Zur Erinnerung an den amerikanischen Regisseur Mitchell Leisen
Mitchell Leisen: Easy Living (1937, © Il Cinema Ritrovato 2026)


Wer außer einigen Hardcore Cineasten kann mit dem Namen Mitchell Leisen heute noch etwas anfangen? Spezialisten der Geschichte Hollywoods werden ihn als erfolgreichen Komödienregisseur der 30er und 40er Jahre kennen. „Light comedy is a state of mind“, so beschrieb er den Charakter seiner Filme. Leisen war ursprünglich Kostüm- und Szenenbildner, bevor er zur Regie kam, berühmt für die Eleganz seiner Inszenierungen, und trug entscheidend dazu bei, dass Carole Lombard, Claudette Colbert, Ray Milland und Fred MacMurray zu Stars wurden.

Einer seiner bekanntesten Filme trägt den bezeichnenden Titel „Easy Living“(Mein Leben im Luxus, 1937), basierend auf einem Drehbuch von Preston Sturges.

Wütend über die Verschwendungssucht seiner Frau wirft der Bankier J.D. Ball (Edward Arnold) ihren Nerzmantel vom Balkon seines New Yorker Penthouses. Unten landet er auf Mary Smith (Jean Arthur), einer unterbezahlten Redakteurin eines Jugendmagazins, worauf eine klassische ‚Kleider machen Leute‘ Geschichte ihren Anfang nimmt. In einem damals ultramodernen Lunch Automat Café trifft Mary auf den Sohn der Familie (Ray Milland), der dort angewidert vom Reichtum seines Vaters als Kellner arbeitet. Sie sieht vornehm aus, ist aber völlig pleite, er ist armselig angezogen, aber in Wirklichkeit Milliardär. Als der Automat verrückt spielt, bietet sich die Gelegenheit zu einer grandiosen Slapstick-Sequenz, bei der alles zu Bruch geht. 

Das Spiel mit dem Gegensatz von arm und reich war ein beliebtes Motiv im klassischen Hollywood-Kino. Natürlich verlieben sich die Sekretärin und der Millionenerbe. Mit innovativen Ideen krempelt der Sohn das traditionelle Business des verstockten Vaters um, der schließlich zur Einsicht kommt. Auf diese Weise schafft es „Easy Living“ aufzulösen, was der amerikanische Filmhistoriker Thomas Schatz als das Dilemma der Screwball-Komödien bezeichnet hat: „reconciling class differences“ (Klassenunterschiede zu versöhnen).

In „Hold Back the Dawn“ (Das goldene Tor, 1941) nach einem Drehbuch von Charles Brackett und Billy Wilder spielt Charles Boyer den rumänischen Tänzer und Gigolo Georges Iscovescu, der in einer mexikanischen Grenzstadt gestrandet ist und hofft, durch die Ehe mit der erotisch unerfahrenen amerikanischen Lehrerin Emily Brown (Olivia de Havilland) in die USA zu kommen. Alles läuft nach Plan, George fällt es nicht schwer, die naive Lehrerin mit romantischen Liebesschwüren um den Finger zu wickeln. Bis plötzlich seine frühere Tanzpartnerin Anita (Paulette Goddard) auftaucht und alte Rechte einfordert. Trotz des komödiantischen Tons scheint die bittere Realität einer Einwanderungspraxis nach nationalen Quoten durch. Als Rumäne hat Georges keine Chance, legal in die USA zu gelangen. Zugleich denkt man auch an die brachialen Methoden der Trump-Administration. Bemerkenswert ist die narrative Konstruktion. Auf einer Tour über das Paramount-Geländes verschafft sich Georges Zugang zu einem Set, an dem gerade Mitchell Leisen als Regisseur mit Dreharbeiten beschäftigt ist, und erzählt ihm seine Geschichte, die er als Idee für einen Film vorschlägt. Alles Weitere wird dann als Flashback erzählt.

###drp|00100010oHJuYI-POCoRTwXD81evHZ0s0Q7ERsdvy9sF3T8VnNv_000000442591i-120|Practically Yours (© Il Cinema Ritrovato 2026)||###

In „Practically Yours“ (Sturzflug ins Glück, 1944) demontiert Mitchell Leisen mit den Mitteln der Komödie den Kult um einen vermeintlichen Kriegshelden. Fred MacMurray spielt den Kampfpiloten Daniel, der bei einer heroischen Kamikaze-Aktion angeblich einen japanischen Flugzeugträger versenkt hat und dabei ums Leben gekommen ist. Seine letzten Worte gelten „Piggy“, seinem Hund. Aufgrund eines akustischen Missverständnisses versteht man „Peggy“, den Namen seiner Kollegin in einer Schreibmaschinenfabrik  (Claudette Colbert). In einer großen Medienkampagne werden der tote Held und die trauernde Geliebte gefeiert. Als der Tote unerwartet wieder auftaucht, bereitet der Firmenchef alles für eine baldige Heirat vor.

Bald kommt das Missverständnis ans Licht, Peggy ist schockiert und will nichts mehr mit dem vermeintlichen Helden zu tun haben. Es war gar nicht Daniel, der den Flugzeugträger versenkt hat, doch das ‚verliebte Paar‘ muss gute Miene zum absurden Spiel machen. Am Ende kommen die beiden sich menschlich näher und ein Happy End glättet die Wogen. Das Motiv des fälschlich gefeierten Kriegshelden erinnert an Preston Sturges’ im gleichen Jahr entstandene Satire „Hall the Conquering Hero“ (Heil dem siegreichen Helden, 1944). Hier feiert eine ganze Kleinstadt den Kriegsheimkehrer, dessen Kameraden sich einen Scherz erlaubt haben. Derart subversive Unterwanderung patriotischer Heldengeschichten hätte man von Hollywood eigentlich nicht erwartet. So zeigt sich, dass es für Filme wie „Apocalypse Now“, „Platoon“, „Full Metal Jacket“, die sich kritisch mit dem Vietnamkrieg auseinandersetzen, historische Vorläufer gab.

Information

Festivals