abgeschobenen und illegal zurückkehrenden Türken die Erfahrungen des eigenen Vaters schildert. Der in München lebende Bence Gyoengyoessy wurde für den besten ersten Spielfilm des gesamten Festivals mit dem „Prix de Montreal" geehrt - für „Romani Kris, Zigeunergesetz", die mit ebenso viel Humor wie Realitätssinn verfilmte Odyssee eines ungarischen Patriarchen.
Offizieller deutscher Wettbewerbsteilnehmer war der Kurzfilm „Kettenraucher" der Berlinerin Maria von Heland, eine der raren Slapstick-Komödien des Festivals. Was ein deutsches Publikum versäumt, das im Kino keinen Vorfilm mehr zu sehen bekommt, davon vermitteln hier die vielen kleinen Meisterwerke eine Vorstellung.
Mit Preisen überschüttet wurde in Montreal ein iranischer Film, der Kinder als kleine Helden eines schwierigen Alltags in den Mittelpunkt stellt. In „Children of Heaven" (Kinder des Himmels) versucht ein Junge verzweifelt, seiner kleinen Schwester zu Schuhen für die Schule zu verhelfen, nachdem er ihr einziges Paar verloren hat. Für diese ebenso schlicht wie präzise erzählte Geschichte über Leid und Solidarität in der Lebenswelt eines Neunjährigen erhielt der Regisseur Majid Majidi den Preis des Festivals, der Ökumenischen Jury und des Publikums.
In "Lawn Dogs" (Herrenlose Hunde) von John Duigan (Großbritannien) sucht ein überbehütetes kleines Mädchen aus einer amerikanischen Vorstadtsiedlung die Freundschaft eines jungen Hilfsarbeiters und bringt ihn dadurch in Lebensgefahr. Mit viel Charme nahm die junge Hauptdarstellerin auch auf der Bühne den Preis für Sam Rockwell entgegen, der als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.
In mehreren Filme n wird der Großvater zum Lebenshalt und ruhenden Pol für Kinder aus zerrissenen Familien, so besonders anrührend in "Pajarico" (Kleiner einsamer Vogel) des spanischen Altmeisters Carlos Saura („Carmen"), der gleichfalls mehrere Preise erhielt. Unter den Reißern gab es Filme, in denen Kinder mörderische Angriffe auf ihre Mutter miterleben und in der Folge selbst kriminelle Energie entwickeln , so im australischen Beitrag „Kiss or Kill" (Küssen oder Töten) von Bill Bennett, einer "Bonnie-and-Clyde"Variante, für die Frances O'Connor den Preis als beste Akteurin davontrug.
Der Spezialpreis der Jury wie der Kritikervereinigung Fipresci galt allerdings einem anderen Thema : dem würdevoll zelebrierten Abschied eines blinden alternden Schriftstellers, der seine junge Frau freigibt und bei seiner letzten Lesung das Publikum auffordert, sein Schweigen zu teilen: ,.Homer". Der 70-jährige italienische Autor und Regisseur Fabio Carpi nahm den Preis gerührt entgegen.