Krieg in Gaza
Kurz vor Ende brach die Realität des Gazakriegs in den ruhigen Verlauf des Festivals ein. Wie eine Naturgewalt schlug der israelische Film „Naza“ auf dem Lido von Venedig ein, dermaßen erschütterte der Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor, die vor zwei Jahren für „No Other Land“ einen Oscar gewonnen hatten, das Publikum und die Kritik. Beim Applaus nach der Premiere in der Sala Grande gab es einen neuen Festivalrekord, 25 Minuten standing ovations. Der Film war erst spät für den Wettbewerb nachnominiert worden, um polemische Reaktionen im Vorfeld zu vermeiden.
Auf einer Dachterrasse im nächtlichen Tel Aviv befragt Yuval Abraham 25 israelische Offiziere aus Eliteeinheiten, die Zielvorgaben für Angriffe in Gaza ausarbeiten oder Drohnenattacken steuern. Sie bleiben anonym, die Gesichter verschwinden in der Dunkelheit, die Stimmen sind akustisch verfremdet. Naza, so erfahren wir in den ersten Minuten des Films, ist der militärische Begriff für Kollateralschäden, bei denen unbeteiligte Zivilisten ums Leben kommen. Bis zu 15 sind bei jedem Angriff eingerechnet, es können auch mehr sein.
Nach dem Sechs-Tage-Krieg hatte Israel im besetzten Gaza-Streifen ein Telefonnetz aufgebaut, um alle Formen der Kommunikation zu kontrollieren. Jedem Telefon ist eine Kennziffer zugeordnet, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz können Bewegungsprofile erstellt werden. Ein besonders erschütterndes Kapitel in den Befragungen trägt den Titel „Daddy is home“. Wenn in Gesprächen der Kinder oder anderer Angehörige die Schlüsselwörter „Daddy“ und „Home“ fallen, wird der Angriff freigegeben, ganz gleich wie viele Familienangehörige dabei ums Leben kommen.
Eine andere Strategie besteht darin, ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, dass die Bewohner, sofern sie noch am Leben sind, in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren können. Wenn Menschen sich den Verteilzentren von Lebensmitteln nähern, werden sie von Scharfschützen ins Visier genommen, sobald sie eine unsichtbare Linie überschreiten, die sie gar nicht kennen. All das berichten die verantwortlichen Offiziere in ruhigem Ton, manche erwähnen einen bestimmten Lustgewinn wie bei einem Videospiel. Moralische Fragen tauchen nicht auf, es gilt, Vorgaben zu folgen und eine Mission zu erfüllen.
Zwischen den Interviews sehen wir die Silhouetten von Bewohnern in den umliegenden Hochhäuser, Menschen in ihrem Alltag, im Wohnzimmer, auf dem Balkon, während im Hintergrund TV-Nachrichten zu erkennen sind. Darunter der ‚liberale‘ Präsident Isaac Herzog, der erklärt, dass es in Gaza keine unschuldigen Zivilisten gibt, oder Netanyahu, der militärische Erfolge verkündet. Wir sehen, wie beim Holocaust-Gedenktag alle Autos stehen bleiben und jeder innehält, eine Erinnerung an das Trauma, das Israel überschattet. Nach den Aussagen der israelischen Offiziere, die sich als Techniker des ferngesteuerten Krieges verstehen, dürfte die Debatte um den Begriff des Genozids in Gaza neue Nahrung finden.
Was an „Naza“ beeindruckt, ist die ruhige, zurückhaltende Machart, die Yuval Abraham und Rachel Szor gewählt haben. Es gibt keinen Kommentar aus dem Off, die Filmemacher lassen ihre Interviewpartner für sich sprechen. Bis auf eine Schlusssequenz, in der ein Vater in den Trümmern eines Gebäudes nach seinen Kindern sucht, sehen wir keine Bilder von den Zerstörungen in Gaza. Was geschieht, wenn die Zielplaner einen Drohnenangriff oder eine Bombardierung anordnen, bleibt der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen.
Folter in Argentinien
In den letzten Tagen des Festivals gab es eine hochkarätige Auswahl an Filmen mit politischen Themen. Neben „Naza“ war es der italienisch-argentinische Beitrag „Ritorno a Buenos Aires“ (Rückkehr nach Buenos Aires) von Marco Bechis. Mariano (Andrea Giannini) lebt als Arzt in Turin, als er einen Anruf aus Buenos Aires erhält, er soll als Zeuge bei einem Prozess gegen Offiziere aussagen, die während der Militärdiktatur (1976-1983) Gefangene gefoltert haben. Plötzlich wird Mariano mit einer Vergangenheit konfrontiert, die er glaubte, hinter sich gelassen zu haben. „Mit „Ritorno a Buenos Aires“ kehre ich fünfzig Jahre später nach Argentinien zurück“ sagt Marco Bechis. „Ich kehre mit einer Geschichte zurück, die nicht meine eigene ist, die aber aus einer Wunde herrührt, die ich sehr gut kenne. Auch ich wurde während der argentinischen Diktatur entführt, aber ich bin nicht Mariano. Ich habe mich für die Fiktion entschieden, weil sie manchmal der einzige Weg ist, sich einer Wahrheit zu nähern, die die Erinnerung allein nicht wiedergeben kann. Was bedeutet es, zu überleben?
Mariano kehrt nach Buenos Aires zurück, um vor Gericht auszusagen. Durch seine Geschichte wollte ich den Moment erfassen, in dem die Vergangenheit erneut in die Gegenwart einbricht.“
Marco Bechis war 21 Jahre alt und arbeitete als Lehrer, als er im April 1977 entführt und gefoltert und schließlich vier Monate später wieder freigelassen wurde. Die meisten der „Desaparecidos“ (Verschwundenen) haben die Haft und Folter nicht überlebt, viele wurden von Flugzeugen aus lebend ins Meer geworfen, um keine Spuren zu hinterlassen. Nach der Haft ging Bechis nach Italien und lebt heute in Mailand. 2021 veröffentlichte ein Memoir unter dem Titel „La solitudine del sovversivo“ (Die Einsamkeit des Subversiven). Auch in früheren Filmen wie „Garage Olimpo“ (Junta, 1999) hat er sich mit dem Schicksal der „Verschwundenen“ befasst.
Die Tragik der Figur des von Andrea Giannini brillant gespielten Arztes Mariano liegt darin, dass er nicht nur Opfer war, sondern auch zum Täter wurde. Er wurde gezwungen, Genossen auf der Straße zu identifizieren, als Medizinstudent war er zuständig für Medikamente und Operationen, um Schusswunden oder Gefangene nach der Elektro-Folter zu behandeln. Entsprechend misstrauisch stehen ihm die anderen Zeugen gegenüber.
„Ritorno a Buenos Aires“ ist nicht nur sehr bewegend, sondern auch ein Beispiel dafür, wie traumatische Gewalterfahrungen filmisch überzeugend umgesetzt werden können. „Letztendlich geht es in dem Film um eine einzige Tatsache: um die Schuldgefühle der Überlebenden, die einen nie ganz loslassen.“ (Marco Bechis)